Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1900)
- Date
- 1900-07-20
- Page
- Seite 344 (sequence 10)
- Language
- German
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344 überhaupt, ob nach den herrschenden Anschauungen des heutigen Zeitgeistes das Judenthum eines Bewerbers an und für sich und von vornherein ihn ungualifizirt mache, eine Pädagogische Aufgabe im Dienste der Oeffentlichkeit auszufüllen. Man darf nun beileibe von jüdischer Warte aus nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, mit erhobener Faust auf den Attentäter losstürzen wollen, der hier vom Positiv-christlichen, vom überzeugt-lutherischen, vom prinzipiell-pädagogischen Standpunkte aus mit durchaus ehrlicheil Waffen, ohne die leiseste Pöbelhafte antisemitische Anwandlung einen fatalen Feldzug unteriümmt, und dabei sehr ivohl ivissen muß, daß ihm bei der Lage der Dinge, wenigstens vorläufig kaum, faktischer Erfolg winken kann. Man wird sich mit einer ganzen Reihe Zauge'scher Gedanken abfiudeu müssen, z. B. ivie sich der höhere Lehrer jüdischen Glaubens am Sabbath gegenüber dem Unterrichte zu verhaltet« habe — „ein sogenannter Modernjude" ist dem frommen Zange ein Greuel —, ferner, daß die jüdischen Steuerzahler auf möglichst staatliche Sorge für religiöse Unterweisung ihrer Kinder Anspruch haben, sodann, und das dünkt uns der springende Punkt, inwieweit überhaupt sich das Thema von der alleinseligmachenden Koufessionsschnle, in die doch alle Argumente Zanges schließlich münden, mit dem Problem der Anstellnng jüdischer Lehrer an den höheren Anstalten decke. So eröffnet sich eine Fülle von strittigen Fragen, die zum Austrag gebracht tverden müssen, «nag es vom juristischen, pädagogischen, religiösen Forum aus geschehen. Es ist aber dabei überall zu berücksichtigen, daß Zange theils unumwunden, theils zwischen den Zeilen nur auf Preußen eingeht, allein zweimal ganz nebenbei Baden (wo seit 1870 ein ausdrückliches Gesetz die — nach Zange — falsche, rein formalistische Auslegung" des 1889 er Gesetzes auf die Gleichgiltigkeit der Konfession für die Lehrer aller Gelehrtenschulcit vornimmt) heranzieht. So komnit für ihn und seine Entwickelung das übrige Reich, beispielsweise Bayern, Württemberg, Elsaß - Lothringen mit ihren durchaus judenfreundlichen, Hessen, Hamburg u. a. mit ihren wenigstens nicht judengegnerischeli Grundsätzen und der von Zanges Regeln theilweise stark abweichenden Praxis leider außer jeglichem Betracht. Müßte man aber nicht gerade diese Staaten zum Vergleiche heranziehen, um feftzustellen, ob mit den nach Zanges Ansicht so verfahrenen Verhältnissen Preußens dort nicht weit schlimmere Zustände in Parallele stehen, was Theilnahme israelitischer Lehrer am höhereit Unterrichte anlaugt; unseres Wissens ist das aber keineswegs der Fall. Trete man nun an Zwanges Flugschrift mit derselben Empfindung heran, die er (S. 20) seinem Kern-Diktum vorausschickt: „Nur klare Verhältnisse in allen sittlichen und religiösen Dingen können charakterbildeitd tvirken" und sehe dann in offener Aussprache, wie es mit diesem Kerndiktum selbst steht, das da als Folgerung lautet: „Darum ist ein Jude als Lehrer in einer christlichen Schule ein fortwährendes Aergerniß in des Wortes schlimmsten, im biblischen Siitne, ein Anstoß für die Kleinen (?!) zum sittlichen Fall." Der Dvppeltitel, den Zanges Schrift trägt, erste Hälste, „die Gleichberechtigung der Religionen auf dem Gebiet des höheren Schulwesens", spitzt sich im Verlaufe mehr und mehr auf seine zweite Hälfte, „die Anstellung jüdischer Lehrer an den höheren Schulen," zu. Da ruht der Entscheid. Nur ruhig Blut! vr. T. Urbilder moderner Frauencharaktere im alten Testament. Von Gertrud Gräfin Bnlow von Denuewitz. fv. er hebräische Raine Mirjam bedeutet „Bitterkeit, Hader, Widersetzlichkeit", später entstaitd daraus Marjam und Maria. Daß Mirjam ihren Namen nicht unisonst trug, beweist eine Episode aus ihrem späteren Leben, die einen Zwist mit Mose behandelt. Sie sowohl wie ihr zweiter Bruder Aron hatten Aergerniß daran genommen, daß Moses eine Mohrin aus dem Lande Midian'). Zipvra, zu seinem Weibe gemacht hatte, und bei irgend einer unbekannten Veranlassung machten sie ihrem Unwillen durch harte Worte Luft. Offenbar thaten Beide hierill Unrecht, denn weder niedrige Sinnlichkeit noch Berechnung ivar der Beweggrund zu dieser Verbindung gewesen; auch scheint die verachtete Farbige weder ihrem hohen Gebieter und Eheherrn noch seinem Volke deil geringsteit Grund zur Unzufriedenheit gegeben zu haben. Eine Erkläruttg für das Auftreten Arons und Mirjams, welche wahrscheinlich die Verabschiedung der Zipvra von Moses verlangten, ist wohl darin zu suchen, daß seit dem triumphreichen Auszuge aus Aegypten mit dem Erwachen des israelitischen Nationalbewußtseins — um mich eines modernen Ausdrucks zu bedienen — auch der Rassenzug sich regte, der ja stets mehr oder minder aus jenem gezeitigt wird. Als nun Mirjam und Aron mit Mose haderten, vergaßen Beide im Zorn die Ehrfurcht, welche sie nach dem Willen Gottes dem geheiligten Volksvberhaupt schuldeten. Mirjam sprach: „Redet denn der Herr alleilt durch Mose? Redet er nicht auch durch uns?" Hier fordert sie also Gleichberechtigung mit dem Bruder für ihre Person, während sie der Schwägerin Gerechtigkeit verweigert. Moses, der seine ältere Schwester hoch in Ehren hielt, nahm ihr die Auflehnung gegen seine Autorität nicht übel; es heißt von ihm: „Er war ein sehr geduldiger Mensch, über alle Menschen auf Erden." Aber da nahm sich der Herr seines auserwählten Knechtes an; sein Zorn ergrimnlte über die rebellischen Friedensstörer; er kam in einer Wolkenumhüllung nieder, rief Mirjam und Aron vor die Thür der Stiftshütte und setzte ihnen den Unterschied auseinander zwischen der geringeren Art der Offenbarung, die er ihnen, und der höheren, die er Moses zu Theil werden ließe; daraus verhängte er eine schwere Strafe über Mirjam; sie wurde plötzlich mit Aussatz behaftet. Warum mußte sie allein für die Beleidigung büßen, deren ihr Bruder sich doch mit schuldig gemacht hatte? Das Weib ist ja bekanntlich an allem schuld, und so wurde Mirjam in diesem Falle wohl auch als die Anstifterin und Aron als der Verleitete behandelt. Außerdem würde sich eine so erniedrigende Buße, wie die Aussperrung aus dem Lager, für einen Hohenpriester auch nicht gut geschickt haben. Moses aber zeigte wiederum seinen liebevollen Charakter in dem Mitgefühl für die Schwester, die ihn zuvor so bitter gekränkt hatte; er flehte Gott für ihre Heilung an, die denn *) d. i. Aethiopien, das jetzige Nubie». Auch dort nahmen die Frauen eine sehr bevorzugte Stellung ein, denn das Land war von ägyptischer Kultur beeinflußt.