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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-13 · Heft 28 (13.7.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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giebt es nur eine Möglichkeit, um die große Menge von der brutalen Schändlichkeit und Schmach des Antisemitismus abzuwehren, und das ist der final,zielte Krach in Wien (Zustimmung). Wir mögen mit Engel- oder Menschenzungen reden, wir richten nichts aus. Vielleicht, lvenn jeder von uns sich allabendlich in drei Vorstadtkneipen setzen und den Leuten dort alles Mögliche und Unmögliche versprechen lvürde — da wir das aber nicht können, so werden wir nichts durchsetzen. Nur das wird fruchten, wenn der Wiener einmal zahlen muß (Zuruf: Beim Zahlen, da hört die Gemächlichkeit ans!), dann wird ihm ein Licht anfgehen über den Werth des Antisemitismus. Durch unsere ethische Thätigkeit werden wir nichts erreichen, und auch in der Heranwachsenden Generation haben wir wenig Aussicht, Männer zu finden, die unser Erbtheil übernehmen und das erreichen, was uns nicht möglich war. Aber wir dürfen nicht verschwinden, wir müssen uns unserer Haut wehren und den Kampf aufnehmen. Wir haben heute llicht den Antisemitismus abzuwehren, sondern uns gegen ihn zu wehren. Wir müssen festhalten an dem altell Worte: „Wie Jeder sich wehrt, so wird er geehrt." (Lebhafter Beifall.) Der Antrag der Bezirksrathes Waldstein wurde sodann angenommen und per Akklamation in die Vereinsleitung gewählt: Baron A. G. Suttner als Präsident, Baron Dr. Seitter als Vicepräsident, ferner die Herren August Beiling als Kassirer, Balduin Groller und Friedrich Engel als Schriftführer. Superintendent Professor Dr. F. M. Seberenhi, die Abgeordneten Dr. Kronawetter und Wrabetz, Franz Frauenberger und Karl Palava als Ausschubmitglieder. — Interessante Mittheilungen macht der „Czas" über die Abstannnung Leopold Hülsners in Polna. Sein Vater war der Sprößling eilles christlichen Forstadjunkten, der mit seiner Großmutter ein Liebesverhältniß unterhalten hat. Es ist also erwiesen, daß derselbe Leopold Hülsner, der des Nitualmordes beschuldigt wird, „einen Tropfen christlichen Blutes", wie sich die „Narodni Listy" auszudrücken belieben, und zwar arisch-christlichen Blutes, in seinen Adern hat. — Hier hat sich eine neue christliche Partei gebildet, die die Christlich-Sozialen, die so viel versprochen und so gar nichts gehalten haben, bekämpfen will. — Für den 7. d. M. war infolge Auftrages des Vorsitzenden in der Hauptverhandlnng gegen Hülsner beim Schwurgerichte Pisek eine gerichtliche Kommission am Thatorte in Polna angesetzt, welche in erster Reihe feststellen soll, wie groß die Entfernung ist, auf welche der Zeuge Peschak gesehen haben will, daß der Angeklagte Hülsner sich zur kritischen Zeit in der Nähe des Schauplatzes des Mordes befunden habe. Der Konnnission werden zwei Piseker Aerzte als Sachverständige beigegeben werden. — Als Kuriosum erfahren wir aus Lehrerkreisen: Unter den Bewerbern unr die Singer'schen Neisestipendien befanden sich heuer wieder einige Leitungsmitglieder des antisemitische:: Vereines der Lehrer- und Schulfreunde in Wien, von denen die Herren Oberlehrer Wanierka und Andreas Mayer auch mit einem Stipendium zu 600 Kronen bedacht wurden. Herr Mayer stand schon einuial im Genuß dieser Stiftung. — Derart wird über von jüdischen Wohlthätern gespendetes Geld verfügt! — Die philosophische Fakultät der deutschen Universität zu Prag hat Prof. Dr. Georg Pick zum Dekan gewählt. B. Budapest, 9. Juli. Vor einigen Monaten ist zwischen der Preßburger Kong reßge mein de und der von der dortigen Handels- und Gewerbekammer erhaltenen Handelsakademie ein Konflikt ausgebrochen, der für die jüdischen Hörer der Anstalt unangenehme Folgen haben kann, falls dieser nicht in zwölfter Stunde geschlichtet wird. In der Anstalt, an deren Spitze ein Mann steht, der sich diese Stelle durch die Taufe erkaufte, herrschten Zustände, die das Eingreifen eines jüdischen Religionslehrers dringend geboten erscheinen ließen. Die jüdischen Schüler wurden wegen ihres Religionsbekenntnisses während des Unterrichts insnltirt, der jüdische Glaube verunglimpft und antisemitische Hetzen in Szene gesetzt, ohne daß der Leiter der Anstalt sich zum Einschreiten veranlaßt gesehen hätte. Ja, er leugnete kurzweg diese Mißstände ab, weil angeblich keine Beweise Vorlagen. Dr. Funk, einer der jüdischen Religionslehrer, sammelte Beweise und legte sie sodann dem Leiter der Anstalt vor, worauf der Lehrkörper den Beschluß faßte, den jüdischen Religionslehrer zu „boykottiren" und ihren Einfluß geltend zu machen, daß er von den Schulerhaltern seiner Stelle enthoben werde. Der jüdische Religionslehrer, der seine Pflicht gethan. wurde ohne weiteres seiner Stelle enthoben. Da sich aber die Kultusgemeinde mit ihrem Rabbiner identifizirte und für den Religionsunterricht nicht sorgte und es sogar zu verhindern wußte, daß die Anstalt selbst einen Lehrer mit dem Religionsunterricht betraute, blieben etwa 70 Prozent der Schüler ohne Religionsunterricht und ohne Rote aus der Religionslehre. Die Zeugnisse der Anstalt sind dadurch ungiltig und die Zöglinge können llicht aussteigen oder verlieren noch überdies andere Rechte. Die Angelegenheit liegt dem Kultusministerium zllr Eiltscheidung vor, auf die man sehr gespannt ist, lveil man in: allgemeinen den Eindruck alifnimult, daß peeeutur iutiu et extra muros. . . . — Rabbiner Fuchs ill Großwardeili wurde vom dortige:: Bezirksgericht zu einer'Geldstrafe vernrtheilt, weil er sich weigerte, einen Eid unbedeckten Hauptes abzulegen. — Die hauptstädtische Wohlthätigkeitsk o m m i s s i o n bewilligte mehreren jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen Sllbventionen im Gesammtbetrage von 3700 Krollell. — Die Liptü- Szt-Mikloser Kultusgemeinde faßte den Beschluß, das Legat von Philipp Herz zur Errichtung eines jüdischen Gymnasiums zu verwenden. Die Delegirten der Regierung befürworten diesen Plan beim Kultus- und Unterrichtsministerium. Uußland. o. Petersburg, 8. Juli. Einer der wichtigsten Paragraphen des Vertrages, dell s. Zt. der Baron Hirsch als Begründer der I. C. A. nlit der russischen Regierung geschlossell hat, bestinlmt. daß die Juden, welche durch Vermittelung der I. C. A. aus Rußland ausgewandert sind, unter keiner Bedillgung nach Rußlalld zurück dürfen. Da aber das Erwerbell des Bürgerrechtes in ben meisten Ländern Europas uild Amerikas erst nach einern langjährigen Alifenthalt im Lande möglich ist, wurde in der letzten Sitzulig des russischen Staats- Ministeriums auf Vorschlag des Ministers des Auswärtigen beschlossen, alle durch Vermittelung der I. C. A. ausgewanderten Judell so lange als russische Unterthauen zu betrachten, als sie noch nicht die Unterthanenschaft eines anderen Staates angenommen haben. Demzufolge ist ihnen auch die Rückkehr nach Rußland gestattet. Die Repatriirung hat auf Kosten der I. C. A. zu erfolgen und werden die betreffenden Ausgaben aus der s. Zt. von der I. C. A. bei der Regierung hinterlegter: Kaution gedeckt. Von Nah und Fern. — Der ordentliche Lehrer am Sophien-Gymnasium, Dr. Werner, ist zum Oberlehrer ernannt worden. — Daß Fest der goldenen Hochzeit. verbunden mit dem 50jährigen Geschästsjubiläum, feierte kürzlich in vollster Rüstigkeit das Kaufmann Ne u man n Leiser'sche Ehepaar, beide im 74. Lebensjahre. Den: Jubelpaare wurden vom Magistrat, von den Stadtverordneten, den: Vorstande der jüdischen Gemeinde u. s. w. Glückwünsche überbracht. Ehrengaben und Aufmerksamkeiten trafen in sehr großer Anzahl ein — Kantor Wolfgang in Schwerin a. M. ist als Religionslehrer und Chordirigent der jüdischen Gemeinde zu Frankfurt a. O. gewählt worden. — In Liegnitz ist am 3. d. M. der Jnstizrath Leopold Peltasohn im 59. Lebensjahre gestorben. — In die Hamburger Bürgerschaft, in welcher bisher der Reichstagsabgeordnete Raab als einziger Antisemit saß, ist kürzlich bei einer Ersatzwahl als zweiter Antisemit der bekannte Vorsitzende des deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes Wilhelm Schack mit 204 von 311 Stinunen gewählt worden. — Dem Oberlehrer an: Philantropin in Frankfurt a. M.. Professor Gustav Wert heim, wurde gelegentlich seiner Versetzung in den Ruhestand der rothe Adlerorden vierter Klasse verliehen. — Dem israelitischen Religionslehrer Mannheimer zu Okriftel im Landkreise Wiesbaden wurde die Rettungsn:edaille an: Bande verliehen. — Konsul D. Simo n in Mannheim hat den Orden von: Zähringer Löwen erster Klasse erhalten. — Anläßlich der bevorstehenden Rabbinerwahl in Kissingen wurde behördlich entschieden, daß Lehrer und Kultusbeamte überhaupt volles Wahl- und Stimmrecht bei Rabbiner- und Gemeindewahlen haben, obwohl sie keine Kultusstener zahlen. Diese E::tscheidung ist für die Stellu::g der baierischen israelitischen Kultusbeamten von großer Bedeutung. — Dr. David Herzog in Ung.-Ostra wurde einstimmig zum Rabbiner von Prag- S mich o w erwählt-. — Louis Sulzbacher, ein angesehener Advokat in Kansas City. Missouri, wurde vom Präsidenten Mc. Kinley zum Mitglieds des obersten Gerichtshofes in Portorico ernannt. Er ist das einzige amerikanische Mitglied des Gerichtshofes. Die vier anderen sind Eingeborene. Wie früher gemeldet, ist auch der Generalsteuereinnehmer in Portorico, Professor I a c o b H o l l ä n d e r, ein Jude. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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