Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 garnitur zum Andenken zu überreichen. Den ihm unterstellten Beamten war er ein liebevoller Vorgesetzter und treuer Berather; sie alle hatten das Bewußtsein, daß er es gut mit ihnen meinte. Möge es ihm in seinem neuen, erweiterten Wirkungskreise vergönnt sein, eine ebenso segensreiche Thätigkeit zu entfalten. Stolp i. P., 11. Juli. Der Mord an dem Gymnasiasten Winter in Könitz hat weit über die Grenzen Westpreußens hinaus die Gemüther tief erregt, und die Thatsache, daß der Mörder bisher unentdeckt geblieben ist, hat in Verbindung mit der starken antisemitischen Agitation in hiesiger Gegend schon wiederholt zu Unruhen aller Art geführt. Am Abend des 21. und 22. Mai d. I.!am es in Stolp zu starken Ausschreitungen, zu deren Bewältigung zweimal die militärische Hilfe in Anspruch genommen werden mußte. Jüdische Geschäftsläden wurden angegriffen und die Schaufenster demolirt. Diese Vorgänge haben am Montag vor dem hiesigen Schwurgericht ein ernstes Nachspiel gefunden. Nach Annahme der Anklagebehörde handelte es sich bei den Krawallen um ein planmäßiges Vorgehen hiesiger und auswärtiger antisemitischer Kreise, die ihre Hände im Spiel gehabt und durch Hetzrufe die Jugend angereizt hätten. Es wurden im ganzen ca. 50 Personen verhaftet, von denen 23 unter der Anklage des Aufruhrs und des Hausfriedensbruchs sowie der Sachbeschädigung, des Widerstandes, groben Unfugs rc. erscheinen, während die übrigen nur wegen leichterer Vergehen s. Zt. von der Strafkanuner abzuurtheilen sein werden. Unter diesen 23 Angeklagten befinden sich hauptsächlich Lehrlinge, Gesellen und Arbeiter im Alter von 17 bis zu 32 Jahren. Fünf von ihnen, die sich hauptsächlich durch antisemitische Rufe, wie „Hep! Hep!", „Juden raus!", „Den koscheren Inden müßten die Fenster eingeschlagen werden" rc., ferner durch Kommandorufe und energischen Widerstand gegen Polizei und Militär bemerkbar gemacht haben, werden als Rädelsführer, alle übrigen als Aufrührer angesehen. Die Zahl der Zeugen beläuft sich auf 32. S. Würzburg, 6. Juli. Am 1. d. M. tagte hier im Hotel Goldschmidt der Ausschuß des Landesvereins für israelitische Gemeind eil Baierns und hielt seine ordnungsgemäße Generalversammlung ab. Ein Vertreter der Gemeinde Würzburg begrüßte die Versammlung, deren Leitung der Vorsitzende, Herr Justizrath Gunzenhäuser-Fürth, übernahm. Welch ein Segen der Landesvereiu für die die Gemeinden Baierns ist, konnte man aus den Bewilligugen entnehmen, die für die verschiedensten Bedürsnisse nothleidender Kultusgerneinden ausgesprochen worden sind. 8000 Mark sind bewilligt worden in verschiedenen Raten für verschiedene Zwecke. In Baiern werden die kleinen Kultusgemeinden immer kleiner, während die großen Gemeinden, wie München, Nürnberg u. s. w.. immer größer werden. Daher vermehrt sich die Anzahl von kleinen Gemeinden, denen die ordnungsmäßigeErtheilung des Religionsunterrichtes und die AusrechterhaltitiiQ der rituellen Institutionen immer schwerer wird. Diesen kommt der Landesverein mit seinen Zuschüssen zu Hilfe. Außerdem wurden Mittel gewährt für Ertheilung des Religionsunterrichtes an Kinder, die auf dem Lande wohnen und einen besonderen Lehrer aus der Nächstliegenden Gemeinde brauchen. Noch andere ähnliche edle Zwecke wurden durch den Landesverein erreicht. Seit dem letzten Jahre hat dieser seine Aufgaben ausgedehnt und verschiedene Komitees für Abwehr der antisemitischen Bestrebungen, für Förderung des Handwerks und Ackerbaues, für Regelung der Armenpflege u. s. w. eingesetzt. Schon im ersten Jahre haben manche dieser Komitees eine rege Thätigkeit entfaltet; so hat das Komitee zur Abwehr antisemitischer Bestrebungen, welches in München seinen Sitz und Herrn Rabbiner Dr. Werner zum Vorsitzenden hat, mit Energie und Besonnenheit die ihm obliegenden Pflichten erfüllt. Herr Rechtsanwalt Ofner. I. Vorstand der Münchener Gemeinde, referirte in eingehender Weise über die Wirksanlkeit des Komitees, und die Versammlung konnte mit Recht für die erfolgreichen und mannigfachen Leistungen herzliche Dankbarkeit aussprechen. Herr Rabbiner Dr. Werner schilderte die traurige Lage unserer Glaubensgenossen im Osten, besonders in Rumänien und Galizien, setzte in eindringlicher Weise auseinander, welche heilige Pflicht uns obliegt, diesen Unglücklichen zu helfen, und beantragte, daß die israelitischen Gemeinden Baierns sich sofort zu gemeinsamer Hilfe vereinigen sollten. Diese Anregung fiel auf fruchtbaren Boden; bereits haben Schaaren rumänischer Emigranten die Gemeinden München, Würzburg, Nürnberg passirt, so daß schon dieser lebendige tragische Kommentar jede weitere Beweisführung für die Dringlichkeit des Antrages überflüssig machte. Nach eingehender Debatte, in der Herr Rabbiner Dr. Ziemlich, Geheimer Rath Josephthal-Nürnberg und auch Andere besonders auf den Nothstand der rnmänischen Emigranten hinwiesen, wurde ein Hilfskomitee gewählt, welches für Baiern die nöthigen Schritte sofort einleiten und hoffentlich segensreiche Resultate erzielen wird. Das baierische Komitee schließt sich dem Centralkomitee, welches die verschiedenen Rettungswerke für unsere rumänischen und galizischen Glaubensgenossen vereint, an, es wird aber selbstverständlich zuerst dafür Sorge tragen, daß die Baiern passirenden rumänischen Emigranten unterstützt und weiterbesördert werden. So haben die Stunden der ernsten Berathung, in denen die Rabbiner und Vertreter der baierischen Gemeinden gemeinsam miteinander tagten, manch edles Werk geschaffen. Der Erlist der Verhandlungen wurde durch ein von der Würzburger Gemeinde in liebenswürdiger Weise veranstaltetes Festessen unterbrochen, bei bem manches sinnige und fröhliche Wort gesprochen lvordeu ist. o. München, 6. Juli. Mitte Mai brachte die „Münchener Zeitung" (ehemals „General-Anzeiger") als Neuigkeit der chronique piquante an die Oeffentlichkeit, daß drei sehr tüchtige und beliebte Mitglieder des dortigen Theaters am Gärtnerplatz, die Operettensänger Herr Werner und Gisela Fischer sowie der Charakterdarsteller- Oskar Wallner, um entsprechende „Partien" machen zu können, sich kürzlich haben taufen lassen, und diese Notiz durchlief rasch die hauptstädtischen Blätter — das Haupttageblatt, die „Münchener Neuesten Nachrichten", reproduzirte sie uilter der wenig geschnlackvotleu Stichmarke „Liebe und Religion" — und wurde, je nach deren Parteistellung mit Glossen versehen: so vergaßell die ultramontaneu, die in Baiern alle offen oder verkappt dem Antisemitismus fröhneu, natürlich nicht den Zusatz, der (übrigens ein wenig liberal schillernde) Chefredakteur des „Bayrischen Kuriers", Dr. Klasen, habe in der Hanskapelle des erzbischöflicheil Palais die Taufe Werners vollzogen, und letzterer sofort nach diesem Akte die „Prämie" von 10 000 Mark (!) ansgezahlt erhalten, wobei der Name seiner glücklichen Auserwählten nicht unterdrückt wurde. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 9. Juli. Der Gellleinderath hat mit 140 gegen 19 Stimluen denl Bürgermeister Dr. Lueger das Ehrenbürger-recht verliehen. Die oppositionellen Gemeinderathsnlitglieder haben diese klerikal-antisemitische Selbstverhimmelung in lällgereli Reden scharf gegeißelt. Wien hat sich selbst ge—ehrt! — Der Vereill zur Abwehr des Antisemitismus hielt vor einigen Tagen im Saale des Wissenschaftlichen Klubs seine Generalversammlung ab, zu welcher auch Hofrath Professor Nothnagel und Superintendent Professor Dr. Seberenyi erschienen waren. Den Jahresbericht erstattete der Vicepräsident Baron Dr. Seiller. Es ist beabsichtigt, in nächster Zeit eine populär geschriebene Broschüre in deutscher und czechischer Sprache herauszugeben und zu verbreiten, welche die Unsilliligkeit der Blutlegende darstellen soll. Der Vorsitzende beantragte, denl Professor Masaryk für sein freimüthiges Auftreten in der Polnaer Affäre den Dank des Vereines auszusprechen. Dieser Alltrag wurde, nachdem ihn Hofrath Nothnagel befürlvortet, einstimmig angenommen. Bezirksrath Waldstein wünschte eine Reorganisation des Vereins und beantragte, daß ein eigenes Komitee die diesbezüglichen Vorarbeiten treffe uild im nächsten Herbst hierüber berichte. Professor Nothnagel trat für die Durchführung dieses Gedankens ein. Unser Verein, sagte er, ist leider llicht ill der Lage gewesen, iti den letzten Jahren etwas Ersprießliches zu leistell, so daß wir uns thatsächlich die Frage vorlegen müssen, ob wir heute noch eilte Existenzberechtigung haben. Wir sind llicht fähig, mit beu Waffen zu kämpfen, mit dellen unsere Gegner vorgegailgen sind. Aber so kann es nicht weitergehen; wenn lvir ein so beschauliches Dasein in eanrera earitatis führen, so werden wir zum Gespött, statt daß wir einen erstell Faktor darstetlen. Der Name des Vereins ist heute nicht mehr zutreffend. Zur Zeit, als der Verein gegründet wurde, konnte Ulan hoffen, mit Hilfe eitler Reihe den intelligeilten Schichten angehörender Persönlichkeiten vorlvärts zu kommen. Damals waren die Gegner noch nicht so stark, damals konnte noch von einer Abwehr gesprochen werden. Alleill die Situation hat sich vollständig geälldert, heute muß Nlüll zufrieden sein, wenn der Antisemitismus uns nicht todtschlägt, natürlich in bildlichen! Sinne. Es muß ein anderes System, eine andere Art des Vorgehens inszellirt, jene Bestimmnllg der Statuten, welche dem Vereine die Politik untersagt, muß eliminirt werden. Heute