Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 gewählt wurde, ferner in allen Wohlthätigkeitsanstalten eifrig im Vorstande thätig war; auch der Kinderheilstätte Königsdorff-Jastremb gehörte er als Vorstandsmitglied an. Die Beerdigung fand am 4. d. M. hier in Berlin statt. In der mit Blumenarrangements rc. ausgestatteten Friedhofshalle nahm der aus der Heimath hierher berufene Ortsrabbiner, Herr Dr. Münz, unter Zugrundelegung des Textes ans dein Prediger Salomouis: „Süß ist der Schlaf des Arbeiters" in herzlichen, tief empfundenen, zum Oefteren von Thränen unterbrochenen Worten, welche auf alle Anwesenden einen schmerzlichen Eindruck erregten. Abschied von dem geliebten, hochgeachteten Freunde. Deputationen des Shnagogen-Gemeindevorstandes, der Repräsentanten, sämmtlicher Humanitäts- und sonstiger Vereine, der israelitischen Kinderheilstätte zu Königsdorff-Jastrzemb, der Berliner Wechslerbank waren persönlich erschienen und hatten prachtvolle Palmzweige und Kränze am Sarge des leider viel zu früh Heimgegangenen niedergelegt. r. Berlinchen, 6 Juli. Ein Beleidig ungsprozeß. der mit der Konitzer Mordaffäre in einen! gewissen Zusammenhänge steht, wurde gestern vor dem hiesigen Schöffengericht verhandelt. Angeklagt war der Zahntechniker August Wimmer von hier. Derselbe hatte seinerzeit einen Konitzer jüdischen Zahnarzt als des Mordes verdächtig bezeichnet und der Polizeibehörde in Könitz gesagt: „Heute Nachmittag werden Sie Ihre Hand ans die Schulter des Mörders legen können!" Die Angaben des Zahntechnikers Wimmer führten zu einer sorgfältigen Haussuchung bei dem jüdischen Zahnarzt, die jedoch nicht das geringste Ergebniß zeitigte. Das Vorgehen des Wimmer gab der „Neumärkischen Zeitung" Anlaß zu einer Kritik seiner Beschuldigungen, worauf der Kritisirte der Zeitung eine Berichtigung sandte, die nun wiederum dem Konitzer Zahnarzt Veranlassung gab, gegen den Einsender wegen Beleidigung klägerisch vorzugehen. In der gestrigen Verhandlung wurde der Zahntechniker August Wimmer wegen öffentlicher Beleidigung zu 30 Mark Geldstrafe verurtheilt und dem beleidigten Zahnarzt die Publikationsbefugniß zugesprochen. Lp. Aus -er Provinz Posen, im Juli. In Kempen ist kürzlich der langjährige Stadtverordnetenvorsteher Hermann Bloch im Alter von 75 Jahren gestorben. Der Verstorbene gehörte auch seit langer Zeit dem Vorstande des dortigen Vorschußvereines an. — Mitte Juni er. feierte in Wreschen das N. Callmannffche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit. Dem Jubelpaar ist aus diesem Anlässe ein kaiserliches Gnadengeschenk von 30 Mark bewilligt worden. — Kaufmann Kuttner aus Newyork hat neulich seiner Heimathgemeinde Witkowo bei seinem Aufenthalte daselbst 800 Mark zu Nenovirung der Synagoge gespendet. — Eine Generalversammlung der Chewra- Kadischa in Ostrowo beschloß vor Kurzem, die Mitgliederbeiträge sowie die Entschädigungen für Nachtwachen fast um das Doppelte zu erhöhen. — Zu Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Buck sind jüngst die Herren Gnttmann, Spieldoch, Czapski, Pander, Sandberger und Lippmann gewühlt worden. Zum Vorsteher der Gemeinde wurde Kaufmann Lewin wiedergewählt. — Die Regierung zu Posen hat die Auflösung der jüdischen Volksschule in Xions wegen zu geringer Schülerzahl beschlossen. Es ist seit einigen Jahren wiederholt vorgekommen, daß aus demselben Grunde in unserer Provinz selbständige Schulanstalten eingegangen resp. Klassen in zwei- und mehrklassigen Schulen eingezogen worden fiub. — Als Vorstandsmitglieder der Synagogengemeinde Gollub wurden neulich die Kaufleute Jakob Lewin, Joseph Cohn und Moritz Kiewe gewählt. — Der seit rund 60 Jahren bestehende israelitische Frauenverein in Ostrowo hielt am 18. d. M. unter dem Vorsitz des Königlichen Oekonomierathes D. Goldstein daselbst nach einem dreijährigen Zeiträume eine Generalversammlung ab. Nach dem Rechenschaftsbericht zählt der Verein jetzt 102 Mitglieder. Die Einnahmen seit der letzten Generalversammlung betrugen 4098,34 Mark, die Ausgaben 3158,58 Mark, der Bestand von 939.85 Mark ist größtentheils zinslich angelegt. Zum Vorstand gehören nach erfolgter Wahl Frau Milca Weiß als erste, Frau Rechtsanwalt Voß als zweite Vorsitzende, Frau S. Süßmann als Krankenvorsteherin, Oekonomierath Goldstein als Beisitzer und Kaufmann Daniel Hartmann als Kassenwart. — Zum Kantor der israelitischen Brüdergemeinde in Posen ist Kantor Oswald in Kattowitz berufen worden. — Als Korporationssteuer für das Etatsjahr 1900 werden iu Kempen 50 pCt. der Staatseinkonnuensteuer erhoben. — Die Synagogeugemeinde in Schildberg hat den Kantor in Tuche! zum Nachfolger des nach Kempen berufenen Kantors Jawitz gewählt. G. R. Jirowrazlaw, 11. Juli. Verspätet, aber nicht zu spät möchten wir unseren Lesern ein Beispiel vor Augen führen, das nachzuahmcn ein wirklich edles Werk ist. Bekanntlich sind von der A. I. 11. Schreiben in die Welt hinausgesandt worden mit der Bitte, unsere armen, unglücklichen Brüder ill R u ß l a n d und R u m ä n i e n zu unterstützen. Ein solches Schreiben gelangte auch all unseren Herrn Rabbiner Dr. Kohn. Sofort war sein Entschluß gefaßt, eine allgemeine Sammlung zum Besten unserer Glaubensgenosseil in der Gemeinde zu veranlassen. Um dieses Vorhaben in Ullserer Gemeinde auszuführen, bedurfte es aber des Einsetzens der ganzen Persönlichkeit und der ganzen Kraft eines hervorragenden Mannes. Es war gerade zur Zeit des Pfingstfestes und der zweite Tag desselben mit seiner Todtenfeier gab Herrn Dr. Kohli Gelegenheit, von der Kanzel herab seiner Genleillde zuzurufen: „Uzedokoh tazil mimmowes.“ Ihr könnt an eure Todten nicht besser denken, sie nicht besser ehren, als wenn ihr euch an den: edlen Rettnngswerke betheiligt." Und dieser Ruf, das eindringliche Mahnen, die zu Herzen gehende, volksthünlliche Sprache ullseres Seelsorgers, der als Redner wie als Gelehrter gleich hervorragend ist. wirkte auf ganz überraschende Weise. 1300 Mark sind bis jetzt eingegangen und der A. I. U. überwiesen worden. Persönlich unterzog sich der Herr Rabbiner der Mühe des Saninielns. Der Eindruck der Predigten an beidell Tagen des Festes war ein so großer, daß Herr Dr. Kohn von allen Seiten bestürmt worden ist, seine beidell Predigten drucken zu lassen. Diesem Wunsche hat der Herr Rabbiner erfreulicherweise Rechilung getragen und sind die Predigten dieser Tage unter dem Titel „Geheimlehren des Jndenthums" im Druck erschienen. — Frau Laura Kempner-Breslall hat der Wolffsohnffchen Waisenstiftung wiederum eine größere Zuwendung gemacht. Die Anstalt ist jetzt von 21 Zöglingen frequentirt. o. Breslau, 8. Juli. Hier ist am 6. d. M. der bekannte Anatom Professor Dr. Gustav Born nach längeren Leiden gestorben. 1851 zu Kempeil geboren, machte Born seine Studien in Breslau, Bonn, Straßburg und Berlin, vornehmlich als Schüler Heidenhains und Waldeyers. Nachdem Born 1873 in Berlin mit Beiträgen zur Entwickelungsgeschichte der quergestreiften willkürlichen Muskelll zum Doktor promovirt urld int Jahre darauf die Staatsprüfuilg abgelegt hatte, lvandte er sich nach Heidelberg, unr sich dort mit der Arbeitsweise Gegenbaurs vertraut zu machen. Bald darauf trat er als Assistent bei der allatoniischen Anstalt in Breslau unter Karl Hasse ein. Hier fand er für die Dauer eine Arbeitsstätte. Er wurde 1876 ntit der Prosektur betraut und erlangte im selben Jahre die Berechtigung, als Privatdozeut an der Universität zu lesen. 1886 wurde er zum außerordentlichen Professor befördert. Nachdem er zuvor an der Spitze der Sonderabtheilung für Entwickelungsgeschichte in der anatomischen Anstalt gestellt worden war, erhielt er 1898 eine ordentliche Honorar- Professnr. Das Arbeitsgebiet Borns war die Entwickelnngsgeschichte und die vergleichende Anatomie; er hat hierin Leistungen aufzuweisen, die ihni ein andauerndes Gedenken in seiner Wissenschaft sichern. Die Beerdigung fand heute unter Theiluahme weiter Kreise auf dem israelitischen Friedhof statt. B. S. Danzig, 8. Juli. In diesen Tagen schied Herr Rabbiner Dr. Blumenthal von uns, um einem ehrenvollen Rufe der Berliner Synagogen-Gemeinde zu folgen. Wenn Dr. Blumenthal auch nur kaum vier Jahre in unserer Gemeinde als Rabbiner thätig war, so hat er es doch verstanden, in dieser kurzen Zeit sich die Achtung und Liebe der Mitglieder ill hohem Grade zu erwerben. Das konnte mail so recht bei dem am 26. v. M. vonl Vorstande der hiesigen Synagogen- Gemeülde ihm zu Ehren veranstalteten Abschiedsessen wahrnehmen. Der geräumige „weiße Saal im Danziger Hof" war gefüllt und gar Mancher nlußte fern bleiben aus Mangel an Raum. Dr. Blumenthal hat es verstanden, trotz vieler widerstrebellder Elemente, hier den „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" zu gründen; seinen! Einflüsse bei hiesigen hervorragenden Mitgliedern verdankt die Borussia-Loge in Danzig ihr Entstehen und noch mehr ihr segensreiches Wirken; an der Gründung des westpreußischen Synagogengemeindeverbandes nahm er hervorragenden Antheil, und die Reorganisation des Religionsunterrichts an den höheren Knabenlehranstalten ist sein alleiniges Werk. Seinen Schülern und Schülerinnen war er stets ein gewissenhafter und treuer Lehrer. Manche Thrüne sah man beim Abschiedsjugendgottesdienste in ihren Augen glänzen, und die Schülerinnen der höheren Anstalten fühlten sich gedrungen, ihrem scheidenden, lieben Lehrer eine Schreibtisch-