Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 28. jßtV ttjltt$Ott+ fierliu, 13. 3nlt 1900 ^eifage zur „Aktgenreinen Zeitung öes Iuöenthurns". Korresponderrzen und Nachrichten. Dentschland. 8. Berlin, 8. Juli. Entgegen dem vorwöchentlichen Beschluß des Gemeindevorstandes fand nun doch am Beginn des letzten Sabbaths die Amtseinführung des Rabbiners Dr. Blumenthal statt, die in der Neuen Synagoge in feierlicher Weise vollzogen wurde. Nach einleitendem Chorgesang hieß im Namen des Gemeinde-Vorstandes Rechtsanwalt Lilienthal in warmer und gedankenvoller Ansprache den Neugewählten als Seelsorger willkommen. Er wies darauf hin. daß die Gemeinde es mit Genugthuung empfinde, heute den liberalen Rabbiner begrüßen zu dürfen, nachdem sie vor Kurzem die Freude gehabt hätte, den ausgezeichneten Vertreter der anderen Richtung in sein Amt einführen zu dürfen. Auf drei Punkte habe die Gemeindeverwaltung bei der Wahl eines neuen Rabbiners besonderen Werth gelegt. Der Seelsorger sollte mit gediegener Kenntniß des Schriftthums ausgestattet und gleichzeitig mit den Methoden wissenschaftlicher Forschung vertraut und des Wortes mächtig sein, um die Lehre Gottes zu verkünden, als Lehrer der Kinder sollte er Hervorragendes letfieu, um diese in die Geschichte ihres Volkes einzuführen, ihnen die Lehren der Religion einzuprägen und ihnen mit dem Wissen auch die Treue in die Herzen zu pflanzen; endlich sollte er ein Mann des Friedens sein, der, selbst überzeugungstreu, auch gewohnt sei, die Ueberzeugung Anderer zu achten und ini Widerstreit der Meinungen von dem Bewußtsein durchdrungen sei, daß der Gegner nicht uiedergeruugeu, sondern überzeugt werden müsse, der niemals vergesse, daß der Andersmeinende ein Glaubensbruder sei, der. wenn auch auf anderem Wege, demselben Ziele zustrebe. Diesen Mann glaube die Gemeinde in dem Neugewählten gefunden zu haben, der als einer der besten Schüler aus der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums hervorgegangen sei, sich als Lehrer der Jugend bewährt und die besondere Anerkennung des allverehrten seligeri Dr. Apolant errungen habe, dessen Wunsch die Gemeinde erfülle, wenn sie zu dieser Wahl geschritten sei. Die Gemeinde Berlins käme nrit dem größten Vertrauen ihm entgegen, der eine behagliche Stellung aufgegeben, wohl wissend, daß eine größere und schwierigere Aufgabe seiner harre. DerRedner schloß,indem er denNeugewählten durch Handschlag auf sein Amt verpflichtete, mit den: herzlichen Wunsche, daß Gottes Segen ihn allezeit begleiten möge, daß er sein Amt verrvalte, sich selbst zur vollen Befriedigung, zum Wohle der Gemeinde und zum Heile des Judenthums. Rabbiner Dr. Blumenthal dankte innig und tiefbewegt für die freundliche Begrüßung und für das Vertrauen, das ihm entgegengebracht worden sei und dem er in jeder Weise sowohl als Prediger wie als Lehrer gerecht zu werden sich bemühen werde. Mit Sorgen sei er dem Rufe gefolgt, eingedenk der großen Verpflichtungen, die seiner harren, doch nach einer so herzlichen Begrüßung gehe es ihln wie die Sonne, die aus dem Firmament hervortauche und alle Nebel zerstreue. Er wünsche, daß sein Wirken zum Frieden der Gemeinde beitragen werde, in deren Dienst er alles das, was er besitze, seine Arbeitssreudigkeit stellen wolle, und hoffe, daß das mit der Gemeinde geschloffene Bündniß ein dauerndes und für alle Theile ersprießliches sein werde.— Am folgenden Tage hielt Dr. Blumeuthal vor überfülltem Gotteshause seine Antrittspredigt, die sich durch klare Disposition und schlichte, aber edle Sprache auszeichnete. Als Text legte er derselben den Thoraabschnitt des Tages zu Grunde, jene zu Mose, als er Wasser aus dem Felsen hervorsprudeln ließ, gesprochenen Worte Gottes: „Weil ihr mir nicht vertraut habt, mich zu heiligen vor den Kindern Israels, darum sollt ihr nicht bringen die Kinder Israels in das Land, welches ich ihnen verheißen habe." In sinniger Weise deutete er diese Worte als Weisung für die Lehrer in Israel, niemals zu wanken im Vertrauen auf Gottes Gnade, und dieses Gottvertrauen in der Gemeinde stets wach zu erhalten. Die Lehrer in Israel müssen sich durch die innige Berührung mit dem Leben, welche die Religion des Judenthums gebieterisch fordere, stärken, um dem Glauben aufs neue Triebkräfte einzuhauchen. Die Bestrafung Mose und Arons solle ein warnendes Beispiel für die Lehrer der Gemeinde sein. Den Unmuth sollen sie Niederkämpfen, die Geduld und Ruhe, die Zuversicht und das Gottvertranen niemals verlieren und, wie viel auch immer sie an persönlicher Enttäuschung erleben, nie sollen sie anders als mit Milde und Nachsicht, nrit heiliger Liebe und herzlicher Hingebung ihrer Gemeinde gegenübertreten und nicht sich das Gemüth verbittern und zu herben Anklagen greifen. Mit der Bitte um Gottes Beistand für sein Wirken, mit dem Gebet für Kaiser und Reich, und mit der Ertheilung des Segens über die Gemeinde schloß Dr. Blumenthal seine wirkungsvolle Antrittspredigt. Berlin, 9. Juli. Ein neues jüdisches Krankenheim ist gestern Nachmittag in der Prenzlauer Allee 36 eröffnet worden. Die Gründung ist erfolgt durch die „Chewra Kadischah" der Gemeinde Adaß Jisroel, und hauptsächlich durch Anregung des verstorbenen Rabbiners Dr. Hildesheimer. Die jetzt in eigenen Besitz übernommenen Gebäude hatte der Verein schon bisher zu Krankeuzlvecken gemiethet und dann nach Erwerbung vollständig in einer allen Anforderungen der fortgeschrittenen Krankenhauslehre genügenden Weise ausgebaut. Das Krankenheini soll ein allen berechtigten Wünschen in hygienischer Hinsicht genügendes Institut nach strengem jüdischen Ritus darstelleu, und ist vorerst für einige zwanzig Kranke eingerichtet. Der würdigen Eröffnungsfeier wohnten zahlreiche Gemeindemitglieder bei. Die Einlveihungsrede hielt Rabbiner Dr. Munck. Als Aerzte der Anstalt snngiren Dr. Adler, Dr. Caro und Dr. Preuß. Wie ein Rundgang durch die Räume lehrt, hat die Einrichtung den weitgehendsten Forderungen der Hygiene Rechnung getragen und ist auch ein mit allen benöthigten Instrumenten versehener Operationssaal vorhandell. Ein geräumiger Garten bildet eine nicht zu unterschätzende erfreuliche Zugabe für die Insassen des Heims. L2 Berlin, 10. Juli. Das Wiener Jüd. Volksbl. schreibt: „Der Breslauer Verein „Grätz" wollte eine Versammlung veranstalten. in der gegen die Konitzer Vorgänge protestirt werden sollte. Christliche Professoren standen an der Spitze der Bewegung, und der Berliner Theologie-Professor Strack sollte den Leuten laut die Stiuune der Wahrheit und der Wissenschaft künden. Da kommt plötzlich durch den Breslauer Kultusvorstand die Mahnung, man solle doch von dem Beginnen lassen. Und der Grund: die B e r l i n e r K u l t u s g e m e i n d e wünsche es nicht. Wohnhäuser werden demolirt und ein Tempel wird in Brand gesteckt — und man soll gefälligst nicht davon reden!" Hier liegt ein Jrrthum vor. Der Vorstand der Berliner Gemeinde hat in keiner Weise in die Angelegenheit eingegriffen und die aufgeregten Herren können sich beruhigen. Auch in Berlin hat man den Grätz gelesen, aber man hat ihn anders und vielleicht auch besser verstanden als anderswo. y. Berlin, 6. Juli. Am 2. d. M. verstarb zu Wien, wohin er sich behufs Vornahme einer Operation begeben hatte, im Alter von 62 Jahren der Direktor der Gleiwitzer Filiale der Breslauer Wechslerbank, Jakob Frae nkel. Der Verblichene war Besitzer des altrenommirteu Bankgeschäfts Emanuel Fraenkel. welches er von seinem Vater, dem Begründer desselben, übernommen hatte. Als das Geschäft im Jahre 1872 von der Breslauer Wechslerbank käuflich erworben wurde, trat er als Leiter an die Spitze der daraus entstandenen Filiale jener Bank. Fraenkel war ein Mann von großer geschäftlicher Umsicht, gereifter Erfahrung und strengster Gewissenhaftigkeit und hat in dem immer mehr aufstrebenden Jndustriebezirke sowohl die geschäftlichen Interessen seines Instituts wie auch die allgemeinen seiner Heimath und Gemeinde nach besten Kräften und mit überaus reichem Erfolge gefördert. Als Bürger und Mensch erfreute er sich Dank seiner hervorragenden Charakter- und Herzenseigenschaften allgemeinster Hochachtung und Verehrung, die sich u. a. darin kund gab, daß er durch lange Jahre hindurch immer aufs Neue in die Stadtverordnetenversammlung sowie in die Repräsentanz der israelitischen Gemeinde