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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-13 · Heft 28 (13.7.1900) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
Seite 336 (sequence 14)
Language
German
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336 voll ruhelosen Lebens war, Leute gingen fortwährend ein und aus. Ich schaute nach der Synagoge, aber das anspruchsvollere Gebäude erschien wie todt. Dann erinnerte ich mich, was Harchi uiir gesagt hatte, daß die Chassidim gegen festgesetzte Betzeit revoltirt hätten. Sie beten und trinken zu jeder Zeit, war seine Art sich auszudrücken. Etwas geht immer in der Klaus vor, sagte ich zu mir selbst, nahm Hut und Stock und ging auf mein Abenteuer aus. Instinktiv steckte ich meine Pistolen in die Gürteltasche, dann sagte ich mir lachend, daß ich höchstwahrscheinlich nichts von beit Chassidim zu fürchten hätte, aber da sie nicht geladen waren, behielt ich sie in der Tasche. Ich schlüpfte ins Gebäude und setzte mich auf eine Bank in der Nähe der Thür. Wäre die verhängte Bundeslade nicht gewesen, hätte ich nicht geglaubt, in einem Bethause zu sein. Zwar saßen und standen einige herum, Gebete sagend und singend mit komischen, krampfhaften Körperbewegungen, aber die größere Masse rauchte aus langen Pfeifen, trank Kaffee und plauderte, während einige, die auf Bänken herumlagerten, wie Wegelagerer aussahen uitd laut schnarchten- Mein Auge suchte den Wunderrabbi, aber unter all diesen spitzfindigen Gesichtern sah ich keines mit dem Siegel der Obergewalt. Das Merkzeichen all dieser Gesichter war guter Wille, sogar die leidenschaftlichen Verdrehungen der Melodie sowohl wie des Körpers, die tragischen Bewegungen, das Ballen der Fäuste, das Schlagen an die Brust, waren eine Art fröhlichen Impromptus, sie schienen sich sogar ihrer Thränen zu freuen. Mitten int Gespräch wurde Einer plötzlich von Begeisterung ergriffen, er sang und krümmte sich wie die Anderen, während einer der Beter plötzlich eine Unterhaltung begann. Bald kam ein Mann auf mich zu, mit Frostbeulen an den Händen, den ich kurz vorher auf dem Kirchhofe gesehen, wo er das fallende Laub zusammengefegt und dabei gesungen wie die Todtengräber in Hamlet, und fragte mich, ob ich einen Schnaps wolle. Ich dachte, es wäre vorteilhaft, einen zu nehmen, und schnell war ich versorgt aus einer Kiste, die der alte Bursche unter der Bundeslade zu halten schien. Der Preis war so müßig, daß ich ihm ebenso viel Trinkgeld gab, was des „reichen Fremden" Ruf noch erhöhte. Während ich langsam meinen Schnaps schlürfte, konnte ich mit größter Bequemlichkeit der Unterhaltung folgen. Sie sprachen über Politik, dann wieder über die Ueberschwemmung, über heilige Texte und den Glanz des Zohar. Aber da war ein Kapitel, das sich durch alle Unterhaltungen schlängelte — gerade an den unerwartetsten Stellen brach es durch — das waren die Wunder, die ihr Rabbi vollbracht hatte. Als sie weitläufig und mit erregter Miene von bett Wundern des Rabbi erzählten, von denen einige auf Erden, die anderen in höheren Sphären, wohin seine Seele stieg, gethait waren, ward meine Neugier noch mehr erregt: ich rief den alten Mann, verlangte noch mehr Branntwein und fragte: „Wo ist der Rabbi?" „Vielleicht wird er zum Frühstück herunterkommen," antwortete er in so ehrerbietigem Tone, als wollte er ausdrücken, der Rabbi befinde sich jetzt in höheren Sphären. Ich lvartete, bis die Tische mit den einfachen Speisen besetzt waren. Als der Geruch der Speisen sich verbreitete, hörten die Gebete auf, die Schläfer erwachten. Ich wurde gebeten, am Mahle theilzunehmen, das zu meinem größten Erstaunen frei war, und das der Rabbi gab. Eine wirklich königliche Gastfreiheit dachte ich, aber unser königlicher Gastgeber selbst kam nicht herunter. Mein Nachbar, den ich fortwährend ausfragte, sagte mir endlich mitleidig, ich solle Geduld haben bis Freitag, dann würde der Rabbi kommen, den Sabbath zu begrüßen. Da aber erst Dienstag ivar, fragte ich, ob ich denn nicht zu ihm gehen könne? Er schüttelte mit dem Kopfe. Ben David hält in diesem Jahre keinen Empfang mehr. Er lebt jetzt in Zurückgezogenheit und bereitet sich auf den erhabenen Seelenflug der Pilgerzeit vor; der Sabbath ist jetzt sein einziger öffentlicher Tag. Ich mußte also bis Samstag warten; uuterdeß zeigte mir Iarchi den königlichen Palast, ein einfaches zweistöckiges Gebäude in orientalischem Styl mit flachem Dache uub einem Thurm an der Ostseite, dessen hohe ephenumrankte Fenster bei den ersten Strahlen der Sonne wie Diainanten glänzten. „Er konnte nicht herunterkommen, nicht wahr?" sagte Harchi. „Ich wage zu sagen, er war nicht nüchtern genug." Diese Worte brachten einen Mißton in meine Stimmung. Ich hatte gerade romantische Bilder heraufbeschworeu und wirklich hatte mein erster Blick auf die Sekte mir nur physischen Rausch gezeigt. „Jedenfalls ist er sehr freigebig," sagte ich, „er giebt freies Frühstück." „Frei für ihn." erwiderte der unverbesserliche Iarchi. „Die Anbeter glaubert, sie bekomrnen es frei, dabei zahlen sie dafür," und er schnäuzte sich kichernd. „Ich will Euch sagen, was frei ist, seine Moral." „Aber wie könnt Ihr das wissen?" „Oho, alle diese Burschen leben das adamitische Leben." „Was ist adamitisches Leben?" Er blinzelte mit den Augen. „Nicht das Leben vor Eva." Ich sah ein, es wäre nutzlos, mit seiner buckligen Ansicht über den Gegenstand zu rechten. Freitag Abend begab ich mich wieder in die Klaus, aber diesmal war es nicht so leicht, einen Platz zu finden. Mein Freund, der Schames, war jedoch so liebenswürdig und placirte ntich nahe bei der Bundeslade; zu meinem Erstaunen war die Versammlung in Weiß gekleidet, und ich nahm mich in meinem schwarzen Anzuge wie ein dunkler Mißton aus. (Forts, folgt.) Litterarische Mittheilungen. ÜJlftiiu, A rnol d. Liebet eure Feinde. I. Kauffmann Frankfurt a. M. 1900. In Form eines Romans führt uns der Autor ein Stück Zeitgeschichte vor. Inden und Cbristen leben miteinander in einer kleinen Stadt am Rhein in Frieden und Eintracht; der ewige Haß gegen das ewige Volk scheint in diesem Orte keine Wurzel gefaßt zu haben, jeder Rassenunterschied verschwunden. Und doch bedarf es nur eines geringen Anstoßes seitens gewissenloser Agitatoren, um Freunde in Feinde und Liebe in Haß zu verwandeln! In dem Helden der Geschichte, Feist Seligmann, der sich von feinem intimsten christlichen Freunde plötzlich verrathen und verfolgt sieht, hat der Autor ein gut gelungenes Bild der deutschen Juden gezeichnet, die sich ebenso wie Feist Seligmann, dank der geheimen und öffentlichen Agitation gewisser Prediger der Liebe und des Hasses in ihrer Ehre verletzt, in ihrer Ruhe gestört und in ihrer Existenz bedroht sahen und sehen. Nicht ohne Absicht scheint der Verfasser seinen Helden nach Amerika auswandern und dessen ehemaligen Freund und jetzigen Feind dorthin folgen zu lassen. Es ist wohl ein Hinweis auf die Zukunft, daß nur dann eine Versöhnung, ein Ausgleich zwischen den Gegensätzen stattfinden kann, wenn erst politische und religiöse Freiheit die Hauptmotive der gegenseitigen Abneigung beseitigt haben wird. Hoffentlich trifft die Prophezeiung des Verfassers ein, damit er in Zukunft seine Fähigkeiten auf dem Gebiete der schönen Litteratur weniger apologetisch, aber destomehr im künstlerischen Sinne verwerthen kann. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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