Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-13 · Heft 28 (13.7.1900) · p. Seite 333

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
Seite 333 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228394--56629-3292948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

333 Mädchen die Aussicht auf Brod, Auskommen und eine Zukunft erschließen sollten, sondern auch der Gesammtheit nothwendige und nützliche Hilfskräfte für den Haushalt zusühren sollten. Ein in Hamburg ausgebildetes jüdisches Dienstlnädchen erweist sich alsbald als eine würdige Dienerin und brauchbare Stütze eines Berliner oder Frankfurter Hauses. Die Einzelnen arbeiten sonach für die Gesammtheit. Mithin erwächst der Gesammtheit gewissermaßen die Verpflichtung, über alles lokale und temporäre hinwegzusehen und Bestrebungen und Institute zum Wohle der Allgemeinheit allüberall, wo sie auftauchen, zu unterstützen. Abgesehen von den Vortheilen, die sich für die Gesammtheit daran knüpfen, ist es schon ein innerer Zwang, eine moralische Nöthigung für die jüdische Frauenseele mit einer tieferen und wärmeren Empfindung für die auf sich selbst, meist ohne Allssicht auf Verheirathuug und ohne Hoffnung auf Staats- oderandere Hilfe, angewiesene arbeitende Jüdin, wo sie auch lebt, einzutreten. Ebenso ist es mit dem Beruf der Krankenpflegerinnen. Auf Anregung der Unei Brith-Logen und mit Hilfe der humanitären Fraueuvereine sind sie ins Dasein getreten. Wohl sind sie noch vereinzelt, wohl sind es erst drei bis vier Städte, die ihnen eine Heilnstätte aufgerichtet; aber schon die Anfänge ihrer Wirksamkeit offenbaren einen unendlichen Segen für die weitesten Kreise. Sie werden, je mehr sich Jüdinnen zu bannherzigen Schwestern ausbilden werden, desto mehr Segensguellen für Alle erschließen und der gesummten Judenheit zur Ehre gereichen. Aber welchen Autheil nimmt denn die Gesammtheü der deutschen Frauen aus Israel an den Arbeiten, an der Schulung, Ausbildung und Entwickelung dieser Berufe, an diesen ehrenvollen Zweigen der Frauenarbeit? In vielen Gegenden weiß man, ahnt man nicht einmal, daß es jüdische Krankenpflegerinnen giebt, und daß sich Damen unseres Bekeuntnisses diesem schweren, edlen Berufe mit Lust und Liebe und seltener Hingebung widmen. Würde die Gesammtheit der Frauenwelt ein lebhafteres Interesse daran nehmen und dieser humanen Frallenarbeit allenthalben ihre Kräfte leihen, es könnte weit mehr nach dieser Richtung Hill erzielt werden. Auch auf dem weitverzweigten geistigen und technischen Arbeitsfelde sehen wir unsere weibliche Jugend rüstig und erfolgreich vorwärts streben. Jüdinnen verdienen nicht nur als tüchtige Handarbeiterinnen in Ehreil ihr tägliches Brod, besuchen nicht nur mit Erfolg Kunst- und Gewerbeakademien, um dann praktisch für die Gesammtheit thütig zu fein, und auch, ohne das Frauenideal in der Ehe gefunden zir haben, ein glückliches und zufriedenes Leben ohne demüthigendes Bewußtsein der Abhängigkeit zu führen, sondern auch zahlreiche lvissenschaftliche Institute zählen Jüdinnen 31t ihren eifrigstenJüngerinnen und Vertreterinnen. Aber auch da macht sich der Mangel an dem Gesanuntinteresse der jüdisch deutschen Frauenlvelt fühlbargeltend. Zn wie viel tüchtigerem Schaffell würde die weibliche Jllgelld angespornt, fände sie in allen Kreisen Verstündniß für dle mühevolle Geistesarbeit, Würdigung und Beachtung des hohen geistigen Berufs, Förderung und Unterstützung in der Lernzeit, offelle Herzen und Arme nach ihrer Beendigung. Die große Allgemeinheit müßte dafür Sorge tragen, daß unsere Lehrerinnell und Erzieherinnen, die ihre Kräfte bis zur Abspannung in den Dienst der Gesammtheit stellen, nie am Hungertuche nagell, niemals Gnadenbrod essen, im Alter oder in Invalidität gemeinsame, ihrem Stande entsPrechendeDersorgungsstätten. Heim, Obdach und Verpflegung darin finden, nicht durch die Gnade, sondern durch das moralische Pflichtgefühl der Gesammtheit. Jüngst hat man ein israelitisches Lehr eriunenheim in Berlin gegründet — das ist edel llnd schön, aber es ist das Werk Einzelner, Weniger für Einzelne, Wenige. Was könnten die zahlreichen intelligenten und humanen Frairen in Deutschland leisten, würden sie zusamnlentretell mit dem Gedanken, allell Lehrerinnen ein gesundes und würdiges Versorgnllgsheim zu stifteil. Eillzelne. lind wären sie noch so reich und edelherzig, sie werden nie Ulld nimmer das leisten, was eine Gesanuntheit hierin in: Stande wäre. Es ist eigenlhümlich, daß in Häusern der sogenannten Aristokratie bei der Belverbung um eine Erzieherin- oder Gouvernantenstelle oft selbst millderbegabteil Christinnen vorreichveralllagten, tüchtigen Jüdinnen der Vorzug gegeben wird. Die Jüdinnen scheinen ihnen weniger Feinheiten des Schliffes und des äußeren Anstandes zu besitzen. Das ist ein Vornrtheil, welches — wäre es begründet — sich um so leichter ans der Welt schaffen ließe, wenn die Gesammtheit der israelitischen Frauenwelt sich der gesamnlten Ausbildung vom Beginn bis zur Reife der jüdischen Lehrerinllen mit lebhaftem Interesse zuwendete. Wenn die Gebildetstell und Vornehmsten mit Rath und That zur Seite ständen und in dieser Gesammtheit Sitz ulld Stimme hüttell, würdeil sie den gebildeten und vornehmen oder als solche scheinenden Stünden — insbesorldere den Aristokratillnen — den Standpunkt klar machen, wie irrig und einseitig ihr Urtheil ist, das der Jüdin die Fähigkeit abspricht, die es meist ungeprüft der Christin zuerkennt. Aber nicht nur im Interesse des Fortkornmeus tüchtiger jüdischer Lehrerinllen, auch noch im Interesse der Erhaltung unserer Religion und der Förderung des religiöserl Geistes in den Familien ist es nothwendig, das leider eingewurzelte Vornrtheil gegen jüdische Gouvernanten oder Erzieherinnen zu bekämpfen. Denll Vielen ist es kein Geheimniß, daß die zu große Toleranz der jüdischell Hausfrauen den: Gedanken so selten Rannl giebt, daß die christliche Erzieherin bei jahrelangem Umgang nrld Verkehr mit ihren jüdischell Zöglingen oft von größeren Einflüsse auf Empfindell und Denken derselben ist als die Eltern. Wie schmerzlich mußte uns die Intoleranz berührell, die beu Jüdinnen den Unterricht christlicher Kinder untersagte; und doch handelte es sich nicht um den Umgallg noch weniger uul die religiöse Unterweisung. Wir dürfen llicht davon lernell, im Gegelltheil! uns find die Christinnen selbst in jüdischen Schulen zur Ertheiluug des Unterrichtes sehrgenehm und willkommen. Die Wissensthasten ]iub interkonfessionell, und nur fürchten durchaus keinen schädlichen Eillfluß auf die Herzell jüdischer Kinder, wenn die Lehrkräfte christlich sind. Anders verhält es sich aber dort, wo die gallze häusliche Erziehung und selbst die Führung des israelitischen Hauses der Christin überwiesen wird. Wir haben gellugsarn erfahren, daß beit jüdischell Töchtern der sogeilanuten besseren Stände urlter dem Einfluß christlicher Gouvernanten die Religion und alles jüdisch-religiöse Fühkell ltnb Denken abhanden gekommen, und daß die zwei Stunden Religionsunterricht, selbst auch die Koilfirmation llicht im Stande waren, die Spuren jenes Einflusses zu verwischen. Viel all dem religiöserl Niedergänge, der zu Abfall und Fähnerlflllcht führt, ist auf dieses Schuldkonto zu setzen. Mehr als aller Alltisemitismus voll außen hat die mit der Unwissenheit Hand in Hand gehende Gleichgiltigkeit in unseren Frauen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.