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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-13 · Heft 28 (13.7.1900) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
Seite 332 (sequence 10)
Language
German
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332 jetzige Schriftsteller Emanuel Wurm, seit demselben Jahre Vertreter für Reuß j. L., 1:11b Rechtsanwalt Georg Haase, 1894 in einer Nachwahl (für Königsberg, Pr.) gewählt. Früher hatte die sozialdemokratische Partei auch schon gelegentlich jüdische Abgeordnete ins Parlament geschickt, so den ehemaligen Realschullehrer Sabor, 1884—90 Vertreter von Frankfurt a. M., und den 1887 verstorbenen Max Kayser, der im Jahre 1878 als jüngstes Mitglied in den Reichstag gewählt wurde und diesem bis kurz vor seinem Tode angehörte. Unter den gegenwärtigen sozialdemokratischen Abgeordneten sind ferner jüdischen Ursprungs: der „Dissident" Rechtsanwalt Dr. Joseph Herzfeld in Berlin, seit 1890 Vertreter von Rostock, und die beiden „Lutheraner" Dr. Bruno Schoenlank in Leipzig und Dr. Gradnauer-Dresden. Doch dies zu konstatiren, geht eigentlich über den Nahmen unseres Artikels hinaus. Denn meiner derartigen Statistik müßte ja alsdann auch der s. Zt. so bekannte Eisenbahnkönig Dr. Bethel Harry Stroußberg, welcher im konstituirenden norddeutschen Reichstag mit Rothschild auf der rechten Seite des Hauses saß, ferner Dr. Otto Arendt, im Land- und Reichstage der Vertreter des Mansfelder See- und Gebirgskreises, der sich mit Vorliebe seiner christlich-germanischen Abstammung rühmt, trotzdem sein Urgroßvater auf dem Friedhofe in der Großen Hamburgerstraße, sein Großvater in der Schönhauser Allee und sein Vater jn Weißensee beerdigt sind, der nationalliberale Abgeordnete Professor Dr. F r i e d e b e rg- Halle, der verstorbeneReichsgerichis- und Reichstagspräsident von Simson und mancher Andere hineingehören. Wir bezweckten aber mit unserer Aufzählung lediglich, ohne auf absolute Vollzähligkeit Anspruch zu erheben, eine Uebersicht über den Antheil der Juden an den parlamentarischen Körperschaften Deutschlands zu geben, weil hierin, wie sich unschwer erkennen läßt, die Fluktuation gewisser Parteischattirungen und Zeitströmungen in charakteristischer Weise zum Ausdruck gelangt. Sapienti sat! Gin Mort M unserer Fraurnfrage. Von Dr. D. Lei m d örfer-Hamburg. (9^^nabhängig von den in letzter Zeit vielfach besprochenen und ans die Israelitinnen angewandten Fragen, die die moderne Frauenbewegung zu löseil sich bestrebt, möchte ich in folgendem eine, vom volkspädagogischen Standpunkt ans betrachtet, höchst wichtige Sache berühren uub meinen Glaubensgenossinnen ans Herz legen. Wer sich auf die Zeichen der Zeit versteht, wird in der modernen Frauenbewegung ohne Zweifel den wirth sch östlichen -Faktor als ihren Hebel oder ihre causa et'tieiens anfehen. Individuelle Lebensintereffell, die Suche nach Brod, die Sorge für eine leidliche Zukunft schufen die Idee der Selbsthilfe und erweckten das Selbstgefühl sowie den Corpsgeist, an den fein Menschenkreis in seiner Nvth vergeblich appellirt. Ob sich die Frauen zu diesem oder jenem Berufe eignen, ob ihnen dem Manne ebenbürtige oder völlig gleiche Kräfte zu Gebote stehen oder nicht, ob sie, die Frau, in der „Gehilfin an seiner Seite" ihr höchstes Lebensziel erblickt, oder ob ihr „des Hauses Gebieterin" zu sein, als eine zu winzige Rolle gilt: das bleibe hier unerörtert. Die Thatsache, daß es viele Berufe giebt, zu denen die Frau bislallg wirklich feinen Zutritt hatte, obgleich ihre Kräfte und Fähigkeiten sie fraglos für dieselben prädestinirt hatten; ferner die Thatsache, daß die Ehe viele weder zu Gehilfinnen noch zu Gebieterinnen des Hauses werden ließ; endlich das Faktum der Entsagung und Vorenthaltung mancher Rechte, gegen welche Ehre, Rechtsgefühl und Pflichtbewußtsein der Frau sich nicht ohne Fug auflehnen: diese Thatsachen lassen sich nicht mit einem Federstriche abthun. Wohlthuend, ja geradezu imponirend wirkt der in die Erscheinung tretende Arbeitstrieb des modernen Weibes, und wenn nichts weiter als dieser Thatendurst, dieser — man möchte fast sagen — männliche Drang nach Thätigkeit und redlichem Erwerb in einer Zeit, da Maschinen zahllose Menschenkräfte überflüssig machen, und andrerseits, wo mit dem Kampfe ums Dasein die gesteigerte Genußsucht überhandnimmt, die einzige sichtbare Frucht der Frauenbewegung wäre, sie hätte wahrlich bei der Kürze ihrer Existenz rühmliches geleistet. Aber nicht blos abstrakte Worte von weittragender volkspädagogischer Bedeutung, auch wirkliche Schöpfungen zur Beseitigung vielfachen Menschenelends verdanken ihr ihr Dasein. Mit ihren in die Augen springenden Segnungen haben sie der Hoffnung Nahrung gegeben, daß die Frau, um mit der Verfasserin der „Memoiren einer Jdealistin" zu reden, aufhören wird, ein Götzenbild, eine Puppe oder eine Sklavin zu sein, daß sie als ein bewußtes und freies Wesen im Verein mit dem Manne an der Vervollkommnung des Lebens in der Familie, der Gesellschaft, dem Staat, in Wissenschaften und Künsten — kurz cm der Verwirklichung des Ideals im Leben der Menschheit arbeiten wird. Allein alles, was diese Bewegung zu Tage gefördert hat und was sie in Zukunft bewerkstelligen wird, ist einem gewaltigen Umstande zuzuschreiben, nämlich dem Zuge der Einzelnen zur Gesammtheit. der Verbindung aller Sonderbestrebungen und Sonderkräfte zu einem großen Ganzen, zu einer wohlorganisirten Einheit, mit eineni Worte der Centralisation. Diese Einheit, die alles Besondere in das große Allgemeine leitet, dünkt mir, ist ihr größter Segen. Denn sie bewahrt vor Zersplitterung und Schwächen der Zerklüftung durch Sonderinteressen; sie läßt bei der Vielheit der Arbeiter: und Ziele den Gemeingeist als belebende Centralkraft walten, von dem der Unternehmungsgeist und der Schaffensdrang sich viel reichere Unterstützung und Förderung versprechen dürfen, als wenn sie der Gesanuntheit entbehrten. Die Centralisation macht die Individualitäten zum Gemeingut Aller, und das gefesselte Interesse der Gesammtheit ist die mächtigste Stütze für die Wirksamkeit eines gedeihlichen Jndividualschaffens. Auch die jüdischen Frauen, von denen etliche, mit hoher Intelligenz und Begeisterung für die hoher: Ziele der allgemeinen Frauenbewegung reich ausgestattet, zum Theil an der Spitze und in der Centrälleitung segensreich thätig fir:d. sollterr rrun daran denken, daß alle in der neuesten Zeit zur Erleichterung und zum besseren Fortkommen der israelitischen Töchter und Frauen geschaffenen Veranstaltungen dieser Cer:tralisation meist er:tbehren und damit der starken Führerhand der Gesammtheit, die zu ihrer Erhaltung und Erloeiterung unerläßlich ist. Wie sind in neuester Zeit z. B. die Haushaltungsschulen zur Heranbildung jüdischer Dienstmädchen, Köchinnen, Wäscherinnen u. s. w. entstanden? Einzelne Damen, Wohlthäter oder Mäcen m einigen Großstädten haben — vielleicht mit Opfern an Zeit, Kraft und Geld sie gegründet. Es wäre:: Einzelbestrebungen humanster Art, die aber nicht nur den bedürftigen, auf ihrer Hände Arbeit angewiesenen

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