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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-13 · Heft 28 (13.7.1900) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 28 (13.7.1900)
Date
1900-07-13
Page
Seite 331 (sequence 9)
Language
German
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Stöcker vor einigen Jahren im Abgeordlletenhause triumphirend verkündet hatte, es sei seiner Agitation gelungen, auch den letzten jüdischen Abgeordneten aus dem Preußischen Abgeordnetenhause zu entfernen, eineAeußerung, durch die auch den freisinnigen Parteien der Makel ausgeprägt wurde, als seien sie insgeheim mit einem Tröpfchen antisemitischell Oels gesalbt, war es gewissermaßen Ehrensache der jüdischen Wählerschaft, da, wo es angängig war, geeigllete Persönlichkeiten für ein Larldtagsmandat zu kandidiren. Das ist auch mit Erfolg bei den Neuwahlen des Jahres 1898 in zwei Wahlkreisen durchgesetzt worden. Im ersten Berliner Landtagswahlkreise wurde der den Leseril dieses Blattes wohlbekannte Anwalt der deutschen Gewerkvereine, welcher gelegentlich auch schon ein Reichstagsmandat inne gehabt hatte, Dr. Max H i r s ch , in Wongrowitz-Znin durch einen Kompromiß der deutschen Wähler Lalldgerichtsrath Peltasohn -Brvmberg gewählt. Dazll ist nun noch, wie bereits oben erlvähnt, dllrch eine Nachwahl für den verstorbenen Vertreter für Lissa-Fraustadt-Gostin-Kroebell, der in erstgenannter Stadt ansässige Edrrard Wolff gekommen. Dagegen ist — Jrollie des Schicksals — Herr Stöcker, der kurz zuvor den Mund so voll genommen hatte, bei den 98er Wählen von seinen Parteifreunden als Vertreter des Siegener Wahlkreises, dessen Larldtagsmandat er 20 Jahre lang inne gehabt hatte, schlankweg fallen gelassen worden urrd sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden. Zwar ist, gewissermaßen als Ersatz, im hessischen Wahlkreise Rinteln-Hofgeismar der sattsam bekannte Reichstags-Abgeordllete Ludwig Werner nur auch als „reiner Antisemit" für den Landtag gewählt worden, jedoch hat sich der bisher einzige Vertreter der „deutsch-sozialen Reformpartei" ini Landtage während seiner zweijährigen Thätigkeit daselbst als durchaus harmlos und unschädlich erwiesen, ja vielfach sogar feine eigentliche Gesinnung direkt in die Rumpelkammer gestellt. Wie dem auch sein mag, die Schadenfreude der Antisemiten verschiedensten Kalibers darüber, daß seit dem im September 1886 erfolgter: Tode Ludwig Loewes den Juden, die in den 60 er und 70er Jahren als nationalliberale Abgeordnete Dr. Eduard Lasker, den Chemiker Dr. Burg, H. B. Oppenheim, Fabrikbesitzer Dr. Cohn-Martinickenfelde, als Konservativen Freiherr von Rothschild-Frankfurt a. M., als Fortschrittler, abgeseherr von Ludwig Loewe, den hervorragenden Parlamentarier Dr. Johann Jacoby, Kommerzienrath Leonor Reicherrheim, Buchhändler Veit, Sanitätsrath Dr. Ko sch-Königsberg, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Straßm a u n-Berlin, Justizrath Marburg- Altona, Redakteur Dr. Stern-Frankfurt a. M. — bis auf den Letztgenannten sind bereits alle dahingeschieder: — im Landtage aufzuweisen hatten, letzterer entgültig infolge des Dreiklassenwahlsystems und der zunehnlenden Abneigung gegen die Juden versperrt sei, gründlich zu Schanden gemacht worden, was zukünftig hoffentlich in noch viel höherem Maße der Fall sein wird. Wohl fiitb die jüdischen Abgeordneten, was ja selbstverständlich ist, dazu da, die Gesammtinteressen ihrer Wühler aus den verschiedensten Konfessionen zu vertreten, handelt es sich aber um spezifisch jüdische Fragen, so sind sie bei der ihnen naturgemäß inne wohnenden größeren Sachkenntniß die berufensten Anwälte ihrer Glaubeilsgenoffen. Sehen wir uns nun in den anderen Einzellandtagen um, so kommt höchstens Baiern mit einem nennenswerthen Prozentsatz jüdischer Abgeordneten in Betracht. Da es in diesen: nächst Preußen größten Bundesstaate früher nur zwei Parteielr gab, die ultramontan-konservative und die liberale, so konnten Juden, wenn sie sich anl politischen Leber: betheiligten urrd irr der: Landtag gelangten, naturgemäß nur auf der Linker: sitzen. Dieser, d. h. der dort noch geeinigten, Nationalliberale rrnd Freisirrnige umfassenden, Partei gehörten irr der That auch die in kurzer Frist hinter eirrander verstorbenen Abgeordneter: Rechtsanwalt Fra n ken be r g e r, Kommerzienrath M ai son an. Neuerdings, und zwar seit 1893, hat auch die sozialdemokratische Fraktion in den Landtag Einzrrg gehalten. Ihr Mitglied ist der 73 jährige Alterspräsident der bairischen Kammer, Gabriel Löwenstein-Nürllberg. In dem benachbarten Baden hat es zwar Jahre lang einen jüdischen Finanzmiuister, Ellstaetter, doch rneines Wissens bisher keinen jüdischen Abgeordneten gegeben. Das Gleiche ist in Württenrberg der Fall. Dagegen hat der letzte größere süddeutsche Staat, das Grvßherzogthunr Hessen, lange Zeit sogar einen jüdischen Kammerprüsiderrten in der Person des Kommerzienraths Wolfs kehl besefferr. Als aber rrlit zunehmender antisemitischer Trlrchseuchnrrg des schönen Hessenlandes seine eigenen Parteigenossen, die Nationalliberalen, Wolfskehl nicht mehr für den Präsidentenstuhl vorschlrlgen, verzichtete er auf das Marrdat überhaupt. Daß im Köriigreich Sachsen, einen der Hauptherde des Antisemitisurrrs, seitdem die „Schmach des Jahrhunderts" sich dort breit macht, kein Jude mehr in der: Landtag gewählt wurde, der: einst der Mitbegründer des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Rechtsanwalt Emil Lehmann, als Vertreter für Dresderr im rvahren Sinne des Wortes zierte, bedarf feiner besonderen Erwähnung. Die übrigen Mittel- und Kleirrstaater: (Anhalt, Brarrnschweig, Oldenburg u. s. w. hatten, abgeseherr von der „Bürgerschaft" Hamburgs, wegen des rurmmerisch schwachen Prozerrtsatzes der jüdischen Bevölkerung an urrd für sich keine Veranlassung und Gelegenheit einen jüdischerr Abgeordneten zu wählen. Ein ganz anderes Bild bietet der derrtsche Reichstag mit seirrem allgemeiner: Wahlrecht dar. Hier hat es von jeher und zu aller: Zeiten jüdische Abgeordnete gegeben und zwar meist recht namhafte und bedeutende Persönlichkeiten. Theilweise begegnen uns hier dieselben Rainen wie im prerrßischer: Landtage: Lasker, der Führer der nationalliberaleu Partei, neben Bamberger, Ludwig Loewe, Dr. Max Hirsch, der Hamburger Schuldirektor Dr. Autor: Röe, der Demokrat Leopold Sonne mann, Besitzer der Frankfurter Zeitung, Professor Dr. Mendel, der berühmte Nerverrarzt, der in der: 80er Jahren den Niederbarnimer Wahlkreis vertrat, die Rechtsanwälte Wolfsohn-Hamburg, Freund-Breslau u. A. Alle die Genannten gehörten der natiorralliberaler: oder Fortschrittsbeziehrmgsweise dentschfreisirrrrigen Partei an. Seitdern letztere gelegentlich der Reichstagsauflösung 1893 in „Freisinnige Volksparte:" und „Freisinnige Vereinigung" sich spaltete, rvobei gleichzeitig einer ihrer Führer, Dr. Ludrvig Bamberger, den: politischen Leber: eudgiltig Valet sagte, schied mit ihn:, da Dr. Max Hirsch nicht wieder- und ein neues jüdisches Mitglied nicht hinzugewählt wurde, der letzte Jude als Repräsentant des Liberalismus aus dem deutschen Reichsparlament. Seitdern giebt es im Reichstage nur noch jüdische Sozialdemokraten, und zwar vier: der rronrinelle Führer der Partei, Paul Singer, seit 1884 für der: 4. Berliner Reichstagswahlkreis gervählt, der ehemalige Rechtsanwalt, jetzige Redakteur Ar t h rr r S t a d t h a gen, seit 1890 Vertreter von Niederbarnim, der frühere Chemiker i, i!

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