Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- Seite 328 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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328 schulen und Universitäten angestellt wurden, wissen, was Falk während seiner siebenjährigen Amtsperiode, zwischen Mühler und Puttkamer, für sie und zugleich für die Sache des Fortfchritts und der Aufklärung geleistet hat. Es wird von Interesse sein, dies im Einzelnen geschichtlich nachzuweisen. Das Andenken des wackeren Mannes wollen wir aber hoch in Ehren halten! * In Oesterreichisch - China wird es auch immer gemächlicher. Die „Oesterreichisch - Israelitische Union" theilt nns Folgendes mit: „Am 7. August 1899 verließ die minderjährige Roza. reele Nochme Weiß in Wieliczka heimlich das Elternhaus unter Mitnahme von Wäsche. Kleidern und zweier Sparkassenbücher. Aus einem zurückgelassenen. an das Mädchen gerichteten Briefe ging hervor, daß ein junger Bursche. Namens Joses Iuszkiewiez, sie verleitet hatte, sich in ein Kloster zu flüchten und daselbst taufen zu lassen. Am folgenden Tage kehrte Noza Weiß ins Elternhaus zurück, entfloh jedoch am 1. September neuerdings, hielt sich vier Tage hindurch bei den, Geuleinde-Aufseher Adam Zapalski in Wieliczka auf und wurde am 5. September Nachts von Adan, Wiarowski unter Beihilfe Zapalskis in das Kloster der Feliziaueriuuen zu Krakau gebracht. Unmittelbar nach der zweiten Flucht des Mädchens hatte der Vater Markus Weiß die Allzeige bei der Polizeibehörde erstattet und um Ausforschililg seines Kindes gebeten. Der Wieliczkaer Polizei-Inspektor Jarsik erklärte dem Vater, er wisse wohl, wo das Mädchen sei. er sei aber nicht dazu da. um jüdische Kinder ills Elternhaus zurückzubringeu. Am 7. September richtete Markus Weiß an die Krakauer Polizeibehörde die Bitte, ihm die erforderliche, in, Gesetze begründete Assistenz zur Erreichullg einer Unterredung mit seiner Tochter zu gelvähren. Die Erfüllung dieser Bitte wurde wochenlang verzögert, bis elldlich der Polizeikommissar Tomasik beauftragt wurde. Marklls Weiß und einen gewissen Weißer aus Szczuciua, dessen Tochter gleichfalls von den Felizianern zurückgehalten wurde, ills Kloster zu begleiten. Der Kommissar ließ beide Väter ilu Hofe lvarten und erschien nach zwei Stunde!, mit einem Protokolle, das angeblich mit den Mädchen aufgenommen worden lvar und wonach sich dieselben lveigerteu. mit ihren Vätern zu sprechen. Im November 1899 erwirkten Markus Weiß und Srul Straußberg, der in der gleichen traurigen Lage war, eine oberhirtliche Erlaubniß. ihre Kinder zu sprechen. In dem Schreiben des Fürstbischofs wurde die Oberin angewiesen, die Mädchen für die Unterredung mit ihren Vätern „vorzubereiten". Die Oberin verlveigerte jedoch den Vätern den Zutritt ins Kloster mit dem Belnerken, daß ihre Kinder sie nicht sehen wollten. Diese Aussage steht im Widerspruche mit den Angaben der Gattin und einer zweiten Tochter des Markus Weiß, welche Roza wiederholt durch eine Spalte des Gartenthores gesprochen hatten und dene,l letztere weinend klagte, daß Ulan sie eingesperrt halte, obwohl sie gerne nach Hause luöchte. Auch die Anrufung der Gerichte ist, gleichwie im Falle Araten, bisher erfolglos geblieben. Oesterreich ist in der That heilte schlimmer als der Kirchenstaat zur Zeit Moriaras! * Im Zickzackkurs, der ja heute nun eirunal Mode ist, kehren wir nun zu den: lieben Rltmäniell wieder. Die offiziöse rumänische Presse bernüht sich noch inlmer, die durch die antisemitische Hetze hervorgerufene Massenauswanderung der Juden aus Rumänien auf andere Ursachen zurückzuführen. Die „Agence Roumaine" lenkt die Aufmerksamkeit auf gewisse Angaben des Blattes Roumanie" über die Auswanderung der Inden, die sie als richtig bezeichnet. Die Gesammtzahl der in den letzten zwölf Monaten ausgewanderteir Juden beträgt 5786. Die Mehrzahl derselben hatte keinerlei Profession, die Minderheit waren Handwerker. In staatlichen Schulen wurden Juden in folgendem Verhältniß ausgenommen: in Volksschulen 5r/2pCt., in Mittelschulen Ty* pCt., in höheren Lehranstalten 9 pCt. Unter den vom Staat besoldeten Landärzten waren 24 pCt. Juden, an öffentlichen Arbeiten betheiligten sich in dem Zeiträume von 1890 bis 1899 42 PCt. Juden mit Arbeiten im Gesammtwerthe von 23 Millionen. Die „Ronmanie" schreibt wie alle andererr Blätter die Auswanderung dem durch die Mißernte des letzten Jahres verursachten Nothstallde zu (?). Das Blatt betont, daß unabhängig von der Auswanderung über die Grenze auch die Auswanderung aus dem Norden Rumäniens erfolge, wo die Juden mehr als 50 pCt. der Bevölkerung ausmachen, nach dem Süden, wo die jüdische Bevölkerung weniger dicht ist. Die Mohrenwäsche der „Agence Roumaine" wird aber Niemanden überzeugen — außer die deutschen Antisemiten! Aus allen Gegenden des Landes Pilgern nun kleinere und größere Jndengruppen, Alt und Jung, Mann, Weib und Kinder, von Stadt zu Stadt, sammeln Mittel, um das Land zu verlassen, das ihnen keine Existenz mehr bieten Ecxnu. Nun haben die ersten Gruppen Oesterreich und Deutschland erreicht, und herzzerreißend sind die Schilderungen dieser Unglücklichen. Gegen diese armseligen Auswanderer richtete sich die rumänische Polizei; sie gestattete keine Ansammlungen, unterdrückte ihre Flugschriften, in welchen sie die Regierung für ihr Elend verantwortlich machten, und wollte Auswanderungspässe nur noch solchen Juden gewähren, die über einen Minimalbetrag von 30 Francs verfügten. Die tonangebenden Juden iu Rumänien aber kümmern sich wenig um ihre unglücklichen Brüder, und es ist gar nichl übertrieben, wenn die Behauptung aufgestellt wird, der reiche Jude in Rumänien lebe nur für sich und seine eigenen Interessen. Bis jetzt hat sich noch nicht einmal eine Judenkorporation, bestehend aus angesehenen Mitgliedern, gefunden, die bei der rumänischen Regierung vorstellig geworden wäre, warum man eigentlich die Leute nicht von dannen ziehen lasse. Wirthschaftlich bedeutet die Auswanderung der Juden einen Rückgang für Rumänien, und man darf darauf gespannt sein, ob sich ein jüdischer Finanzmal,n in Europa finden wird, der der rumänischen Regierung angesichts der allgemeinen Erregung zu einer Anleihe zu verhelfen den traurigen Math haben wird. Der Israelit als Lehrer an höheren Schulen. Unbefangene Glossen zu einem nellesten Angriffe. I. in Gegenstand des höchsten Interesses für die heutige Judenheit in allen seinen Schattirungen war, ist und wird sein, wie und inwieweit die thatsächliche Anerkennung der vollen Staatsbürgerrechte seitens der maß geblichen Stellen, seien dies null Behörden oder einzelne maßgebliche Persönlichkeiten, durchgeführt werden. Die Frage, welchen individuellen Standpunkt die betreffenden staatlichen Vollstreckungsorgane bezw. die Amtsvorstände in solchen Zweigen des öffentlichen Lebens, die den Bekennern des Judenthums bis zur 1869er Aufhebung der gesetzlichen Schranken verschlossen waren, dazu einnehmen, spielt daneben eine geringere Rolle: sie komnlt wesentlich in praktischer Hinsicht in Betracht. Da galt nun von jeher als ein verläßlicher Gradmesser für die Stellungnahme der Behörden und überhaupt den Geist, der