Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- Seite 327 (sequence 5)
- Language
- German
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327 Die Ähnlichkeit mit den chinesischen Verhältnisserr geht aber noch viel weiter. Denn so schreibt der Pastor Faber in einem Artikel über das Reich der Mitte: „Die christlichen Missionare trinken das Bl nt der Chinese nkin der. nachdem sie sie grausam abgeschlachtet haben. Dieser Glaube ist unerschütterlich verbreitet bei den Chinesen. Vor etwa fünfzehn Jahren erschien, ans den Händen der Geheimbündler ausgehend, eine neue Auflage in Millionen von Exemplaren des Buches „Todtschlag der Teufelslehre" auf Veranlassung des Mandarinen Chaw-Han. Darin heißt es, die Christen trieben jeden Sonntag am Schluß ihres Gottesdienstes die scheußlichsten Ausschweifungen. An allen Straßenecken der Riesenstadt Kanton waren große Plakate mit Auszügen aus diesem Buch, welche beit Christen die tollstell Dinge llachsagten. Einzelne Körpertheile von tobten Kindern wurden in den letzten Jahren häufig auf christliche Kirchhöfe geworferl. Die Leute vonr langen Messer waren dann bald da und brachten triumphirend die Beweisstücke dafür, daß die Christen Kinder schlachteten." Der Missionär Voskamp schreibt aus eigener Kenntniß von Land und Leuten in seinem lehrreichen Buche „Unter dem Banner des Drachen und im Zeichen des Kreuzes" (Berlin. Buchhandlung derBerlinerevangelischenMissionsgesellschaft), daß auch die Gebildeten in China fest von der Wahrheit der Verleumdungen überzeugt seien, daß die Missionen Menschenraub treiben, den menschlichen Körper verstümmeln, Todte ausgraben, um aus bereu Gebeinen wirksame Medizin zu bereiten und Zaubermittel zu gewinnen, die langes Leben verleihen, Blei in Silber verwandeln, und andere garnicht zu erzählende Teufeleien ausführen, die sich an die Feier des Abendmahles und an die Versammlungen von Männern und Frauen in einem geschlossenen Raum knüpfen. Wo ist nun der Unterschied? £ Wie unsere Leser wohl noch in Erinnerung behalten haben, hat vor einigen Wochen der Rittergutsbesitzer List in Saalfeld (Ostpreußen) sich hartnäckig geweigert, vor einem jüdischen Richter einen Eid zu leisten und ist daher wegen Eidesverweigerung vom Gericht zu eurer Geldstrafe verurtheilt worden. Gegen dieses Urtheil hat der Betreffende die Beschwerde eingelegt und gleichzeitig den Antrag gestellt, ihn von einem nichtjüdischen Richter vereidigen zu lassen. Doch hatte weder die Beschwerde noch der Antrag irgend welchen Erfolg. Am kommenden Donnerstag soll der „Märtyrer seinerUeberzeugung" vor demselben jüdischen Richter wieder den Eid leisten. Er soll einem dortigen Rechtsanwalt erklärt haben, er werde auch jetzt nicht den Eid leisten. Herr List ist damals in die Kosten und 200 Mark Geldstrafe verurtheilt worden. Die Hetze gegen die jüdischen Richter soll also fortgesetzt werden. Wer weiß, ob nicht gerade das fletue ostpreußische Städtchen zur Versuchsstation auf diesem Gebiete absichtlich ausgewählt wurde! * Das wichtigste Ereigniß der Woche ist der Exodus aus Rumänien. Jetzt erst beginnt die europäische Presse dem Ereigniß die gebührende Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ueberall regen sich die Herzen und die Hände zum Hilfswerk. Von besonderer Bedeutung ist angesichts dieser Thatsache die folgende Zuschrift des Zentralkomitees der Alliance israelite universelle: Die uns aus Rumänien zugehenden Nachrichten stellen die Situation der Juden in diesem Lande als äußerst kritisch dar. Unmittelbare und beträchtliche Mittel sind erforderlich, um Tausende vor dem Hungertode zu bewahren. Bereits erfahren wir. daß infolge des Rothstaudes Todesfälle durch Verhungern und Selbstmorde in mehreren Orten vorgekommen sind. Es wäre eine Schmach für die Judenheit des Westens, wenn sie nicht versuchen würde, derartigen Zuständen abzuhelfen. Wir haben es deshalb für nöthig erachtet, durch einen nach Rumänien gesandten Spezialvertreter unverzüglich 80000 Francs zur Vertheilnng zu bringen. Andrerseits verlassen Tausende von Auswanderern Rumänien ohne Mittel und fallen den Komitees in Hamburg. Rotterdam re. zur Last, denen wir die Mittel bieten müssen, um diese Unglücklichen einzuschiffen und zu befördern. Die hierfür erforderlichen Kosten werden auf Hnnderttausende. vielleicht Millionen von Francs sich belaufen. Um die nölhigen Beiträge zu beschaffe!!, haben wir einen Aufruf an die gesaminte Judenheit gerichtet. Zugleich haben die Logen des 33’uet Brith-Ordens einen Aufruf fast ausschließlich zu Gunsten der Juden Galiziens veröffentlicht. Wir kennen die Lage der galizischen Juden genau; dieselben sind sehr arm, aber sie treiben gegenwärtig weder Hunger, noch Verfolgungen aus ihren: Lande, und zudem thut jetzt die Jewish Colonisation Association geräuschlos und ohne Ostentation Alles, was zu Gunsten dieser Armen Wirksames geschehen kann. Der Augenblick ist wirklich nicht geeignet, die Kräfte des Judenthums zu zersplittern und so den Erfolg unserer Bemühungen zu gefährden. Wir glauben, daß die in Deutschland g e s a m ul e l t e n Beträge gegenwärtig d e n unmittelbar drängenden Bedürfnissen der r u m ä u i s ch e n Juden zu - gewandt werden müssen, und da die Alliance die Pflicht der Aktion und der Sammlungen zu Gunsten der rumänischen Juden auf sich genommen hat, so sollten alle gesammelten Beträge au sie überwiesen werden. Bereits fragen sich verschiedene Komitees und Gemeinden in Deutschland, ob zwischen d er Aktion der V'nei Brith und der der Alliance ein Antagonismus besteht, und zögern deshalb, die auf Grund unseres Ausrufs gesannnelten Beträge uns einzusenden. In Würdigung des Ernstes der Fragen, welche das rumänische Werk aufwirst, wird man sich willig überzeugen, daß es im Augenblick unsere gemeinsame Pflicht ist, unsere Kräste und unsere Mittel zu vereinigen um den Schwierigkeiten die Stirn zu bieten, welche die rnuiänische Auswanderung auferlegt, und es darf von dem Wohlthätigkeitssinn der Logen erwartet werden, daß sie unsere Auffassung in der Angelegenheit theilen werden." Wir stimmen diesen Ausführungell unbedingt zu irnd hoffen, daß sie überall ein geneigtes Ohr finden werden. £ Hub nun nochmals zurück nach Könitz, von lvo in der letzten Woche uns die drei folgenden, aber keineswegs bedeutungslosen Meldungen vorliegen: Die Voruntersuchung gegen den Fleischermeister Hoffmann wegen Todtschlags ist geschlossen; die Akten werden jetzt erst der Strafkamnier zugestellt und diese beschließt, ob das Hauptverfahren zu eröffnen sei oder ob die Angelegenheit fallen gelassen werden muß. — Dem von der antisemitischen Presse schwer verdächtigten Fleischermeister Lewy ist von der zuständigen Gerichtsbehörde völlig sreigeslellt, Könitz zu verlassen und beliebige Reisen anzutreteu. — In Könitz ist am 6. d. M. der Präparand Speisinger nach einer mehrstündigen Vernehmung als Zeuge vonr Untersuchungsrichter verhaftet worden. Am Tage der Ermordung Winters hat sich bekanntlich Speisinger in dessen Gesellschaft befunden. Im übrigen kündigt ein Antisemitellblatt „unentwegt" schon künftige Blutbeschuldigungen an. Die „Deutsche Reform" schreibt am 1. d. M.: „Es werden zu jede Ostern neue Falle hinzukommen." Neue Lügen werden gewiß hinznkommen, das nnffeit wir. Morde werden zu allen Jahreszeiten ansgeübt, lvarum nicht auch zu Ostern? Wie bequem wird jetzt für die Herren Mörder die Btutbeschnldignng, zumal da sie ja aus den Antisemiteublütterll den Schüchtschllitt scholl gitr Genüge kennen gelernt habell. £ In einer solchen trüben Zeit ist der Tod eines Mamles, wie der frühere Kultusminister Dr. Falk, der anl 7. d. M. ill Hamnl gestorben ist, doppelt bektagenswerth. Die jüdischen Lehrer im Allgemeinen, die Juden, die als Lehrer all Mittel-