Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- Seite 326 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228394--56622-3292941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
326 wird, so steht das Eine fest, daß sie ungeheuer kostspielig ist. Eine solche Unternehmung in Galizien schätzen zum Beispiel ihre Befürworter auf 500000 Mark für 100 Familien; in Wirklichkeit wird sie wohl das vierfache kosten. An mehr als einen Versuch wird man sich daher auch hier nicht wagen können. Endlich in Rußland und Rumänien der Heimath des Judenelends, verbieten sich solche Pläne von selbst, weil die Regierung ihre Ausführung nicht gestattet. So ist denn für die nächsten Jahre an eine Ueberführung der emigrirenden Juden zur Landwirthschaft ebensowenig zu denken, wie an gleiche Erfolge iit den Ländern des Ostens, abgesehen von kleinen, sehr nützlichen, aber doch nur wenig für die Masse in das Gewicht fallenden Experimenten. Besser steht es freilich mit den Aussichten für die Zukunft, daher auch die großen Aufwendungen, welche die Jewish Kolonisation, die Alliance israelite universelle und der Baron Hirsch- Fonds in den verschiedenen Landern für Ackerbaufchulen machen, durchaus nur freudig zu begrüßen sind. Hoffentlich wächst in diesen Schulen eine Generation heran, welche eine landwirthschaftliche Kolonisation mit geringeren Kosten und vor allen Dingen schneller durchführen kann, als das gegenwärtige, dem Ackerbau ganz entwöhnte Geschlecht. Ist nun die Landwirthschaft für den Augenblick und für die nächste Zeit noch unvermögend, eine größere Anzahl von jüdischen Arbeitskräften aufzunehmen, so steht es besser mit der Industrie und dem Handwerk. Der Bericht weist nach dieser Richtung viel Interessantes auf. Vor allen Dingen in Nordamerika leisten die von dem Baron Hirschfonds und der Jewish Colonisation Association in das Leben gerufenen Schulen Vorzügliches. Eine große Anzahl von jüdischen jungen Leuten wird jahraus jahrein neuen Zweigen der Industrie und des Handwerks zugeführt und so in den Stand gesetzt, ihr Brod zu verdienen, ohne eine erdrückende Konkurrenz unter den Juden selbst hervorzurufen. Nebenher gehen industrielle Bestrebungen. Eine eigens zu diesem Zweck gegründete Gesellschaft, die von der Jewish Colonisation Association sinanzirt ist, ist bemüht, die Juden aus den großen Städten au geeigneten Plätzen anzusiedeln, wo zugleich große Fabriken geschaffen werden, die beit Ansiedlern ihr Brod bieten können. Auch in Palästina arbeiten die allerdings erst in diesem Jahr begonnenen Webereien und Strickereien mit so gutem Erfolg, daß sie bereits erweitert werden können und neue Industriezweige in das Leben gerufen werden sollen. Ebenso im Osten Europas, wo die Jewish Colonisation Association Handwerkerschulen, Genossenschaften und Ereditaustalten unterstützt, mit sehr gutem Erfolg, denn selbst in Galizien kann koustatirt werden, daß die Rückzahlung der Darlehen an Handwerker und Kaufleute mit geringen Ausnahmen ganz pünktlich erfolgt ist. Was endlich das Schulwesen anbetrifft, so muß die Jewish Colonisation Association den Schulen in ihren Kolonien freilich große Aufmerksamkeit zuwenden und thut dies auch; aber davon abgesehen unterstützt sie die Elementarschulen nur in einem Lande, das ist in Rumänien. Dieser Punkt ist sehr bemerkenswerth. In Rumänien, wo die Regierung die jüdischen Kinder in allen Unterrichtsanstalten verdrängen will, ist Hilfe in dieser Richtung so nöthig, wie im Orient. In allen anderen Ländern dagegen ist die Förderung des Schulwesens nicht immer das geeignete Moment, um die Existenzbedingungen der dortigen Juden zu heben. Diesen Punkt sollten einmal die Komitees, die jetzt in Galizien eine Hilfsaktion planen, näher prüfen; denn es könnte sehr leicht sein, daß durch wohlgemeinte, aber in falscher Richtung sich bewegende Aktionen mehr geschadet, als genützt würde. Die Jewish Colonisation Association beweist durch ihr Vorgehen in dieser Frage, daß sie sich nicht den zur Zeit noch geltenden Vorurtheilen unterwirft, die in besserer Schulbildung allein und in „kultureller Hebung" das Allheilmittel für die Krankheiten der Judenheit gefunden zu haben glauben. Aus dem ganzen Bericht der Jewish Colonisation Association Hat man den Eindruck, daß mit Geschick und Verständniß den Bedürfnissen des Augenblicks genügt wird und daß man sich zur Zeit darauf beschränkt, die einmal begonnenen Unternehmungen in Argentinien, Palästina, Eypern re. energisch und doch vorsichtig durchzuführen. Große Pläne zu neuen Unternehmungen hat man in der Verwaltung der Jewish Colonisation Association nicht, und das ist wohl ein Glück, denn solche große Unternehmungen sollten verständigerweise nur auf Grund sorgfältig gesammelten Materials begonnen werden, aber dieses fehlt zur Zeit noch gänzlich. Besser langsam Vorgehen, als durch überstürzte Unternehmungen sich und Andere in Hoffnungen einwiegen, die endlich zum Krach führen. Festina teilte! Aie Woche. Berlin, 10. Juli. fie Chinesen haben den Antisemiten das Konzept verdorben. Denn es spricht heute kein Mensch mehr von Könitz. Dabei ärgern sich die Letzteren, wenn man sie mit den Boxern vergleicht. Nun lese man aber den Bericht über die Antisemitenversammlung, die am Mittwoch hier stattgefunden und in dem der bewährte Graf Pückler aus Schlesisch- China nach dem unverdächtigen Bericht des „Reichsboten" u. a. zum Kampf gegen das Judenthum mit folgenden Worten aufgefordert hat: „Wehe, wer sich uns da entgegenstellt! Dem zeigen wir die Zahne, die gewaltigen Pranken, den hauen wir aufs Ohr mit starker Faust, den zerschmettern und vernichten wir! Es ist die höchste Zeit, dah wir mit dem Judenpack mal ein ernstes Wort rede», damit die Leute wissen, was wir wollen; wir müssen übergehen z» leichten Züchtigungen und diese Gesellschaft kolossal durchhauen. Denn die jetzige Wirthschaft ist unhaltbar. Berlin muß von dem fremden Gesindel gesäubert werden! Der Konitzer Mord hat die Judenfrage wieder auf die Tagesordnung gebracht. Die Zeit ist für unsere Bewegung sehr günstig. Wir sind schon eine ungeheure Macht geworden, die einst Israel hinwegfegen wird, daß es nur so raucht! Der gewaltige antisemitische Zündstoff wird einst explodiren in einer frischen, allgemeinen In den-Verfolgung. Man wird die Juden wieder mit Knüppeln von einem Lande zum anderen treibe», das; diese Gesellschaft die Schuhe verliert!" Das ist völlig Stil und Richtung der Boxer, und der edle Graf steht mit seinen monopolischen Auffassungen nicht allein. Ein Reichstagsabgeordneter erklärte, ihm stehe als Thatsache unumstößlich fest, daß die Juden Christenkinder abschlachten! Mit einer winzigen Abänderung sind das Uebersetzungen aus dem ungeheuerlichsten chinesischen Fanatismus in den deutschen. Es wird Zeit, daß Vorsorge getroffen wird, damit nicht gleiche Ursachen gleiche Wirkungen Hervorrufen. Graf Pückler ist in Versammlungen augejubelt und vor Gericht mehrfach freigesprochen worden, weil er den wilden Mann spielte und alles nur „bildlich" meinte. Diese Wildheit kann aber ansteckend wirken und böse Folgen habe», wenn nicht ernste Vorkehrungen Platz greifen. *