Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1900)
- Date
- 1900-07-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Berlin, 13. Juli 1900. 64. Jahrgang. Ar. 28. Allgemeine eitung des Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 8*- Ludwig PHMppson-Gonn. Verlags-Crpedition: ßerlm, Jerufalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-PreiS: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Die I. C. A. - Die Woche. - Der Israelit als Lehrer an höheren Schulen. I. — Jüdische Parlamentarier. Von Dr. S. Carpin. — Ein Wort zu unserer Frauenfrage. Von Dr. D. Leim» dörfer. — Die Historicität des Aufenthaltes der Juden in Aegypten. IV. Von Georg Ebers. — Feuilleton: Bethulah. II. Von I. Zangwill. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Berlinchen, Aus der Provinz Posen, Jnowrazlaw, Breslau, Danzig, Stolp i. P., Würzburg, München, Wien, Budapest, Petersburg. — Bon Nah und Fern. — MiSeelleri. — Geschäftliche Notizen. Dir 3>. C. A. Berlin, 10. Juli. f er große Bericht der Jewish Colonisation Association für das Jahr 1899, der in unserem Blatte vor mehreren Wochen auszugsweise wiedergegeben wurde, eröffnet ein interessantes Bild von der Thätigkeit dieser großen Gesellschaft, die ihresgleichen bisher nicht gehabt hat. Wenn man die einzelnen Rubriken liest: Argentinien, Nordamerika, Kanada, Palästina, Rußland, Rumänien, Galizien, Gl,Peru;c., wenn man dann ferner in jeder einzelnen Rubrik wieder die Unterabtheilungen für Landwirthschaft, Handwerk, Industrie, Schulwesen re. studirt, so erstaunt man über den Umfang des Werkes, das hier unternommen wird. Zwar werden keine genauen Ziffern über die aufgewendeten Summen angegeben, aber jeder Leser empfindet, daß die Höhe der Geldausgaben enorm sein muß. Was ist nun aber mit dieser umfassenden Thätigkeit und mit den großen Mitteln erreicht worden? Diese Frage ist um so interessanter und wichtiger, als gerade in den letzten Monaten die Hilferufe unserer rumänischen und galizischen Brüder immer dringender geworden sind, als besonders in Rumänien die jüdischen Massen in Bewegung gerathen und man von verschiedenen Seiten mehr oder minder großartige Pläne in die Welt gesetzt hat, diesem Elend abzuhelfen. Aus dem Berichte der Jewish Colonisation Association können wir lernen, ob die auf die neuen Vorschläge gesetzten Hoffnungen berechtigt sind oder ob wir in die Gefahr gerathen, trügerischen Traumgebilden nachzujagen. Die Thätigkeit der Jewish Colonisation Association umfaßt zwei Gebiete, einmal die Unterstützung der Juden im Osten, in den Ländern, in denen sie zur Zeit leben, zweitens die Hilfeleistung an Diejenigen, welche schon ihr Stiefvaterland verlassen haben. Von vornherein muß betont werden, daß die Jewish Colonisation Association die Emigration selbst nicht gefördert hat, auch nicht fördern will. Aber da nun einmal Jahr aus Jahr ein trotz aller Warnungen die Massen jüdischer Auswanderer .aus dem Osten nach Weste» strömen, so ist sie genöthigt, einzugreifen, um ihneu in ihren neuen Aufenthaltsorten die Erwerbsmöglichkeit zu schaffen. Lange hat man geglaubt, gegen die Judennoth das Allheilmittel in der Rückkehr eines möglichst großen Theiles unserer Glaubensgenossen zur Landwirthschaft zu finden. Heute kann man diesen Glauben nicht mehr aufrecht erhalten. Die Erfahrungen, die in den verschiedensten Kolonisationsgebieten gemacht worden sind, beweisen zur Genüge, daß bei dem Aufwand sehr großer Mittel es wohl möglich ist, einen Theil der Juden der Landwirthschaft zuzuführen, daß aber noch viel mehr Geduld als Geld dazu gehört. Der Uebergang zur Landwirthschaft ist für den städtischen Arbeiter, das ist eine nicht nur bei Juden gemachte Erfahrung, ungemein schwierig, und die langsame Gewöhnung spielt da eine viel größere Rolle als der größte Eifer, der doch in einigen Jahren erlahmen muß, wenn er nicht von Erfolg gekrönt ist. Zudem sind überall die Mittel, welche eine einzelne Familie erfordert, so groß, daß es ausgeschlossen erscheint, daß selbst die Hilfe der Jewish Colonisation Association einen nenuenswerthen Bruchtheit der jetzigen Emigration der Landwirthschaft zuführen kann. In Argentinien ist man nach zehnjähriger Arbeit endlich so weit, daß wieder einmal 50 Familien angesiedelt werden können. Mehr erscheint bereits als gewagt. In Nordamerika sind die alten, schon 20 Jahre lang bestehenden Kolonien eben erst durch die Hilfe der Jewish Colonisation Association vor dem Untergang gerettet worden, und es wird sich erst noch zu zeigen haben, ob diese drei jüdischen Dörfer bei der neuen Kombination von Landwirthschaft und Industrie sich behaupten können. Besser geht es den isolirten Farmern, aber trotz der Hilfe, die man ihnen leistet, wächst auch ihre Zahl nur um wenige Dutzend Familien im Jahr. Irr Kanada hofft man 15 Familien dies Jahr unterbringen zu könne«, vielleicht im nächsten Jahre etwas mehr. In Cypern hat der bisherige Versuch ein völlig negatives Resultat gegeben, so daß er von neuem begonnen werden muß und eine Vergrößerung in nächster Zeit ausgeschlossen erscheint. Palästina endlich, das hoffnungsreichste Gebiet gerade für diesen Zweig des Erwerbslebens, macht zur Zeit eine Krise durch, so daß auch dort von einer wesentlichen Vergrößerung Abstand genommen werden muß. Bezüglich der Chancen einer größeren Kolonisation in Anatolien fehlen noch die Erfahrungen; daS steht jedoch jedenfalls fest, daß zur Zeit eine Massenansiedelung auf landwirthschaftlicher Grundlage auch dort nicht in Frage kommen kann. Was nun aber die Kolonisation auf landwirthschaftlicher Grundlage angeht, die in verschiedenen Ländern Europas versucht