Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Korrespondenz und die Bibliothek des Verstorbenen einer genauen Durchsicht unterzogen haben. Großbritannien. 5 London, 29. Juni. Der Vorstand der Anglo-Jewish- Association hielt am 24. d. M. unter dem Vorsitz Claude Montefiore eine außerordentliche Sitzung ab, um die Lage der Juden in Bessarabien, Galizien und Numänien zu besprechen. Es wurde eine von der am 31. Mai eingesetzten Subkonnnissiou vorgeschlagene Resolution angenommen, in welcher erklärt wird, die Gesellschaft schließe sich dem s. Zt. von der Alliance zu Gunsten unserer östlichen Glaubensgenossen veröffentlichten Aufrufe an. Darauf wurden die Herrn Claude Montefiore, B. Kisch und Herrm. Landau als Delegirte gewählt, welche die Gesellschaft auf einer von der Alliance zum 26./27. Juni nach Paris einberufenen Privatkonferenz behufs Besprechung der Lage der Juden in Rumänien vertreten sollen. Den Delegirten wurde aufgegeben. aus dieser Konferenz die Ansicht zu vertreten, daß die Spitzen der jüdischen Gemeinden in Rumänien ausgefordert werden müßten die Emigration aus Rumänien in keiner Weise zu erniuthigen. Die Berathung der Lage in Numänien soll einem besonden Subkomitee überwiesen werden. Rußland. L. T. Odessa, 14. Juni. Heute ist der 25. Jahrestag der Thätigkeit der Bi bl i o t hek ^d er „ G es el ls ch a ft der jüdischen Harrdlungsdiener der Stadt Odessa". Der Gedanke der Errichtung der Bibliothek gehört den Mitgliedern S. L. Bernseld und dem verewigten E. G. Mutschnik. Während eines ganzen Jahres hat Herr Bernseld unaufhörlich gestrebt, sein Ziel zu erreichen, indem er die Mittel suchte um einen Fonds für die Bibliothek zu schaffen, indem er zu diesem Zwecke Bücher und Geld sammelte und zu gleicher Zeit die Mitglieder aneiferte und überzeugte, ihre aktive Thätigkeit und Theilnahme für diese sympathische Sache zu entsalten. Würdige Mitarbeiter des Herrn Bernfeld waren die Heimgegangenen E. G. Mutschnik und G. A. Tarnopol. die ihre Mühe und Arbeit in der Verwirklichung der Idee nicht scheuten. Im Anfänge ging es sehr langsam von statten. Im Jahre der Eröffnung zählte die Bibliothek 1138 Bände im Werthe von 1500 Rubel und hatte 127 Abonnenten. Zu Ende dieses Jahres war es vollkonnnen möglich. die materielle Sicherheit der Bibliothek zu konstatiren. Im Februar 1885 wurde auf Initiative des verewigten Vorsitzenden G. R. Tarnopol mit Bewilligung der Behörde eine Abtheilung Bücher in hebräischer Sprache „Hebraiea" errichtet, und zum 1. Januar 1888 hatte diese Abtheilung eine sehrschöne Auswahl von Büchern und Journalen aus 1919 Bänden bestehend, im Werthe von 1709 Rubel Eine besondere Thätigkeit in der Sammlung der Bücher für diese Abtheilung entfaltete das verstorbene Ehrenmitglied Benjamin Sigall, der derselben fast die Hälfte der gesammelten Bücher zustellte. 1887 wurde beschlossen, noch eine Abtheilung „Judaica“ zu gründen. Die Bibliothek vergrößerte sich von Tag zu Tag mehr. Sie besitzt jetzt 20000 Bände, hat 1500 Abonnenten, von denen mehr als 200 Gratisabonnenten sind. Unter den Bildungsanstalten Odessas nimmt diese Bibliothek einen bedeutenden Platz durch die vorzügliche Zusammenstellung und ihre musterhafte Organisation ein. Dieses wurde durch das rastlose Streben und die Arbeit vieler Gönner ermöglicht, besonders Dank der unaufhörlichen Mühe des Leiters der Bibliothek, Herrn D.O. Landmann, und der Bereitwilligkeit der Gesellschaft diese Angelegenheit nicht auf kommerzielle, sondern auf einer Bildungsbasis zu organisiren. Türkei. 8. Koilftantittopel, 80. Juni. Unsere jüdische Jugend, die in den Schulen der Alliance eine moderne Bildung erhalten hat. beeilt sich den neu gewonnenen modernen Geist auch in der Praxis zu bewähren. So hat sie eine ganze Reihe von großen und kleinen Wohlthatigkeitsvereinen verschiedenen Namens und verschiedener Art gegründet. die den zahlreichen armen Juden der hiesigen Gemeinde ihr Loos zu erleichtern bestimmt sind. Neben dem großen Verein Or Chaim. der ein großes und gut verwaltetes Krankenhaus begründet hat, existiren fast in jedem Stadtviertel Gegenseitigkeitsvereine, die zunächst ihren Mitgliedern den Kampf um das Dasein erleichtern, aber auch, wenn es nöthig ist, Wohlthätigkeit üben. Mehrere dieser Vereine unterhalten auch Talmud-Thora-Schulen, deren Unterricht für rnäßige Ansprüche genügend ist. Leider weisen diese Schulen, wie fast alle in Konstantinopel, auch die der Allianee israelite universelle, den Mangel auf, daß der Unterricht in der türkischen Sprache nicht genügend berücksichtigt erscheint. Dann giebt es Vereine, die sich speziell der Bekleidung und Pflege armer Schüler in-den Allianceschulen gewidmet haben, wie Ahawath Chessed in Peru und andere in den anderen Stadttheilen. Auch Vereine zur Unterstützung verschämter Armen rc. fehlen nicht, und in den letzten Jahren haben sich sogar zwei Frauenvereine in Pera und iti Haskeny gebildet. Dieses rege Leben auch auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit in rnoderner Form ist wesentlich dem erzieherischen Einflüsse der Allianceschulen zuzuschreibeu und bildet keinen geringen Ruhmestitel für dieselben. Von Nah und Fern. Professor Dr. M. Litten, der leitende Arzt des städtischen Krankenhauses in der Gitschiner Straße, bisher Privatdozent an der hiesigen Universität, ist zum außerordentlichen Professor befördert worden. Er hat zugleich einen Lehrauftrag für innere Medizin mit besonderer Berücksichtigung der Unfallheilkunde erhalten. — Der Sultan von Sansibar hat Herrn Professor Dr. Joseph hier das Kommandeurkreuz des Ordens vom Strahlenden Stern verliehen. — Gegen 23 Personen (5 Arbeiter, 9 Lehrlinge und 9 Gesellen) ist in St olp i.P. wegen Aufruhrs, Landfriedensbruchs, Beleidigung u. s. w. Allklage erhoben anläßlich der Krawalle am 21. und 22. Mai. Die Verhandlmlgen vor dem außerordentlich eillberufenen Schwurgericht beginnen am 9. Juli, es sind vier Tage dafür in Aussicht genommen. — Reichsgerichtsrath Dr. Beh rend in Leipzig, einer der ältesten Räthe beim Reichsgericht, hat seine Entlassung nachgesucht und gedenkt mit dem 1. Oktober d. I. in den Ruhestand zu treten. Vor seiner Berufung an das Reichsgericht, die vor etwa vierzehn Jahren erfolgte, war er Professor in Greifswald. — An Stelle des nach Königsberg i. P. berufenen Dr. Nobel hat der Vorstand der Chewra Thalmud Thora in Köln den Rabbiner Dr. B. Wolf in Frankfurt a. M. gewählt. — Professor Dr. Alfred Philippsohn in Bonn hat für seine Verdienste um die Geographie Griechenlands den griechischen Erlöserorden erhalten. — In Frankfurt a.M. ist am 21. v. M. der königlich großbritannische Generalkonsul Sir Charles Oppenheimer im 65.Lebensjahre gestorben. Er stammte aus Nastätten, wurde in Frankfurt erzogen und wanderte im 18. Lebensjahre nach London aus, »vo er die noch heute unter seinem Namen blühende Exportfirma gründete. Schon Anfangs der 70 er Jahre zog er sich nach bedeutenden geschäftlichen Erfolgen wieder nach Frankfurt zurück. Er wurde dort zum grobbritannischen Generalkonsul ernannt und im Jahre 1894 von der Königin wegen der Verdienste. die er sich in dieser Stellung erworben hatte, geadelt. — Auch das neue italienische Kabinet hat zwei jüdische Unterstaatssekretäre: R o m a i n I a c u r für das Ministerium des Innern inld V. Rava für das Ackerbauministerium. Auch der Unterstaatssekretär im Ministerium des Aeußeren, Fra di Fusinato, ist jüdischen Ursprungs. — In R umünie u leben unter 5,912,530 Seelen im Ganzen 269,015 Juden. Und darum dieser Lärm! — In Stockholm ist der Direktor der skandinavischen Creditbanque, Wilhelm Meyersohn, im 64. Jahre, gestorben. Einerseiner Söhne ist Kapitän im Generalstabe. — Der bekannte Maschinenfabrikant Isidor Goldberg in St. Petersburg hat soeben auf der Pariser Weltausstellung die große goldene Medaille erhalten. Derselbe wurde bereits wegen feiner Verdienste um Industrie und Handel von der russischen Negierung mehrfach durch hohe Orden ausgezeichnet. — Juden, welche die Seebäder benutzen müssen und dieses durch ein ärztliches Zeugniß bescheinigen können, dürfen während der Sommermonate sich in den Dörfern des Kreises Odessa aufhalten. So lautet eine Verordnung des russischen Ministers des Inneren. Wie gütig! — Demnächst wird das Todte Meer, das seit Jahrtausenden öde und still daliegt, durch Motorboote belebt werden, die den Weg von Jerusalem nach Kermak, der alten Hauptstadt des Moabiterlandes. die jetzt wieder Bedeutung erlangt, abkürzen sollen. Das griechische Kloster in Jerusalem hat ein in Hamburg erbautes \2'/2 Meter langes Petroleum-Motorboot angeschafst und von Jaffa ans an seinen Bestimmungsort bringen lassen. Es führt den verheißungsvollen Namen „Prodromos" (Vorläufer). Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.