Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Z Stellung gegen Israel bestimmt und von dem christlichen Grundsätze der Liebe bestimmt. Und so wie er denke jeder katholische Priester, und diese Gesinnung werde er den Israeliten der ganzen Diözese bewahren und erforderlichen Falls dieselbe auch praktisch bethätigen. Und wenn wir einstweilen in Kultus und manchem anderen verschieden sind, so hoffen wir doch Alle auf eine Zeit, wo es einen Hirten und eine Heerde geben wird. Nochmals danke ich Ihnen und hoffe, daß die geäußerten Wünsche zu meinem Wohle und zum Wohle Ihrer Gemeinde sich erfüllen mögen." Herr de Jonge dankte dem Herrn Erzbischof herzlichst für die kundgegebene wohlwollende Gesinnung. Hierauf erkundigte sich der Erzbischof in der eingehendsten Weise nach den inneren Verhältnissen der Gemeinde, drückte seine Freude über das friedliche Zusammenleben der Konfessionen untereinander in hiesiger Stadt aus und entließ dann die Deputation in huldvollster Weise. -z München, 21. Juni. Zn meinem letzten Berichte über den Tod des Magistratsrathes Louis Reichend erger habe ich erwähnt, wie den ihm im Tode vorangegangenen Abgeordneten Frankenburger und Maison seiner Zeit die Anerkennung des politischen Gegners durch die von einem Abgeordneten des Centrums gehaltene Grabrede zu Theil wurde. Nun ist auch dem Abgeordneten Magistratsrath Reichenderger ebenfalls von einem Manne in hervorragender Lebensstellung, der als Gesinnungsgenosse des Centrums gilt, ein Nachruf zu Theil geworden, dessen besonderer Werth darin besteht, daß er nicht vom politischen Gesinnungsgenossen, sondern, wenn auch vom persönlichen freunde, so doch vom Anhänger einer anderen politischen Richtung stammt. Der 1. Bürgermeister von Borscht hat nämlich, nach einem Berichte der „Münchener Neuesten Nachrichten", vor Eintritt in die Tagesordnung in der Magistratssitzung vom 19. Juni dem Heimgegangenen einen Nachruf gewidmet, aus welchem die Zeitung folgendes entnimmt: „Der Dahingeschiedene war uns Allen ein treuer Kollege, ein aufrichtiger Freund, ein hingebungsvoller Mitarbeiter, 'lusgestaltet mit reichen Gottesgaben und hervorragenden Charaktereigenschaften hat er sich zu einem der geachtetstell Bürger unserer Ztadt emporgernilgell, der seine Erfolge im Geschästsleben seiner umfassenden Bildung, sein Ansehen in erster Linie seiner eigenen Kraft und Thätigkeit zu danken hatte. Sein vielseitiges Wissen, sein weiter Blick, seine Erfahrungen, seine außerordentlichell Kenntnisse ins- -esondere auf dem Gebiete des Finanzwesens haben ihm in unserenr Kreise eine hervorragende Stellung gesichert. An allen das Wohl unb Wehe der Stadt München berührenden Fragen nahm er den lebhaftesten Antheil. Wohl keine irgendwie wichtige Frage dürfte beu Magistrat beschäftigt haben, für bereu ersprießliche Lösung ex nicht mt der ganzen Kraft seiner Ueberzeugung eingetreten wäre. Unvergessen wird ihm stets sein energisches Eintreten für die Einführung i'ei* geräuschlosen Pflasterung, der elektrischen Straßenbeleuchtung und ves elektrischen Trambahnbetriebes bleiben, ulld mit den mannigfachen Berbesserungen, die unser Sparkassenwesell im letzten Dezennium cfuhr, ist sein Name unzertrennlich verbunden. Gegenstand seiner besonderen Fürsorge war stets das Finanzwesen der Stadt, wobei er ui jeder Zeit für eine weise Sparsamkeit im Gemeindehaushalte, für Be Förderung des Kredites der Stadt eingetreten ist. Durch die auf leine Anregung im Jahre 1894 beschlossene Konvertirung von 8M Millionen Mark vierprozentiger Anlehen in Z^prozentige hat er der Btadt eine Summe von mindestens 1 500 000 Mark ohne Einrechnung ^er Zinsen erhalten. Seine Ausführungen waren stets klar und prägnant und bei aller Entschiedenheit und Wärme stets vornehm und sachlich. Seiner Natlir widersprach es. anders Denkende in ihrer Ueberzeugung zu verletzen. Versöhnlich und elltgegenkommend m seinem ganzen Wesen, edel und wahr in seinem Denken, uneigennützig und selbstlos in seinem Handeln, mochte er im Leben -vohl politische Gegner, aber keine Feinde haben. Sein Andenken wird für immerdar gesegnet sein, sein Name alle Zeit in Ehren genannt werden, wenn von den Männern die Rede -st, die sich um München große Verdienste erworben haben. Bmn Zeichen der Zustimmung zu den Worten des ersten Bürgermeisters. sowie zum Ausdrucke der Trauer über den Heimgang des geschätzten Kollegen erhoben sich die Mitglieder des Magistrats uvu den Sitzen." Der Nachruf ist eine wirklich erfreuliche Thatl'ache, umsomehr, als er dem verdienten Bürger noch im Grabe durch eine hiesige antisemitische Zeitung zugefügte Schmähungen thatsächlich widerlegt. Orsterreich-Angarn. □ Wien, 2. Juli. Der Durchzug rumänischer Auswanderer nimmt natürlich das Interesse vor Allem in Anspruch. In den letzten Tagen nahm er besonders große Dimensionen an. In den letzten vier Wochen (bis zum 27. Juni) beförderte die „Israelitische Allianz zu Wien" mehr als 800 solcher Auswandererer, von denen die meisten auf ihren Pässen den Vermerk haben, daß die Inhaber heimathlos geworden sind. Wegen der bedeutenden Mittel, welche zur Weiterführung der Hilfsaktion erforderlich sind, hat sich die „Israelitische Allianz" an die Kultusgemeinden in Oesterreich-Ungarn gewendet, damit sie zu Gunsten der Unglücklichen ehebald Sammlungen veranstalten mögen. — Unser Gemeindevorstand hat in seiner letzten Sitzung über die Taufen verhandelt. Die Rechtssektion hat folgende Anträge dem Plenum vorgelegt: 1. Die Rechtssektiou bestellt aus ihrer Mitte einen ständigen Referenten, dem alle Austrittserklärungen behufs Aufstellung einer Statistik und möglichster Eruirung der wahrscheinlichen Ursache und der begleitenden Umstände zuzuweisen sind und welcher nach seinem Ermessen über die gemachten Wahrnehmungen berichtet. 2. Die Sektion schlägt dem Plenum vor. zu erklären, daß der Vorstand die Belehrung der gebildeten Kreise über die Geschichte des Judenthmns, über die ethische Bedeutung unserer Satzungen lebhaft wünsche und auf jede Weise zu fördern bereit ist. 3. Es sei vom Vorstände ein Preis auszuschreiben für die Abfassung eines Werkes, welches über die Geschichte des Judenthums, über die Ethik, dessen Religion Belehrung und Aufklärung giebt. Die Anträge 1 und 2 wurden angenommen, desgleichen prinzipiell der Antrag 3, doch wurde derselbe behufs Ergänzung und Ausarbeitung detaillirter Vorschläge an die Rechtssektiou rückgeleitet. Bei diesem Anlasse wurde auch über Antrag der I. Sektion beschlossen, sämmtliche Prediger und Vereinsrabbiner zu ersuchen, bei allen sich darbietenden Anlässen, insbesondere beim Verkehr mit der israelitischen Jugend in der bisherigen Gepflogenheit, womöglich aber mit verstärktem Nachdrucke auf das Festhalten an dem angestammten Glauben hinzuwirken. — In Innsbruck ist kürzlich ein jüdischer Professor cm die Universität berufen worden. Darob entstand unter den antisemitischdeutschnationalen Studenten ein Wuthgeheul ohne Gleichen. Nun wird berichtet, daß die Statthalterei alle dortigen deutsch-nationalen Verbindungen der Universität aufgelöst habe. Die Auflösung erfolgte wegen der jüngst von den Verbindungen beschlossenen Resolutionen gegen die Berufung jüdischer Professoren und Assistenten. — Am 23. d. M. verschied in Budapest der Rabbiner der Ofener israelitischen Kultnsgemeinde. Dr. Raphael Goldberg, im 59. Lebensjahre. Der Verblichene wirkte in seiner Gemeinde seit dem Jahre 1870. Er war auch auf litterarischem Gebiete thätig. Unter anderem schrieb er eine „Geschichte der Juden und ihrer Litteratur" in ungarischer Sprache. — Im Alter von 75 Jahren ist hier der akademische Maler Siegmund Dux. dessen Bilder vielen Beifall fanden, gestorben. Dux war ein alter Achtundvierziger und hatte der akademischen Legion angehört. x. Budapest, 29. Juni. Am 24. d. M. wurde hier der Grabstein für den seligen Professor Dr. Kaufmann enthüllt. Außer der Wittwe waren anwesend deren Mutter. Frau Rosa Gomperz. der Bruder des Verstorbenen, Herr Ignatz Kaufmann aus Kojetein, die beiden Schwestern, Frau D. -Oppenheim aus Brünn und Frau L. König aus Budapest sammt ihrem Gemahl und Kindern; die greisen Eltern aus Kojetein konnten die beschwerliche Reise infolge ihres Alters nicht unternehmen. Außerdem waren anwesend die Professoren der Landesrabbinerschule und des israelitischen Lehrerseminars, die Vertreter der Gemeinde mit Herrn Rabbiner Dr. Samuel Kohn und Professor I. Goldzrher an der Spitze. Vertreter der Chewra-Kadischa, Vertreter des israelitischen Lehrervereins, zahlreiche Schüler und Bekannte des Verstorbenen, darunter auch viele Damen. Ans Breslau waren erschienen Herr Dr. M. Braun, Dozent am Rabbinerseminar, und Dr. F. Rosenthal. Rabbiner in Breslau. Letzterer hielt als Schwager Kaufmanns im Namen der Familie eine Rede, in welcher die hohe Bedeutung Kaufmanns für die jüdische Wissenschaft und der Verlust, den das Judenthum erlitten, abermals in ergreifender Weise zum Ausdruck kam. Im Namen derZöglinge der Rabbinerschule sprach Rabbinatskandidat Blaugrund, während Rabbiner Kohn das Kaddischgebet rezitirte. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß die in Budapest anwesenden Familienmitglieder zugleich den reichen Nachlaß, die