Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 einigten sich die Konferenztheilnehmer zn einem gemeinsamen Abendessen, welches von den Frauen der drei Ortskollegen sehr schön hergerichtet war. An demselben betheiligten sich außer vielen angesehenen Gemeindemitgliedern auch der neugewählte Landtagsabgeordnete, Herr Rechtsanwalt und Notar E. Wolfs-Lissa. Derselbe hob in einer Ansprache besonders hervor, daß die Lehrer jüdischer Konfession durch ihr Wirken für die deutsche Sprache in hohem Grade Kulturträger und Stützen des Deutschthums an der Ostmark des Landes gewordeu seien, und daß namentlich in der jetzigen Zeitströmnng ihre Stellung eine schwierige sei. Redner schloß mit einem Hoch aus die jüdischen Lehrer. Ein Hoch auf die Gemeinde Llssa hatte Becker- Wollstein schon vorher ausgebracht. Herr Kadi sch-Gollub banfte dem Herrn Abgeordneten für seine anerkennenden Worte und schloß mit einem begeisterten Hoch auf biefen Herrn. Zahlreiche musikalische und deklamatorische Darbietungen machten den Abend zu einem recht genußreichen; ein kleines Tanzkränzchen beschloß in gemüthlicher Weise die in allen Theilen wohlgelungene und von ernstem Streben getragene Versammlung. Die Schriftführer: B eck er-Wöllstein. C o hu-Rogasen. Könitz, 29. Juni. Vor dem hiesigen Schössen ge richt wurde ein Prozeß verhandelt, dessen Ausgang ebenfo charakteristisch ist für die dortigen Verhältnisse, wie der Thalbestand. der der Anklage Grunde lag. Kläger war der jüdische Kaufmann Lewin, Beklagter der christliche Gymnasial-Oberlehrer Hoffrichter, also ein Mann, von dessen Bildungsstand man erwarten dürfte, daß ihm bekannt ist, wie die Gebildeten aller Völker über das Märchen von dem Ritualmord denken. Herr Hoffrichter kam eines Tages in das Restaurant Bartsch. An einem Tische saßen mehrere mit Hoffrichter bekannte Herren, unter Anderen der christliche Apotheker Hahnseld. Der Oberlehrer kam an diesen Tisch, reichte den Herren zum Gruß die Hand, nur dem Apotheker nicht. Vielmehr richtete er an diesen die Frage, deren Sinn war: „Habe ich Sie nicht heute mit dem Juden Lewin stehen sehen?" Als diese Frage von Hahnfeld bejaht wurde, sagte Hoffrichter: „Dann fann ich Ihnen nicht mehr die Hand geben!" Der Apotheker Hahnfeld stand hierauf auf. trank sein Bier aus und verließ das Lokal. Lewin. der von diesem Vorgang Kenntniß erhielt, fühlte sich begreiflicherweise beleidigt und strengte eine Privatklage gegen den Oberlehrer an. Das Resultat war dessen Freisprechung unter folgender Begründung: „Es könne wohl in der Aeußerung eine Beleidigung des Apothekers Hahnfeld erblickt werden. Der Kaufmann Lewin sei aber nicht als beleidigt zu erachten; denn es fehle nach Allsicht des Gerichtshofes an einem Bindeglied zwischen der zuerst au Hahnfeld gerichteten Frage und dem späteren Zusatze. Nur dadurch wäre das „Persönliche" an Stelle des „Allgemeinen" getreten. Da aber der Ernzelne nicht als legitimirter Vertreter des Ganzen zu erachten sei, wie eine kürzlich ergangene Entscheidung besagt, so mußte diese Auffassung auch hier Platz greifen und kostenpflichtige Abweisung des Klägers ersolgen. Uebrigens wurde am selber! Tage der jüdische Kaufmann Da widsohn zu 10 Mark Geldstrafe verurtheilt, weil er ein paar Jungen geschlagen hatte, die hinter ihm „Hep, Hep!" gerufen. — Bochum, 2. Juli. Das Protokoll der 19. Generalversammlung des Central-Armen-Verband es der lvestfälischen Synagogengemeinden wird eben pnblizirt. Ausrveislich des Berichts erhielten im Ganzen 1566 Personen Unterstützung in Höhe von Mark 4301,50 gegen 1527 Personen mit Mark 4399.50 Unterstützung im vorigen Jahre. Auf die Person entfällt Mark 2.75 gegen Mark 2,88 im vorigen Jahre. Die Zahl der Ullterstützungsnehmer hat gegen das Vorjahr um 39 Personen zugenommen, dagegen wurden an Unterstützungsgeldern Mark 98 weniger verausgabt. Die Einnahmen und Ausgaben betrugen Mark 5643,90. Au Beitragsrückständen existiren Mark 175. Das neue Geschäftsjahr beginnt mit einem Vorschuß von Mark 933,97, welcher allerdings durch ein Sparkassenvermögeu von Mark 1000 gedeckt ist. Bochum wurde einstimmig als Vorort wieder gewählt, die Beiträge der einzelnen Gemeinden des Verbandes in gleicher Höhe festgesetzt wie im vorigen Jahre. Hierauf erstattete Herr Liebenseld Bericht über die Arbeiten der Kommission zur Bekämpfung der Wanderbettelei. zur Organisation der Armenpflege, zur Begründung von Arbeitsnachweisen und Arbeitsstätten, welche seitens des D.-J. G.-B. in Berlin in die Wege geleitet sind. Die Ausführungen erregten allgemeines Interesse und knüpfte sich an die Wirksamkeit jener * Gründung die Hoffnung, daß durch die Art und Weise der ganzen Organisation, der Errichtung von Grenzstationen rc. eine ganz ent schiedene Abnahme der Wanderbettelei die Folge sein würde. Zum letzten Punkt der Tagesordnung wurden verschiedene Angelegenheiten in Bezug auf Unterstützungen besprochen und namentlich aus du große Noth ulld das soziale Elend der galizischen Juden hin gewiesen. Für die Bestrebungen, welche von Berlin aus ins Leben gerufen sind, hier helfend und bessernd einzutreten, wurdgebeten, möglichst Unterstützung durch Beitritt und Zahlung, eines kleinen Beitrages zn gewähren. Damit schloß die General Versammlung. Köln, 1. Juli. Am vergangenen Dienstag begab sich eim Deputation der Kölner Shnagogen - Gemeinde, bestehend aus den Vorstandsmitgliedern Herren I. de Jonge und Dr. Apfel und den Herren Rabbinern Dr. Frank und Dr. Rosenthal nach vorheriger An Meldung zur Begrüßung zum Erzbischof Dr. Simar. Dieselbe wurde in den Empfangssaal geleitet, woselbst der Herr Erzbischv! i Punkt 6 Uhr erschien. Herr Rabbiner Dr. Frank begrüßte ihn mir folgender Ansprache: „Ew. Erzbischöflichen Gnaden gestatten wir uns als Vertreter der Verlvaltung und des Rabbinats der Synagogen Gelneinde Köln zu dem Antritt des höchsten kirchlichen Amtes in bei Kölner Diözese ehrerbietigst zu begrüßen. So alt die Kölner Diözese, so alt ist die israelitische Einwohnerschaft berfelbeu. Aber zu allen Zeiten haben die Kirchellfürsten auf dem Kölner erzbischöfliche!! Thron freundliche und wohlwollende Gesinnung gegen die Judenschaft ge hegt. Besonders im Mittelalter, wo die Juden am Rhein unter dem Fanatismus der irregeführten Menge schlver litten, haben die Kölner Erzbischöfe den Bedrängten Hilfe und Beistand angedeihen lassen Ich neune u. A. die Erzbischöfe Arnold und den unvergeßlichen Engel bert II. von Falkenburg. Ulld so hat sich delln diese Tradition des Wohlwollens seitens der Kölner Kirchenfürsten gegen die Judell bk auf die Gegenwart erhalten. In dankbarer, verehrender Erinnerung lebt Ew. Erzbischöflichen Gnaden letzter Vorgänger, Se. Eminenz Kardinal Kremeiltz, bei der israelitischen Bevölkerung der Diözese fort Als in den 80 er und 90 er Jahrerr das abgeschlossenell Jahrhunderte unsere Glaubensgenossen in Rußlalld schwer bedrängt und verfolg! lvlirden, hat der Erzbischof voll Köln, Krenlentz, seiner Lebensdevijs entsprechelld. earitas urget, mir Belveise seiner Sympathie für das große Hilfswerk gegeben, welche für ben Erfolg voll großer Tragweit, lvaren. Ulld so begrüßeil wir denn auch Ew. Erzbischöflichen Gnaden und hoffen, Sie werden die Traditionen der Vergangenheit fortsetzeu Ew. Erzbischöflichell Gnaden haben als akademischer Lehrer an dev Bonner Universität die katholische junge Geistlichkeit in die Hallen der Wissenschaft eingesührt. haben ein wissenschaftliches Werk über du „Dognlatik" geschrieben, haben dann ferner als Bischof von Paderborn in der praktischen Seelsorge ihre Heerde weise, liebevoll und milde geführt, und dort, wo Geist und Herz harmonisch sich vereinen, entspringt ein Quell reichsten Segens für alle Menschen. Mögen daher Ew. Erzbischöflichen Gnadell als Hirt der Hirten die Saaten der Religion und Gottesfurcht, der Liebe und Humanität, die Sie in Ihrer großen Diözese ausstreuen, üppig aufgehen sehen, möge unter Ihrem Hirtenstab die Heerde in Friede und Eintracht Zusammengehen und liebevolle Gesinnullg unter den Bekennern aller Konfessionen der Diözese gefördert werden, möge ferner die gütige Vorsehung Su schützen lind noch viele Jahrzehnte all der Spitze der Kölner Diözesr segensreich wirken lassen und möge endlich das jesaiauische Wort an Ew. Erzbischöflichen Gnaden in Erfüllung gehen: „Seiten wird dirl, der Ewige und laben in der Dürre deine Seele, und du wirst sein wie ein getränkter Garten und wie ein Quell, dessen Wasser nie versiegen. Das walte Gott! Amen." Darauf erwiderte der Herr Erzbischof ungefähr Folgendes: „Er danke für die freundliche Begrüßung seitens der israelitischen Gemeinde und werde wie bisher den Jsracliten die wohlwollendste Gesinnung entgegellbringen. Wie einst vor 2000 Jahren einer der größten Männer des jüdischen Stammes in seillem Sendschreiben au die Römer hervorgehoben, indem er fragte „was besitzen die Juden für einen Vorzug vor den Heiden," und die Antwort gab, „sie haben den Vorzug, daß sie im Besitze des Gottes Wortes sind," und ein anderes Mal, „daß sie das Volk des Bundes sind." ebenso erkenlle auch er diesen Vorzug des israelitischen Volkes an; sie siuo einmal das von Gott auserwählte Volk, hervorragend durch den Besitz des Gotteswortes und die Verheißung des Heiles für die ganze Menschheit. Von diesem religiösen Stalldpullkte aus sei seine