Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 324 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Haus des Studiums, trat, das ich zuerst für eine kleine Moschee hielt, und die sonderbaren Granbärte betrachtete, die summend und sich wiegend den lieben langen Tag über vom Wurn^ zerfressenen Folianten hockten, da fühlte ich mich vom Schicksal an Jugend und Aussehen begünstigt. Aber trotz solch vereinzelter interessanter Dinge wurde ich so rnüde vom Warten auf das Fallen deS Wassers wie weiland Noah in seinem zoologischen Institute. Eines Tages stand ich und schaute aus dem Fenster meines Zimmers mit finsteren Blicken auf den melancholischen Sumpf, in welchen die Fluth das Land verwandelt hatte. „Uarchi," sagte ich zu meinem buckligen Wirth, der schnupfend auf der Veranda stand, „nicht ivahr, es wird noch eine Woche dauern, bis ich fort kann?" „Leider ja," erwiederte er. „Warum leider? Der schlechte Wind wird nichts Gutes herwehen, und je länger ich bleibe, desto besser für Euch." Er schüttelte den Kopf. „Das Wasser, das Euch hier zurückhält, hält die Pilger entfernt." „Die Pilger?" wiederholte ich. „Ja," sagte er, „dann werden drei in diesem Bette liegen." „Aber was für Pilger?" Er starrte mich an. „Wißt Ihr denn nicht, daß Neujahr nahe ist?" Ich log, um meine Umvissenheit über das Herannahen der feierlichen Jahreszeit mit dem Schoferblasen und der Buße nicht einzngestehen. „Am Neujahr strömen die Pilger zum Wunderrabbi, damit er ihre Bitten höre und zum Himmel trage und für sie am Throne der Gnade um Vergebung bitte." In Äjarchis Augen war ein Zwinkern, das mit dem Ernst seiner Worte nicht übereinstimmte. „Leben heutzutage noch Wunderrabbis," fragte ich. Eine Prise, die er gerade zur Nase führen wollte, fiel aus seiner Hand. „Ob sie leben?" rief er. „Ja, und von Weistbrvd." „Wir haben keine in Amerika. Ich hörte nur von einem in Prag," murmelte ich entschuldigend; denn ich fürchtete wieder, meine Unkenntniß des Judenthums verrathen zu haben. „O ja, der hohe Rabbi Löw, sein Andenken sei gesegnet," sagte?)archi ehrerbietig, „aber diese neuen Wunderrabbis vollbringen nur ein Wunder." „Welches?" fragte ich. „Das größte von allen, sie lassen sich von ihren Anbetern wie Fürsten unterhalten," und er lachte laut in Bewunderung seines eigenen Witzes. „Ihr seid also ein Ketzer?" fragte ich. „Ketzer?" Harchis Zwinkern verwandelte sich in einen, Zornesblick. „Nein," rief er, „sie sind die Ketzer, sie, die Zwietracht in Israel säen. Haben sie nicht auf dem Grabe des heiligen Elijah Wilna getanzt?" Fitterarifche Mittheilungen. Dr. M. Kayserling. Handbuch der jüdischen Geschichte und Litteratur von der Zeit des Bibelabschlusses bis zur Gegenwart. Für Schüler jüdischer Lehranstalten, höherer Bürgerschulen und Gymnasien, für Familien mld Schulbibliotheken. Siebente theils verbesserte, theils neubearbeitete Auflage. Leipzig. Gustav Engel. 1900. Das wachsende Interesse. dessen sich die jüdische Geschichte und Literatur in immer weiteren Kreisen erfreut, sowie die sorgsame Pflege, die der Behandlung derselben im religiösen Unterricht der Jugend zu Theil wird, giebt sich auch i»i den zahlreichen neuen Bearbeitungen kund, die sich die Verbreitung geschichtlicher Erkenntniß in volksthümlicher Weise zun» Ziele gesetzt. Unter allen steht aber noch immer, was seine Verwendbarkeit im Schulunterricht anbetrifft, das in der Ueberschrist genannte Buch von M. Kayserling in vorderster Reihe. Wenn die Anzahl der Auflagen und deren rasche Aufeinanderfolge als Maßstab für den Werth und die Brauchbarkeit eines Handbuches bienen kann, so dürfte der Unlstand an sich, daß das vorliegende nun schon in siebenter Auflage erscheint, als Beweis für seine Vorzüglichkeit gelten. Wer »väre auch berufen, das Heranwachsende Geschlecht in die Hallen unserer Geschichte einzuführen und die Entwickelung des jüdischen Geisteslebens 311 schildern, wenn »licht der Man»», der in rastloser Arbeit und mit ergebnißreicheni Erfolge seit vier Jahrzehnten dieses Feld bebaut und »wch heute unermüdlich thätig ist in der Erforschnng verschlossener Gebiete und der Bereicherung »»nserer historischen Kenntnisse? Beherrschung des reichen Stoffes, richtige, stets objective Auffassung und treffende Benrtheilung der geschichtlichen Erscheinungen gehen in dem Buche Hand in Hand mit feinem, pädagogischen Takte und jener »volthnenden Wärnre, die den Sinn erweckt und die Herzen erschließt. Lehrern und Schülern weiser Berather und sicherer Führer, ist es zugleich vorzüglich geeignet, in den Familien Pietät für die Vergangenheit unseres Stammes und Liebe zn unserem Schristthum wachzurufein Wer die Schlvierigkeiten kennt, mit denen die Darstellung einer Geschichte, die bei aller Großartigkeit dem» doch fast ausschließlich eine Leidensgeschichte ist. und einer Literatur, die bei aller Vielseitigkeit zum größten Theil eine ^theologische ist, zu kämpfen hat, muß die Geschicklichkeit und Gestaltnngsknnst des Verfassers bewundern, der seil» Brrch vor Ei»»tö»»igkeit und Trockenheit zn bewahren verstand und in den» Leser tiefes Mitleid mit den Märtyrern erweckt, ohne jedoch ein Gefühl der Bitterkeit anfkonnnen zu lassen. In gefälliger Uebersichtlichkeit gruppiren sich die Ereignisse, das historische Bild ist klar, »venn auch nur in Umrissen gezeichnet, in schlichter, abgeklärter und immer prägnanter Sprache, ohne Schwulst und Bombast, werde»» die Erscheinungen vorgeführt, die hervorragenden Gestalte»» geken»»zeichnet. n»»d in der richtige»» Erken»»t»»iß, daß die Geschichte der religiösen E »»twickeln»»g den »vichtigsten Bestandtheil des religiösen Geschichtsunterrichtes bildet, ist es eben die Ent- »vickelnng der religiösen Einrichtungen »n»d Idee»», die der Verfasser beso»»ders ei»»gehe»»der Würdigung angedeihen läßt. Die Genauigkeit und unbedingte Verläßlichkeit der Daten (S. 199 Z. 23 ist 1896 in 1895 zn berichtige»»), das dem Personellregister hinzugefügte Register der Länder m»d Orts»»a»ne»» erhöhen de»! Werth des sorgfältig revidirten, durch mehrere Paragraphen bereicherten Buches, das iu'§ Russische. Ungarische, Dänische »md Politische übersetzt, auch außerhalb der Länder deutscher Zunge i»» vielen tausend Exemplaren verbreitet ist. Es hat bisher vielfach zn »veiterem Studium unserer Geschichte und Literatur angesporut. aber »»icht nur die Erkenntniß gemehrt, sondern auch Liebe und Anhänglichkeit zur Religion und ihren Ueberlieferu»»gen. Ehrfurcht vor den Trägern unseres Geisteslebens erweckt lind wird auch weiterhin befruchtend »virken auf Herzen und Geister. Das ne»»ersta»»dene Interesse für unsere Geschichte aber wird belebe»»den Einfluß üben auf jüdische Lehre u»»d Wissenschaft überhaupt, auf derer» Pflege, »»ach des Verfassers schönem Schl»»ßworte, die Zukunft des Jndenthums beruht. G r 0 ß- K a n izr 0. Dr. E. N e u m a n r». Spverhsnai. Verehrter Herr Redakte»»r! Ä^ch bitte ergebenst, in dem Aufsatz „Gutenberg" eine»! Druckfehler gß berichtigen zn wollen. Der Kaligraph — Seite 283 — hieß nicht Bar Kamza — das »var der Name des Mannes, der in der Erzählung über die Veranlassung von der Zerstörung Jerusaleins eine Rolle spielte — sondern Bar Kamzer. Schöneberg, 15. Juni. Ihr ergebenster Dr. L. Pick. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Dauchwitz in Berlin.