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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-06 · Heft 27 (6.7.1900) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
Seite 323 (sequence 13)
Language
German
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323 schwanden deshalb voll selbst. Mein Vater erzählte, daß er einst mit einem kupferfarbigen Pferdehändler in der Wüste sein Specksrühstück einnahm, lind dieser ihn zu seiner größten Ueberraschung fragte: „Seid Ihr ein Jude?" „Ja," antwortete mein Vater. „Daun reicht mir die Hand," sagte der Pferdehändler, „Ihr seid der erste Jude, den ich seit 20 Jahren antrefse." Obgleich mein Vater mich in der Jugend hebräisch lehrte und mir drollige Geschichten in ferner deutschen Muttersprache erzählte, war ich im Herzen Amerikaner und hatte die großen amerikanischen Ideale der Freiheit und Geisteserleuchtung m mich ausgenommen; daher waren die eigenthümlichen Dinge, deren Zeuge ich in den Karpathen war, für mich viel überraschender als für die Juden von heute, denen die alte Welt ihre alterthümlichen Bewohner gesendet hat. Dennoch glaube ich, daß sogar die, welche bei verschiedenen Sekten in New-Hork eigenthüm liehe Gebräuche gesehen haben, erstaunt sein werden über den alten Brauch, der mich bei meiner ersten europäischen Reise so sehr befremdete. Denn soweit ich schließen kann, ist die Zloezczol-Legeude einzig in der jüdischell Geschichte ilnd ausschließlich auf diesen weit entlegenen Erdenwinkel beschränkt. Nach der Ansicht meines Wirthes Harchi war es eine geschäftliche Mache, ein grober Kunstgriff; auch in meinen Augen hat es keine andere Bedeuturlg. Ich landete in Hamburg und ging von da aus nach Verlill, Prag, Wien, Budapest, Lemberg (wo mein Großvater ein bedeutender Rabbiner gewesen war), Moskau und Petersbllrg. Ich hielt mich nicht lange in Hamburg auf, kaufte mir ein starkes Pferd lmd begann meinen langen Ritt. Eigentlich erschien er mir nicht so lang wie einem jungen Mann von heute, der an Reisen im eleganten bequemen Eisenbahnwaggon gewöhnt ist, denn ich war bereits von Kansas aus nach unseren beibeit Seeufern geritten, aber der stete Wechsel von Nahrung mib Sprachen machte sich doch unangenehm fühlbar. Aber Geld spricht alle Sprachen und ein amerikanischer Magen verdaut jede Kost, nur mit schlechtem Wasser kann Niemand es aufnehmen, und so mußte ich mich denn in Prag niederlegen, und das Fieber machte mich so schwach, daß ich nicht weiterreiten konnte. Ich strich im Ghetto umher — das war mein erster Blick in das mittelalterliche Judenthum — und war bezaubert von den sonderbaren Straßen und Häusern, von der jüdischen Stadthalle, der Alt-Neu-Synagoge mit ihrer wundersamen Geschichte ungezählter Jahrhunderte. Ich erfuhr die Geschichte von der großen rothen Fahne auf der Säule mit dem Schilde Davids, den: Schwedenhute und den Blutflecken der Märtyrer von 1389 an den Wänden. Welche Rührung erfaßte mich auf dem alten Friedhofe, dem Ghetto der Todten, wo die Gräber unordentlich zusammengeworfen waren, wo die Grabsteine wie die Leichen Ghettoverfolgung erlitten hatten. Eine neue Welt, — krunun wie die Ghettostraßen, so fremd dem freien Leben auf den blumenden Prärien —, eröffnete sich vor mir, als ich durch biefen „Judengarten" schritt und die hebräischen Inschriften und ngenthümlichen symbolischen Skulpturen studirte, die segnende Hand des Priesters, die Wasserkanne des Leviten, die Weintraube des Israeliten, die Jungfrau mit Rosen, und versuchte, das Leben, das diese Todten gelebt hatten, wieder aufzubauen. Eigenthümliche, angestammte Erinnerungen dnrchdrangen mich und halfen mir verstehen. Viele Geschichten hörte ich auch vom Rabbi Löw und dem „Golem", das er erschuf und das ihm seine Mahlzeiten brachte. Sein Grab und sein Haus mit einem Löwen auf blauem Grunde wurde mir gezeigt, ich hörte mit amerikanischer Ungläubigkeit, abermit ererbter Sympathie zu. Ich war erstaunt, noch Männer zu finden, die an einen gewissen Sabbatai Zevi, den Messias der Juden, glaubten; Einer zeigte mir ein Sabbath-Gebetbuch mit dem beturbanten Kopf seines Erlösers, Seite an Seite mit König David, ein Anderer erzählte mir folgende Ueberlieferung in seiner Familie: sie hatten ihr Geschäft, ihr Hab und Gut verkauft und waren im Begriff, nach Palästina aufzubrechen, um mit ihrem Erlöser zusammenzutreffen, als sie die Nachricht erhielten, daß dieser Befreier Israels nicht, wie er versprochen, den Sultan abgesetzt, sondern des Sultans Thorwächter geworden und zum Muhamedanismus übergetreten war. Es war Herbst geworden, ehe ich Budapest erreichte, das in jenen Tagen der bezaubernde Thorweg des Ostens war und von Zigeunermusik widerhallte, noch nicht die civilisirte Stadt, wie ich sie letzthin fand. Plötzlich mußte ich meine Reise unterbrechen, der Dniestr war ausgetreten und hatte das Land überschwemmt; mir blieb, da nordwärts alle Wege nnpassirbar waren, nichts übrig, als in dem kleinen Bergstädtchen Zloczezol zurückzubleiben und das Ende der Fluth abzuwarten. Das Dorf selbst war durch das Gebirge vor den Wogen geschützt, das Wasser kam aber nahe bis an das Haus 'Darchis, wohin ich mich aus dem schmutzigen Wirthshause, in welchem ein Kind im besten Zimmer den ganzen Tag schrie, gerettet hatte. Die Häuser des Dorfes waren aus Furcht vor Lawinen in weiten Zwischenräumen erbaut, erst weiter hinaus in der Ebene standen sie dichter zusammen. Im Centrum der Stadt befand sich der gepflasterte Ring- und Marktplatz, in welchem einige kleine Straßen mit Läden mündeten. (Die Vorrathsläden profitirten ungemein durch die Ueberschwemmung, da Zufuhr unmöglich war.) Mit Ausnahme einigerkleiner Bauernhäuser, deren Insassen ein wenig Farbe in die Prozession der dunklen. Röcke brachte, war Zloczezol eine jüdische Kolonie. Es muthete mich seltsam an, daß ich in einem Orte wohnte, wo jedes Haus eine Mesusah hatte, mir kam vor, ich sei in Palästina, und oft wunderte ich mich, daß das Volk wirklich den lokalen Patriotismus fühlte, ben es zeigte. Wenn ich aber auf die Ceder des Libanon in der Ebene blickte, die einen so seltsamen Kontrast zu den einheimischen Bäumen bildete und doch mit ihnen zugleich wuchs und blühte, dann erkannte ich, Israel famx überall hin verpflanzt werden, es ist dauernd wie das Cedernholz, ja, es besitzt sogar noch eilte andere Eigenschaft des Cedernholzes, fremde Substanzen in sich aufznnehmeu und Fäulniß zu verhindern. Eine andere Ueberraschung auf meiner Reise war, daß ich Juden fand, die alle europäischen Sprachen sprechen konnten, die sich überall als eilt Theil des Bodens betrachteten und oft so patriotisch waren, daß sie einwandernde Juden als Fremdlinge zilrückstießen. Ich selbst war allgemein bekannt als der „Fremde", wurde aber nicht zurückgestoßen, und als ich in der Synagoge, einem kleinen gothischen Gebäude, ein paar Dollars für das Privilegium, den Thoraschrein zu öffnen, gab, hieß ich allgemein der „reiche Fremde". Einmal hörte ich zufällig, daß ich der „schöne Fremde" genanrrt wurde, und ich erröthete und schaute mit vermehrten! Interesse tu meinen zerbrochenen Spiegel. Bald aber gestand ich mir mit Bescheidenheit, daß ein stähierner Sohn der Prärie einen unbilligen Vortheil vor solch einer Welt von gebückten, bleichen Gesichtern hätte. Und als ich in das Bet Hamidrasch, das

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