Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 322 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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322 Repräsentantin des weiblichen Intellekts und zugleich als Vorbild in Bezug auf die weiblichen Tugenden der Bescheidenheit und Selbstlosigkeit rühmt. Ich lasse hier einige bezeichnende Sätze folgen: „Die Königin von Saba kam aus weiter Ferne, um die Pracht und Herrlichkeit des Königs Salomo zu sehen und seine Weisheit zu erforschen. Sie kam nicht, um etwas für sich zu begehren, sondern um ihn mit schwierigen Fragen zn prüfen. Kein Gedanke an weltlichen Gewinn oder an die Befriedigung selbstsüchtigen Ehrgeizes war in ihrer Seele; sie vergalt ihm den Genuß, seine weisen Aussprüche hören zu dürfe», sogar mit reichen und kostbaren Gaben. Wissen ist Macht, aber Derjenige, welcher das Wissen nicht um des Wissens selbst, sondern um der Macht willen liebt, die es verschafft, der betet die Macht an. Wissen ist Reichthum, aber Derjenige, der das Wissen um alles dessen willen liebt, was es ihm einträgt, der betet den Reichthum an. Die Königin von Saba liebte das Wissen um des Wissens willen und die Wahrheit, die sie aus dem Munde Salomos zu hören verlangte, um der Wahrheit willen. Ein Mann, welcher nach der anderen Erdhälste reist, nur um die Konstellation des südlichen Kreuzes zu sehen, ein Man», welcher nach dem Nordpol fährt, nur um die Schwingungen und Veränderungen des Magnete» zu erforschen, dieser ist von derselben Liebe zum Wissen erfüllt und von derselben edle» Begeisterung getrieben wie die Königin von Saba." — Man vergleiche diese Worte mit den vorhin zitirten; in beiden ist höchst beachtenswerth, daß die Besprochene nicht als Weib, sondern als Mensch aufgefaßt nnd gewürdigt wird, eine fast einzig dastehende Ausnahme. Unserer Beachtung werth ist noch eine andere Frau aus königlichem Stamme, die im alten Testament auch nur mit wenigen Worten erwähnt wird: die Tochter des Pharao von Aegypten, die Beschützerin und Pflegemutter Mosis. Sie ist eine Vorläuferin der griechischen Antigone; denn sie handelte wie diese nach dem schönen, echt weiblichen Grundsätze: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da." Nur erwies sie nicht einem Todten pietätvolle Ehre, sondern sie nahm ein junges, bedrohtes Menschenleben in liebevolle Obhut und übte einen unschätzbaren Einfluß auf das Geschick desselben aus; dadurch ivard ihre That folgenreich für die ganze Weltgeschichte, ohne jedoch verhängnißvoll für die Thäterin selbst zu werden. Kühn und entschlossen wie Antigone wagte sie dem Gebot ihres mächtigen Vaters zuwider zu handeln, der da befohlen hatte, daß alle neugeborenen israelitischen Knäblein getödtet werden sollten, um die zu große Ausbreitung dieses dienstbaren Volkes in seinem Reiche zu verhindern. Sie wagte es, das ausgesetzte Kind seiner eigenen Mutter in Pflege zu geben und vor den Henkern zu schützen; sie that es auch nicht heimlich und listig nach Weiberart, sondern offenkundig, wie ein ihr zustehendes Recht. Doch sie durste es vielleicht ohne Gefahr wagen, da die Frauen in Aegypten, besonders die fürstlichen, eine außerordentlich begünstigte Stellung einnahmen.') Auch auf ihre Bildung scheint größere Sorgfalt verwendet worden zu sein wie bei anderen Völkern des Alterthums. Ueber die Kenntnisse und Fähigkeiten jener Tochter Pharaos verlautet zwar nichts, doch läßt sich immerhin als nicht unwahrscheinlich annehmen, daß sie der hohen Bildung, die am ägyptischen Königshofe herrschte, theilhaftig gewesen sei, und daß sie ihren geliebten Pflegesohn nicht allein in aller Weisheit der gelehrten Priesterkaste unterrichten ließ, sondern auch selbst sein geistiges Wachsthum förderte, bis er mächtig ward in Worten und Werken. Sie starb, ohne den Schmerz erlebt zu haben, daß y Sie konnten Priesterinnen, Thronerbinnen und Mitregentinnen eines Königs werden; die väterlichen und mütterlichen Verwandten der Herrschers hatten gleichen Rang. der Jüngling sich von ihrem Volke lossagte. Und dieser gab seinen Gefühlen der Trauer und innigen Dankbarkeit für sie dadurch Ausdruck, daß er zu ihrem Gedächtniß eine Stadt Namens Möris erbauen ließ, wie der Geschichtsschreiber Josephuserzählt. So ist die ägyptische Antigone durch Wort und That geehrt worden. Ich will nuninehr zu den Frauen des israelitischen Volkes übergehen, welche die Emanzipation im edelsten Sinne vertreten. Dazu zählen vor Allen die Prophetinnen und Volksführerinnen. An ihrer Spitze steht Mirjam, die dichterisch begabte ältere Schwester des Moses, deren schlagfertige Klugheit schon zu dessen Errettung nicht wenig beigetragen. In den Augen ihres Volkes war sie mit den, Leben und den Thaten ihrer beiden Brüder Moses und Aaron so eng verbunden, daß sie nach dem glücklichen Auszug aus Aegypten als gottgesandte Mitbesreierin der Kinder Israels aus der Gefangenschaft gepriesen wurde. Sie ist die erstgenannte von den gottbegeisterten Frauen, die in der Geschichte des jüdischen Volkes Vorkommen und in hohem Ansehen standen. Außer dem Siegeslied der Mirjam, das in einer kurzen Strophe zusammengefaßt ist/) überliefern uns die Bücher Mose nichts von ihren Dichtungen und Reden. Sie scheint eine Vorsängerin bei den Reigen gewesen zu sein, welche die israelitischen Frauen mit Handtrommeln und Cymbeln aufzuführen pflegten. EUILLETON Bethulah. Eine Erzählung von I. Zangwill.fl I. Bild Bethulahs aus jenen unvergeßlichen Tagen m dem kleinen Gebirgsdorse der Bukowina steht wieder vor meiner Seele und will nicht entweichen vor der Prosa des Lebens. Eine mir sehr theure Person räth mir, sie durch Feder und Papier zu vertreiben. Ob nun das Niederschreiben der eigenthümlichsten Periode meines Lebens diese Erinnerungen bannen wird? Ich weiß es nicht; jedenfalls wird die Erzählung selbst meinen Brüdern in New-Hork zeigen, wie verschiedenartig sich ihre Religion auf unserem unruhigen Planeten entwickelt hat. Es giebt unzweifelhaft unter den Juden viele, die ebenso unwissend über das Leben und Treiben ihrer Glaubensgenossen im östlichen Europa sind, wie ich es damals war, trotzdem sie jetzt mehr Gelegenheit haben, in ihrem New-Horker Ghetto, das gleichsam ein kosmopolitisches New-Iork in NewAork bildet, die verschiedensten Epochen des Judenthums zu studiren, zu meiner Zeit existirte diese Gelegenheit nicht. Nur in Baltimore und einigen größeren östlichen Städten gab es Juden, und sie alle waren oder wollten wenigstens gute Jankers sein, während man über den Mississippi hinaus, wo mein Vater das Land bebaute und jagte, tausend Quadratmeilen fahren konnte, ohne Minjen zu bekommen; unsere malerischen Kostüme, unsere eigenthümlichen Gebräuche ver- *) 2. Mose, Kap. 15, V. 20 und 21. y Antoristrie Uebersetzung aus dem Englischen von Dr. Amali Klouower.