Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 320 (sequence 10)
- Language
- German
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Z20 fehl, die Judenhäuser zu Plündern, war von Amtswegen ergangen. Kein Versteck war vor der beutelüsternen Soldateska sicher. Gotteshäuser und Privatwohnungen wurden gleich sehr dem Raube der Plünderer preisgegeben. Tag und Nacht hielt das Rauben an, bis die Häuser ausgeleert, die Bewohner der letzten Habe entblößt waren. Am Meisten schnitt es den Unglücklichen ins Herz, die Thorarollen aus den entweihten Synagogen fortgeschleppt, verhöhnt und zu niedrigem Gebrauche zerschnitten und mißbraucht zu sehen. Auch der Genius der Litteratur war unter den Trauernden. Selbst die für sie völlig nutzlosen Schätze der Büchereien in der Mella von Mikenes hatten die Plünderer nicht verschont. Gelehrte sahen ihr Handlverkszeug, Autoren ihre Arbeiten, die Früchte ihres Fleißes, die Bürgen ihres Ruhmes und ihrer Unsterblichkeit erbarmungslos fortgeschleppt und der Vernichtung preisgegeben. Der Lebensmittel beraubt, stand die Gemeinde bald einer Hungersnoth gegenüber, die ihr zum Schaden noch den Spott anthat, als Bettler von ihren Räubern abgewiesen zu werden. Während aber die Gemeinde mit der bloßen Verarmung davonkam, wurden ihre Vorsteher noch härter betroffen und am Leben bedroht, in Ketten gelegt und in den Kerker geworfen. Es war die Strafe dafür, daß sie dem Vater des neuen Sultans nicht die Treue hatten brechen wollen und dem Rebellen die Unterstützung zu veriveigern so kühn gewesen waren. Der Mangel an Lebensmitteln hatte die Gemeinde dem Hunger, die Noth an Kleider» der Kälte ausgeliefert. Und doch >var man noch glücklich, als man die Summe der Leiden übersehen konnte, daß die Gemeinde keinen Tobten zu beklagen hatte, Frauen und Mädchen von den Unholden noch verschont worden waren. Scheint doch sogar einige der Plünderer für ihre allzuweit getriebene Zügellosigkeit die Strafe ereilt zu haben; die vor dem Thore von Mikenes von regierungsivegen Erhängten werden eben die Rädelsführer der wilden Rotte gewesen sein. Wir kennen durch Romanelli die Namen der Gemeinden, an denen Jbn Hussein wie Almälih stillschweigend vorübergehen, Marokko, Arzild'), Alkazar Laragi, Rabad Mogador; Reine blieben verschont.2) Wie ein Feuerbrand wälzte sich die Verheerung durch das Land; die jüdischen Ansiedelungen in Marokko schienen am längsten gedauert zu haben. Wunder von Glaubensmnth und Ueberzeugungstrene hatten aller Orten sich begeben, aber auch Verzagtheit und die Verzweiflung hatten ihre Opfer gefordert. Nicht alle waren standhaft geblieben in der Stunde der Gefahr. Den Helden und Blutzeugen standen Ueberläufer und Abtrünuige gegenüber, die den Islam angenonnne» hatten, um das Leben zu retten. H Ueber Tetuan, die Fürstin der Städte, wie sie genannt wurde, sind wir durch den Brief, den ein Sohn Abraham ben Jehuda Kurijät's in der Noth seiner Seele mit Kohle auf ein Blatt Papier geschrieben und nach Mogador hatte gelangen lassen, unterrichtet. Die Fürsprache eines Tälib, eines Geistlichen, bei Mulei Jesid hatte von der bereits dem Würgengel verfallenen Gemeinde das Verhängniß rechtzeitig abgewendet. Das Maß ihrer Leiden war aber damals bereits zum Ueberlaufen voll gewesen. y Es ist dies die Gemeinde, um derenwillcn Don Jsacic Abravanel mit Jechiel ans Pisa kocrcspondirte. Ozar Nechmad von Bl» menfeld I, 66 f. und Kaufmann in Revue des studes juives XXVI, 84. -) Vergl. I. M. Iost. Geschichte der Israeliten VIII, 46 ff. nach Nomanellis Angabe». •’) Ib. 64. Neu sind die Berichte, die uns das Klagelied Jbn Husseins von den Schicksalen der Gemeinde Fez erstattet. Hier hatte die Entmenschtheit der Verfolger den Gipfel erstiegen. War es in anderen Orten die Habgier, die an ihrer Sättigung wenigstens eine Grenze hatte, so wüthete hier der Glaubenshaß ohne Schranke, selbst vor der Ruhe der Tobten nicht Halt machend, von dem Frieden der Heiligthümer nicht zur Besinnung und zur Umkehr gebracht. Die Gotteshäuser der Jude» waren es, auf die man es vor Allem abgesehen hatte. Ausgeplündert und verheert, wurden sie noch zur Krönung der Etitwürdigiing in Stallungen umgewandelt. Dann ging es im Sturm gegen die Friedhöfe. Die Denkmäler wurden umgestürzt, die Gräber aufgewühlt, die Leichen aus ihren Grüften gezerrt. Wie einst der Prophet Ezechiel fragt der Dichter angesichts der durcheinandergeworfenen Gerippe: Werden diese Gebeine wieder ausleben? Die Schrecken der messianischen Verkündigung waren über die Unglücklichen hereingebrochen, sie hatten die Zeichen gesehen, die der Ankunft des Erlösers vorhergehen sollen, allein der Messias war nicht gekommen. Aber stärker als Tod und Untergang ist die Hoffnung im jüdischen Dolksherzen, die auch am Schluffe dieses Klageliedes in einen Jubelrnf ausbricht, der von Wonnen und Triumphen der siegenden Gerechtigkeit und der lichterhellten Zukunft kündet. Nie HistoriciM des Aufenthattes der Juden in Aegypten. Aus dem Nachlasse von Georg Ebers. III. f heku bietet besonderes Interesse. Es begegnet m>s aus vielen der von Naville ausgegrabenen Inschriften und lehrt mit unumstößlicher Sicherheit, daß die Stätte von Tell el-Maschuta auch Thekn oder Thekn-t, das ist kaum etwas anderes als das hebräische und biblische Snccoth, genannt worden ist. Solche Doppelbezeichnungen für die gleiche Lokalität sind im alten Aegypten ganz allgemein. Hier wie anderwärts wird der Ort — und zwar zunächst sein Tempelbezirk — nach der Hauptgottheit und die Wohnstadt der Bürger mit einem arideren Profanen Namen benannt. In uuserm Falle heißt der Tempelbezirk und das zu ihm gehörerrde, wahrscheinlich von Aegyptern bewohnte Quartier Stadt des Gottes Tum (Pithom) und der übrige Ort, welcher sich in weitem Kranze um den Tempelbezirk hinzog, Theku-t. Hier ist Naville aus zahlreiche zerstörte Wohnhäuser gestoßen. Wer den biblischen Bericht über den Auszug der Inden kennt, ist auch mit dem Namen Snccoth vertrant, denn so wird der erste Ort genannt, wo das Volk nach dem Aufbruch von Ramses (für uns Tanis, hebräisch Zo'an, arabisch Sa») rastete. Ein englischer eritieus negativus int „Athenaeum" hat gegen die Jdentifizirung von Theku-t mit Succoth aus lautlichen Gründen Einsprache erhoben, aber mit Unrecht, denn daß die Anssprache des Zeichens, das wir gewöhnlich th umschreiben, von fremden Ohren für die Sibillante s gehalten werden konnte, beweist nicht nur der griechische Name Sebennytos, dessen hieroglyphisch geschriebenes'Vorbild mit derselben Letter beginnt. Aildere lautliche Schwierigkeiten sind nicht vorhanden.