Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 319 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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319 schreiben festzustellen, ob die Herausgabe eines neuen Gesangbuches erforderlich fei. Von vorhandenen Gesangbüchern werden besonders empfohlen das württembergische und das der Gemeinde Münster. Nachdem noch einige Begrüßungstelegramme verlesen worden sind, schließt der Vorsitzende die Versammlung. Nach einer längeren Frühstückspause beginnen um 1 Uhr Mittags die Verhandlungen über das Asyl, an denen auch Vertreter der Synagogengemeinde Essen theilnehmen. Zu Punkt 1 der Tagesordnung erstattet Herr I. M e n d e l - Bochum, der seitherige Vorsitzende des Aktionskomitees, den Bericht über die Thätigkeit des letzteren. Anknüpfend an die in dem gedruckt vorliegenden Jahresberichte bereits gegebenen Mittheilungen führte Herr Mendel noch ans, daß seine Bemühungen im Interesse des Asyls in den Gemeinden Essen. Mühlheim a. d. Ruhr und Duisburg insofern von Erfolg gewesen sind, als in den genannten Orten Komitees zur Sammlung von Beiträgen sich gebildet haben, deren Thätigkeit voraussichtlich günstige Resultate ergeben wird. Die Wirksamkeit des Aktionskonritees und namentlich die des Herrn Mendel findet in der Versammlung allseitig dankbare Anerkennung. Zum 2. Punkte der Tagesordnung: Berathung und Annahme des Statuten-Entwurss, erstattet Herr Rechtsanwalt Dr. Coh n-Münster ein eingehendes Referat, das in dem Anträge des Referenten gipfelt, unter Verwerfung sämmtlicher vorliegender Abänderuiigsanträge das Statut en bloc anzunehmen. Die Versammlung beschließt demgemäß, womit der Asylverein begründet ist. Bei dem nun folgenden Punkte der Tagesordnung werden zu Mitgliedern des Gesammtvorstandes des Asylvereins nachstehende Herren gewählt: Elias-Dortmnnd, Dr. Kempenich-Dortmund. Mendel-Bochum, Ostwald-Witten, van Perlstein-Hagen, Siegfried Posta-Neuenkirchen, R. Reifenberg-Unna. Außerdem delegirt der Ausschuß des westfälischen Gemeindeverbandes seiiren Vorsitzenden und ein anderes Mitglied in denGesammtvorstand, der sich sodann konstituiren wird. Herr Mendel- Bochum legt nunmehr sein Amt als Vorsitzender des Aktionskomitees nieder, das auf Grund eines Beschlusses des 7. ordentlichen Gemeindetages seine Thätigkeit einstellt. Der Vorsitzende nimmt Veranlassung, dem Komitee für seine opferwillige Thätigkeit im Interesse des Asyls namens der Versammlung herzlichsten Dank auszusprechen. Die Herren Bendix Kemper und Simon Loewen st ein- Nietberg werden in Anerkennung ihrer Verdienste um das zu gründende Asyl einstimmig zu Ehrenmitgliedern des Asylvereins ernannt. Die Gründung des letzteren wird vollzogen durch die Unterzeichnung des Statuts seitens der Mitglieder des Ausschusses des westfälischen Gemeindeverbandes und der gewählten Mitglieder des Gesammtvorstandes. An die Verhandlungen reiht sich um 6 Uhr ein gemeinsames Mahl, an welchem 130 Personen theilnahmen. Den Kaisertoast brachte in zündenden Worten Herr O st w a l d - Witten aus. Nach dem Festessen wurde ein aä doe gedichtetes Kultnrbild: „Vor 50 Jahren" aufgeführt, welches lebhaften Beifall fand. Wir dürfen wohl sagen: Der zehnte Gemeindetag des Verbandes reiht sich seinen Vorgängern würdig an; er hat einen herrlichen Verlauf genommen und ein schönes Zeugniß abgelegt von dem warmherzigen Interesse, das die westfälischen Gemeinden dem jüdisch-religiösen Leben entgegeubringen. Die Gemeinde Witten aber hat sich durch ihre trefflichen und gelungenen Veranstaltungen den wärmsten Dank aller Theilnehmer erworben. Gin Klagelied?' Von Professor Dr. David Kaufmann s. A. fie Juden Marokkos hatten unter der langen und milden Regierung Mulei Sidi Mohammeds^) vier Jahrzehnte hindurch Ruhe und Schonung genossen. Nur die letzte Zeit seines Lebens war durch aufrührerische Belvegungen verbittert worden, welche die Empörung seilles 0 Zur Erinlierung an den Todestag des unvergeßlichen Mannes (7. Juli) bringen wir heute den obenstehenden Aufsatz aus seinem Nachlasse. Die Redaktion. -) Vergleiche den Text Hevue des dtudes juives XXXVII, 123 ff. eigenen Sohnes Mulei Jestd hervorgerufen hatte. Sidl Mohammed war ein Greis in hohen Jahren, als dieser Aufruhr den Frieden seines Landes brach. Die Verfolgung des Rebellen war es auch, die ihm den Tod gebracht hat. Vor den Thoren von Randa war er in seinem Wagen, ohne daß die Umgebung es ahnte, infolge eines Blutsturzes verschieden. Der Tod des Herrschers bedeutete, wie Abraham Jbn Sadün den damals im Handlungshause Gedalja zu Mogador bediensteten Mantuaer Samuel Romanelli belehrtes für Marokko nicht dasselbe wie für ein anderes Reich. Dort bewirkt ein Regierungswechsel gleichsam den Damlnbruch aller staatlichen Ordnung und Gesittung. Gesetz und Recht sind plötzlich außer Kraft gesetzt, der Krieg Aller gegen Alle hat begonllen. Wie entfesselte Fluthen vor allem tiefergelegene schutzlose Gebiete überschwemmen, so wenden sich hier die Leidellschaften des Volkshaufens in erster Reihe gegen die Schwacher: und Geduldeten im Lande, die Juden. Der Frühling 1790 bedeutete für die jüdischen Gemeinden Marokkos das Ende ihres Friedens und ihrer Sicherheit. Der am am 31. März erfolgte Tod des Sultans^) eröffnete für sie eine Zeit der Schrecken und der Verfolgungen. Dem Herrscher treu, wie sie waren, hatten sie dem Rebellen den Gehorsam und Beistarrd versagt. Jetzt war für Mulei Jesid die Zeit der Rache gekommen. Unter den zehn Söhnen Sidi Mohammeds^), die jetzt im Streit um die Thronfolge Zerklüftung und Verheerung über das Land brachten, war er Derjenige, der den größten Anhang hatte und bald die Alleinherrschaft in seine Gewalt brachte?) Von den fürchterlichen Strafen und blutigen Gewaltthaten, die jetzt die Juden Marokkos, unaufhaltsam über das ganze Land sich ausbreitend, heimsuchten, waren wir bisher um; durch den Bericht Samuel Romanellis in Kenntniß gesetzt. Der Jammer jener Tage hat aber auch in anderen Denkmälern sich erhalten, in jener Gattung von Gedichten, die uns die Unglückszeiten in dem schwarzen Kalender der jüdischen Geschichte ausgezeichnet haben, ben Klageliedern, die um den Kern der dem 9. Ab, dem Tage der Zerstörung des Tempels, gewidmeten Trauergesänge ein Echo der Klage aus allen Zeiten versammelt haben. Am Schlüsse einer Sammlung handschriftlicher Kinnoth marokkanischer Dichter für den 9. Ab in meinem Besitze, sind die beiden letzten den Ereignissen des Jahres 1790 gewidmet, die ein Chronist bereits als bösen Schaden am Leibe der jüdischen Gemeinden Marokkos darstellt. Jakob ben Josef Almülrh, dessen Trauerlied ich früher bereits veröffentlicht habe^, beweint die Leiden der Gemeinden Tetuan, Fez und Mikenes nur im Allgemeinen. Geilauer ins Einzelne führt uns die Kinna Davids ben Ahron Jbn Hasseins, der seinen vollen Namen in die Anfänge seiner Strophen, manchen Buchstaben auch zweimal wiederholend, eingewebt hat. Mit Mikenes, seiner Heimath, beginnt unfer Dichter die Schilderung der Leiden, obwohl Tetuau, wo Mulel Jesid zuerst zum Herrscher sich ausrufen ließ, zuerst auch aus dem Becher seines Grimmes zu trinken bekam. Es war Ende Aprils, als das Entsetzen über die Gemeinde hereinbrach. Der Be- 9 31JD 17DÖ Schiller - Szineszy 8 p. 61 und 63 Zedners Auswahl historischer Stücke p. 223. 9 id. 63: nisten wn dto 3) Id. 61. 4) Zedner, a. a. O. 226 n. 9. 5) Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 50. 238 ff. 9 Mittwoch, den 14. Januar, wie das Gedicht angiebt.