Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 318 (sequence 8)
- Language
- German
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anderen mehr, sondern auch in Staaten, wo die Bildung in hoher Blüthe steht, der „Fremdenhab" in weiten Kreisen gegen einheimische jüdische Landeskinder, gegen friedliche, patriotisch treubewährte Staatsbürger künstlich kultivirt wird. In Versammlnngen und Zeitungen feiert der Antisemitismus ganz offen und frei die wüstesten Orgien, und es ist erst vor kurzem vorgekommen, daß aufreizende Mord- und Brandreden gegen die Juden, vor Gericht gezogen, von diesen» als bloße Redeblumen, als bloße oratorische Ausschmückung bezeichnet wurde. Die Redeblumen sind nur zu bald als Saat von Drachenzähnen aufgegangen, und der „Blumen Rache" muß man jetzt am eigenen Leibe erfahren: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Die gegenwärtige Lage in China ist von internationaler Bedeutung, und alle Staaten fühlen sich solidarisch verpflichtet, für die hart Bedrängten einzutreten und Schutztruppen dahin zu entsenden. Der Antisemitismus ist nicht minder eine internationale Gefahr. Ein planmäßiges gemeinsames Vorgehen gegen denselben, wenigstens mit Bezug auf die wie eine alte Krankheit durch die Jahrhunderte sich hinschleppend, einen moralischen Ekel hervorrufende Ritualmordgeschichte, wäre eine Pflicht, die die Menschenwürde und die Civilisation am Beginn , des 20 ten Jahrhunderts gebieterisch fordern. Unser Kaiser hat; mit der Entsendung einer militärischen Strafexpedition nach ' Könitz, entsprechend den Traditionen seines hochseligen Vaters, j der den Antisemitismus „eine Schmach des Jahrhunderts" ge-! nannt, das leuchtende Beispiel einer energischen Unterdrückung dieser internationalen Gefahr gegeben. Ein so entschiedenes . Vorgehen, das sich scholl aus dem einfachen Erfahrungssatze! rechtfertigt, den der Prophet Jesaia mit den klaren Worten ausj drückt: „Wird dem verstocktell Frevler nachgesehen, lernt er nimmermehr Gerechtigkeit", — ein so entschiedenes Vorgehen, zumal wenn es rechtzeitig und ilachdrücklich geschieht, erzieht die Völker mehr als manche andere Verallstaltungen zu moralischem Enipfinden und schreibt ihnen das alte, politische und private Leidenschaften zähmende, menschheitsgeschichtliche Gesetz mit ehernem Griffel ins Herz: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Aer X. ordentliche Gemeindrtag des Verstandes der Synagogen-Gerneinden Westfalens. m 17. b. M. fand in Witten unter außerordentlich reger Betheiligung der 10. Gemeindetag des westfälischen Verbandes statt. Die Verhandlungen wurden von dem Vorsitzenden. Herrn Moritz Katzen st ei n-Bielefeld, um 9]/2 Uhr Morgens in dem Voß'schen Saale eröffnet. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzellde des herben Verlustes, den der Verballd durch das Hin scheiden des Herrn Nathan Lev y-Hagen erlitten habe. Mit warmherzigen! Eifer und reger Schaffensfreudigkeit hat sich der Verstorbene seit dem Bestände unserer Vereinigung an den Arbeiten derselben betheiligt und ihre Interessen kräftig gefördert, so daß ihm im Verbände ein bleibendes Andenken gesichert ist. Die Anweseilden ehren den Dahingeschiedeneu durch Erheben von ihren Sitzen. Ferner gedachte der Vorsitzende der Einweihung des herrlicher! Gotteshauses der Bllndesgemeinde Dortmund, die ihn als Ehrengast zu der Feier gebeten hatte. Nllnmehr tritt die Versammlung in die Tagesordnung ein. Es wird zunächst festgesteüt, daß die Einladungen ordnungsmäßig erfolgt sind; von den Bundesgemeinden sind 20, darunter alle größeren, mit insgesammt 47 Stimmen vertreten. Darauf begrüßt der Vorsitzende des Gemeindevorstandes Witten, Herr Loewenstein, die Delegirten in herzlichen Worten, den Berathungen segensreichen Erfolg wünschend. Zunr Leiter der Versammlung wird alsdann einstimmig Herr K a tz e n st e i n - Bielefeld berufen, zum stellvertretenden Vorsitzenden Herr I. Steinberg-Münster i. W. Als Beisitzer sungiren die Herren Lo ew enste i n-Witten und Rechtsanwalt Dr. Cohn-Münster. Das Protokoll führen die Herren L. Cohen- Dortmund und D. Kl e st a dt-Gelsenkirchen. Zum 1. Punkt der Tagesordnung liegt der Bericht über die Thätigkeit des Verbandes im 9. Geschäftsjahre gedruckt vor; es wird aus die Verlesung des Berichtes und auf eine Diskussion über denselben einstimmig verzichtet. Ergänzend theilt der Vorsitzende noch mit. daß seit der Drucklegung noch eine Gemeinde. Brakel, dem Verbände und der Pensionskasse beigetreten sei. Es gehören somit 44 Gemeinden unserer Vereinigung an. Zu Punkt 2 der Tagesordnung ergiebt der Kassenbericht pro 1899/1900 an Einnahmen 2465,27 Mark, an Ausgaben 1980,29 Mark, so daß ein Bestand von 484,98 Mark verbleibt. Die Beläge sind von den Herren Julius Weiß- und Gustav Dreher-Bielefeld ordnungsmäßig geprüft und für richtig befunden. Nach Erstattung des Nevisionsberichtes wird einstimmig die Entlastung ertheilt. Punkt 3 der Tagesordnung: Einen erfreulichen Einblick in die Entwickelung der Beamten-Pensionskasse gewährt der Bericht über dieselbe. Nach noch nicht zweijährigem Bestände beläuft sich das Veruiögen bereits auf 12 000 Mark. Die Kasse zählt schon viele Wohlthäter zu ihren Ehrenmitgliedern. Auch haben die Vertreter aller größeren Gemeinden sich bereit erklärt, soweit in letztereil für die Kasse noch nichts geschehen sei. die Agitation thatkräftig in die Hand zu nehmen, so daß auch für das neue Geschäftsjahr an einem sehr schönen Ergebnisse nicht zu zweifeln ist. Herr O st wal d - Witten überreicht eine Liste von 10 außerordentlichen Mitgliedern, die in Witten der Kasse beigetreten sind. Herr Leffmaun Stern-Hagen übergiebt dem Vorsitzeilden eine einmalige Spende von 150 Mark, wodurch er die Ehrenmitgliedschaft der Kasse erworben hat. Zu Punkt 4 der Tagesordnung beschließt die Versammlung eiustimmig, die Zahl der Ansschußmitglieder von 12 auf 15 zu erhöhen. Es werden dementsprechend neu hinzugewählt die Herren Rechtsanwalt Dr. Cohn-Münfter, D. Klestadt-Gelsenkirchen, T. Mendel-Bochum und für den verstorbeuell Herrn Nathair Levh-Hagell Herr A. Elias- Dortmund. Herr Elias verzichtet zu Gunsten des Herrn Leffmann Stern-Hagen. Die übrigen sechs ausscheidenden Mitglieder des Allsschusses wurden durch Zuruf wiedergewählt. Inzwischen ist der Bürgermeister von Witten, der frühere nationalliberale Reichstagsabgeordnete, Herr Dr. Haarmann erschieilen, der im Nameil der städtischen Behörden die Versammlnllg begrüßte. Es! waren herzerquickende Worte, die der Redner sprach. Allknüpfend an! einen Satz aus dem Ostwaldffchen Vortrage über das Asyl, »vorin es l heißt: „Täuschen wir uns llicht, es geht mehr und mehr ein Zug der Abneigung gegen uns durch weite Kreise", betonte Herr Dr. Haarmann, daß »vir nach feiner Auffassung in einer solchen Allnahme uns doch täuscheil. Er meine im Gegelltheil, je nlehr wir in denl eben begonnenen Jahrhundert vorauschreiten. umsomehr tverde in der Menschheit die Erkenlltniß sich Bahn brechen, daß llicht der Stand nab der Glaube den Werth des Menschen ausmache, sondern daß Jeder feinen Werth in sich selber trage: ii» seinem Charakter, in dem Ernste seiner sittlichen Persönlichkeit. Aus seinem, des Redners, Erscheillen möge die Versammlung schließen, daß er überzellgt fei, der größte Theil seiner Mitbürger dellke so wie er Lebhafter Beifall folgte btefen Ausführungen, von deilen man fühlte, daß sie nicht blos mit deni Munde gesprochen, sonderll auch mit dem Herzen empfunden warell. Herr Dr. Haarmann wohnte längere Zeit den Verhandlungell bei. Zu Punkt 6 der Tagesordnung erstattete Herr M. Lieb en selb- Bochum bell Bericht über die Thätigkeit des Komitees zur Bekämpfung der Wanderbettelei. Die Versanunlung folgte den Ausführu»igen des Referenteil mit großem Interesse und uahnl sodann folgenden Antrag des Ausschusses eillstimmig an: Der Gemeindetag »volle beschließeil, den Verbandsgeineindeil zu empfehlen, die Förderung der Ziele des Komitees zur Bekämpfung der Wanderbettelei durch Gründung von Lokalorganisationen in den Kreis der Wohlthätigkeitsbestrebungen aufzunehmen. Punkt 7 der Tagesordnung: Als Vorort für den nächsten Verbandstag wird einstimnlig Bielefeld gewählt. Punkt 8: Freie Besprechungen. Auf Anregung des Herrn Leeser- Dülmen erklärt sich der Ausschuß bereit, durch nochmaliges Rund-