Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 317 (sequence 7)
- Language
- German
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Bit der prästabilirten Harmonie hat wähl in seiner reinen, universalen Anschauung die Welt über die rauhe Wirklichkeit des durch Menschenwahn oft zum Zerrbilds gewordenen Lebens hinaus im magischen Lichte einer ewig harmonischen und frohen Entfaltung der menschlichen Angelegenheiten zuin Ideal erhoben. Aber die Wirklichkeit ist hinter diesem philosophischen Ideal noch soweit zurück wie der bleigraue Schein einer Wetterwolke gegen den lachenden Himmel eines goldigen Maitages, der sich aus jener entfalten soll. Denn wenn wir das blutrothe Meer der Völkergeschichte, die neuzeitliche ganz besonders miteinbegriffen, vom Leuchtthurm des berechtigten Ideals eines Normalmenschen betrachten, so scheint der Theil der Welt, dahin die Menschen mit ihrer wilden Jagd, mit ihrer Eifersucht und ihrem blutigen Streit noch niemals gedrungen und in dem die Natur von Menschenwitz unberührt und unverdorben in ihrer grandioser: Pracht und Kraft athmet, gerade der bessere Theil der Welt zu sein. Keineswegs würden einem gesittet denkenden rrnd handelnden Menschen die Schrecken einer so wildschauerlichen Natur so beklemmend und beängstigend auf's Gemüth fallen als diejenigen einer Rundschau, zu welcher die allerneueste Weltgeschichte uns hinleitet: Frankreich (Dreyfus), Südafrika, China und Westprenßen (Könitz) — das sind Hanptstationen, vor denen ein denkender und fühlender Mensch ii: schmerzlicher Betrachtung versunken stehen bleibt. Und die große Tragödie, die diese weit auseinander liegenden Gebiete darstellen, ist nur zu kunstgerecht gehalten. Es ist darin die Einheit der Zeit — im 2000 ten Jahre nach dem Heil der Welt, Einheit des Ortes, denn fast könnte man Westpreußen als im Reich der Mitte liegend halten, — Einheit der dramatischen Handlung des Blutvergießens, endlich auch Einheit der Motive; denn an allen diesen Orten entspringt das Unglück derselben bitteren Wurzel, des blinden, dunklen Hasses des Anderen ans blinder, dunkler, rabiater Eigenliebe. Diese bittere Wurzel ist das Boxerthum, das nicht nur in China, sondern auch in Südafrika und in Westpreußen anstritt und als schleichendes Fieber unter allen Völkern in verschiedenen Formen und Gestaltungell grassirt. Dieses Boxerthum ist die Geißel der Menschheit wie früher so heute; dieses Boxerthum ist die unbewußte Derschwörirng der menschlichen Gesellschaft gegen sich selbst. Die Menschheit ist einem lebenden Organismus vergleichbar. Alle Glieder stehen im Verhältlliß der Sympathie zu einander. Eine Wunde an einem Theil erzeugt Fieber im ganzen Körper. So ist es auch in der Moral. Eine böse Eigenschaft, zun: L a st e r ausgewachsen, erzeugt einen A u f r n h r in der Seele, der nicht nur alle guten Triebe ins Wanken bringt, sondern auch alle schlummernden bösen Instinkte wachruft. Das krineipiis obsta des weisen Moralisten, wonach auskeimende Leidenschaften gleich im Anbeginn zu unterdrücken sind, gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die große Gesammtheit. Denn, wenn schon im weiten Reiche der Natur alles in einer Wesensgemeinschaft miteinander steht, infolge deren die Wesen aufeinander wirken, so ist das in weit höherem Maße bei den Menschen der Fall, die eine körperliche und seelische Gemeinschaft miteinander verbindet. Wenn der Brand einer Leidenschaft in einem Theile eines Volkes ausbricht, ohne daß er alsbald gelöscht wird, dann greift er über, wird epidemisch und frißt in irnmer weiteren Kreisen. Das hat man in vielen Ländern Europas mit Bezug auf das von Zeit zu Zeit auftauchende blödsinnige Märchen vom Ritualmord so oft erfahren, ohne daß von maßgebenden Seiten eher etwas dagegen gethan worden, als bis der Schaden einen schon erschreckenden Umfang angenommen. Dann aber geschah und geschieht auch nur halbes und nichts ganzes; man läßt behördlicherseits nur einige Wasserstrahlen in den lodernden Brand spielen, die Flamme sinkt in sich zusammen, aber es dampft unter dem Stroh, bis plötzlich die Flamme wieder ausbricht und au allen Enden zündet. Zumal heutzutage, wo die Verkehrsadern unter den Völkern der Erde elektrisch Pnlsiren und Nauru und Zeit ans ein geringes Maß beschränken, da ist der Umlauf der Wirknngerr und Einflüsse von Land zu Land, von Erdtheil zu Erdtheil auch ein urrgleich schnellerer. Und wann hätte es bei den urtheilslosen Massen an Zündstoff gefehlt, da, wo Aberglaube und Unwissenheit nicht selten künstlich gezüchtet werden, dazu die Brandreden feindseliger Agerrten, die mit wüsten Worten die Gemüther des Volkes in die höchste Sparrnung versetzen, die danrr in tosendem Donner urrd verheerenden Blitzschlägen austoben. Solche alte schwere Sünden der Völker erheben zuweilen aus de:: Tiefen der Geschichte ihr Gorgonenhanpt und werden verderbenbringend für Diejenigen, die sie heraufbeschworen. Das sehen nur jetzt in China, wo die Volkswuth sich in so blutdürstiger Weise gegen die fremden Elemente wendet. Es ist der Kreuzzug der Chinesen ins Buddhistische übersetzt, eine neue blutige Auflage des Ftagellantenthums und der Geißelbrüderschaft in Gestalt der mordenden und brennenden chinesischen Boxerhorden; die Mandarinen sind die Hetzapostel, und der Kaiser und die Kaiserin von China machen böse Miene zum guten Spiel. Der ganze mittelalterliche Moloch der europäischen Kulturländer mit allen seinen Trabanten ititb Priestern ist in alter Herrlichkeit im Reich der Mitte auferstanden, er fordert seine Opfer und es entrinnt ihm keines. In ben gegenwärtigen Christenverfolgnngen begann die wüste Hetze der Chinesen genau mit denselben albernen Beschuldigungen, die im Mittelalter nnb ebenso in der Gegenwart gegen Juden erhoben werden. Die Chinese:: zünden die Missionsstationen an, morden und plündern unter den: Vorwände, daß die Christen die Brunne:: vergiften, die Chinesenkinder abschlachten um ihr Blut zu trinke:: und zu wilden Ceremonien verwenden. Hier hält die Weltgeschichte den civilisirten Staate:: Europas einen Spiegel vor Augen, in welchem sie ihre schwere Schuld erkennen können, wie wenig man in den Hetzereien gegen Juden und Judenthun: unter den gleichen blödsinnigen Vorwänden eine Weltgefahr erkannt hat, als welche sie schon seit Jahrhunderten leicht zu erkennen war, vor der man aber unter allerlei diplonmtischen Sophismen die Augen geschlossen. Gelegentlich seiner Betrachtung über die Religion sagt Schopenhauer: „Die europäischen Regierungen verbieten jeden Angriff auf die Landesreligion. Sie selbst aber schicken Missionarien in brahmanische und buddhistische Länder, welche die dortigen Religionen eifrig und von Grund aus angreifen, nur ihrer importirten Platz zu machen. Und dann schreien sie Zeter, wenn eininal ein chinesischer Kaiser oder Großmandarin von Tunkin solchen Leuten die Köpfe abschlägt." Die Sache liegt aber tiefer. Durch ganz Europa geht jetzt, wie auch früher schon öfter, gelegentlich der blutiger: Christenverfolgungen in China ein Schrei des Entsetzens und der tiefsten Entrüstung über den mordgierigen Frerndenhaß der Chinesen, während hier bei uns in Europa, nicht nur in halbcivilisirten Ländern, wie in Rumänien und