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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-07-06 · Heft 27 (6.7.1900) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 27 (6.7.1900)
Date
1900-07-06
Page
Seite 316 (sequence 6)
Language
German
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316 Bezirksregieruncren die Gewährung von Staatsbeihilfen verweigerten, auch dann, wenn die Schulverbände 300. bis 350 Prozent Schulsteuer bezahlen mußten, während bei christlichen Schulgemeinden dank der staatlichen Beihilfen nur 70 bis 75 Prozent erhoben zu werden brauchen. Der zweite Theil der Nachricht bezieht sich auf den unseren Lesern hinlänglich bekannten Ministerialerlaß, beffen segensreiche Wirkungen immer deutlicher hervortreten. fr Auch in einer der letzten Sitzungendes bairischen Landtags wirrde der Posten „Israelitischer Kultus" wieder besprochen. Es handelte sich um die schon erwähllte Petition israelitischer Religionslehrer wegen Zuschllsses aus Staatsmitteln. Abgeordneter Wagner unterstützte die Petition. Einen Rechtsanspruch auf eine solche Zulage, meinte er, haben die Petenten ja nicht, allein man gebe auch für die Katholiken und Protestanten Zuschüsse, zu denen man eigentlich nicht verpflichtet ist. Die israelitischen Religionslehrer auf dem Lande sind wirklich vielfach in ganz schlechter Lage, und es muß etwas für sie geschehen, besonders für die Invaliden. Der Redner bat den Minister, der Petition wohlwollend entgegenzukommen, Abgeordneter Dr. Gäch sagt: Er glaube, daß die Juden auch von seiner Seite einige Worte werth seien. Die Juden find wirklich bescheiden, denn sie verlangen blos 14 000 Mark Zuschuß. Ich würde das auch den anderen beiden Konfessionen zur Nachahmung empfehlen. (Zuruf rechts: Schwach.) Uebrigens sind die Juden intelligente und reiche Leute, sie könnten also auf diese 14000 Mark verzichten und sich auf eigene Fuße stellen; dann würden sie mit gutem Beispiel vorangehen bezüglich der Trennung von Kirche und Staat, und wenn die anderen Konfessionen das nachmachen würden, so würde das Dr. Daller'sche Ideal sich verwirklichen, daß parlamentarisch über kirchliche Einrichtungen nicht mehr verhandelt zu werden brauchte, worüber Niemand froher wäre als ich. Die Anträge des Finanzausschusses wurden genehmigt. Es steht also den: Verein israelitischer Religionslehrer in Baiern eine Subvention in Aussicht. fr Die r umäuische Regierung sucht nun, da es nicht anders geht, den Spieß umzukehren. Sie macht gute Miene zum böfeu Spiel und thut so, als ob sie die Juden durchaus los werden wollte. Denn daß die Machthaber in Bukarest endlich eingesehell hatten, die Drangsalirungen, denen die auswallderllden Judeil von der Polizei ausgesetzt waren, seien von keinem Standpunkte aus zu rechtfertigen, und sich zu vernünftigeren Maßnahmen tu dieser Allgelegenheit entschlossen hätten, ist kaum anzultehnten. Es wird nämlich gemeldet, daß der Ministerrath beschlossen habe, den armen auswandernden Israeliten Freifahrt ans den Staatsschiffen bis Rotterdam oder freie Bahnfahrt bis zur, Landesgrenze zu bewilligen. Außerdem lvird gemeldet, daß die Negierung 120 jüdischen Familien, die mit Auswandererpässen versehen sind, freie Fahrt bis zum Grenzdorfe Predeal gewährte. Das Ziel der Auswanderer ist Kanada. Alle diese Nachrichten sind bis jetzt nicht widerrufen lvorden; sie dürften also wahr sein, obwohl sie aus Bukarest stammen. Jndeß ändert dies alles an den Thatsachen wenig. Die rumänische Judenfrage drängt ihrer endgiltigen Lösnng zu, und vielleicht ist dieser jetzige Exodus der Anfang einer befriedigenden Lösung. Das offiziöse Dementi, das die Agence Roulnaine soeben verbreitet, spricht dafür. Es ist der Ausdruck der Verlegenheit, in dem sich die leitenden Kreise in Bukarest befinden. Das Telegramm lautet: „Die Blätter erklären kategorisch die Behauptungen ausländischer Zeitungen voll Verfolgungen der Israeliten in Rum ä n i e n für u n b e g r ü n d e t. Es sei weder ein Fall von Verfolgung noch schlechter Behandlung von Israeliten zu verzeichnen, noch sei irgend eine derartige Klage vorgebracht worden. Die Behörden verlangten von israelitischen Auswanderern, deren Zahl übrigens llicht so groß sei, niemals irgend ein Schriftstück, in welchem sie sich als Vagabunden erklären. Das Verlangen, den Besitz einer gewissen bescheidenen Summe Geldes nachzuweisen, sei nur in ihrem eigenen Interesse gestellt worden, damit sie die Reise bis zum Bestimmungsorte fortsetzen könnten. Die rumänischen Behörden seien sogar gelleigt, den Auswanderern freie Fahrt auf den staatliche«! Schiffer: bis nach Rotterdam anzubieten." Im Uebrigert wird man gut daratr thun, allen offiziösen Nachrichten aus Bukarest über die Judenfrage das tiefste Mißtrauen entgegenzubringen. Das Weltgericht. Vo» Dr. Ludwig Pick, Berlin-Schöneberg. J-pitt alter Talmudweiser sah einst einen Schädel auf dem B) Wasser schwimme»». Von diesem traurigen Wellenspiel gefesselt, rief er tief ergriffenen Genrüthes aus: „Wet du ertränkt hast, hat inan dich ertränkt und am Ende werden die ertränkt werden, die dich ertränkt haben." Die apodiktische Gewißheit dieses Urtheils vo»» einem Weisen angesichts der Reste eines zerstörten Menschenlebens, das an seinern Geschicke vielleicht schuldlos ist, muß verblüffend wirken. Und doch ist der Spruch eines Weisen »vürdig, »veil er wohlerwogen aus dem vollen Leben gegriffen ist. Der Weise stand am Meere. Der Anblick des Wassers, und wenn es auch nur der eines fließenden Bächleins wäre, erregt im Geinüthe des Beschauers eine geheimnißvolle Stimmung. Die Wellen kommen und gehen und stehen nicht still; sie kommen aus unbekannter Ferne und fließen in unbekannte Fernen hin. Und ist es gar das unabsehbare schimmernde Meer mit seinen unergründlichen, geheimnißvollen Tresen, vor dem wir betrachtend stehen, dann glauben wir uns an die Urquellen der Natur versetzt. Träumenden Sinnes hasten wir an diesem Anblick, »vir träumen den Weltgedanken der unermeßlichen Schöpfung, u»»d in das ungeheure All versunken und mit ihin venvebt, löst sich uns jedes Gefühl und jede Einzelerscheinung in die große Allgemeinheit des Universuins auf. Der Weise erblickt den Leichnanr eines Menschen, »vie er im Meere dahintreibt, und er sieht den traurigen Einzelsall unter dem allgemeinen Gesichtspunkt der Schicksale des Menschengeschlechts an, die »vir die Weltgeschichte nennen. Die Weltgeschichte, so »veit »vir unter derselben die Menschen und Völker in ihrem Ringen und Kämpfen, in ihrem Blühen und Welken, in ihre»» Leben und Sterben begreifen, bietet uns heute überreichen Stoff zu Betrachtungen über ihren von Schiller proklamirteil Beruf als Weltgericht. Jedes Volk wie jeder Mensch ist mehr oder rveniger direkt oder indirekt ein Angreifer und ein Angegriffener zugleich, und das ist der Kampf ums Dasein, der sich in der Weltgeschichte als Weltgericht abspielt. Wie dünkelhaft stolz klingt doch die Bezeichnung Weltgeschichte für das traurige Menschengedränge, das sich i»n Sturm und Drang der Existenzkämpfe entfaltet. Wenn das allein die Weltgeschichte sein svllte, was sich auf der »norschen, schwanken Bühne des Lebens oft unter grauenerregenden, sturmbelvegten Szenen abivickelt, dann »väre die Welt auch nach Leibniz nicht die beste unter allen möglichen Welten. Der Philosoph

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