Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 315 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228393--56602-3292920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
315 Das Betrübendste aber sei die Verblendung. welcher sogar der ehrliche fteiuc Mattll verfallen sei, als ob es sein Recht sei, der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen durch offene Empörung, wenn er glaube, daß die Untersuchungsbehörden einen vermeintlich Unrichtigen zur Verantwortung ziehen, oder daß die Behörden ihre Pflicht nicht thuu wollten, sondern ein Interesse daran hätten, die Wahrheit zu verschleiern. um nur nicht einen jüdischen Ritualmord aufzudecken. Wenn hier tatsächlich das aus Aberglauben vollbrachte Verbrechen einzelner Fanatiker vorliegt — und das halte ich für durchaus möglich, während ich einen Ritualmord seitens der jüdischen Kuttusgemeinde selbstverständlich als ausgeschlossen betrachte —, so werden vielleicht Diejenigen die Schuld an der Ergebnißlosigkeit der Untersuchung tragen, welche durch immer neue, größtentheils völlig haltlose Gerüchte und Ausstreuungen die Untersuchnngsbehörden immer wieder zu einer Fährte zurückzukehren nöthigteu. welche die Beamten auf Grund eingehender Ermittelungen nicht für die richtige hielten. Vielleicht ist gerade dadurch die richtige Spur verwischt worden. Der Herr Redner zeigte auch im Laufe der Erörterungen, wie Unrecht hier die Volks stimme habe, die auf Kueipengespräche Unwissender oder böswilliger Schwätzer zurückzusühren sei, wie jedes Gespräch, jede angebliche Wahrnehmung aufgebauscht, entstellt und schließlich von dem Urheber selbst geglaubt werde. Das habe sich zum Beispiel gezeigt in dein Falle der Frau Rieliuger, die den jungen Lewy ohne Kopfbedeckung am Morgen nach dem Mordtage in der Rähmestraße und sogar an der Spüle des Mönchsees in auffälliger Haltung gesehen haben wollte. Die einzige Zeugin, auf die sie sich berufen konnte, hat aber gerade damals im Wochenbett gelegen und mit Frau Rielinger jene Wahrnehnnlng nicht machen können. Aehnlich sei es gegangen mit der Bekundung des Bahnhofsvorstehers in Czersk hinsichtlich eines Schächters, den er vierter Klasse habe nach Könitz fahren sehen am Mordtage. Der Zeuge hat seine Aussage nicht aufrecht halten können, er habe bei dem in Frage kommenden Zuge selbst nicht einmal Dienst gehabt. Die Bemühungen der Behörden feien jeder Andeutung, jeder Spur so weit uachgegangen, bis die Haltlosigkeit solcher sensationell ausgebauschten Nachrichten klar gelegell habe. Damit sei viel Zeit ulld Arbeit in Anspruch genomulen worden. So sei aber auch der Verdacht gegen beu Fleischermeister Lewy unb seine S ohne unzweideutig als falsch er w i es eil worden. In der Synagoge und den zu ihr gehörigell Baulichkeiten sei jeder Ziegelstein abgeklopst, jeder Winkel des Oefteren sorgfältig durchsllcht worden, etlvas Ullerhörtes für ein der Anbetung Gottes gelvidmetes Gebäude! Der Herr Landrath bat die Anwesenden, ihrerseits durch derartige wahrheitsgemäße Mittheilungen an die Blätter ihrer eigenen Parteirichtuug der Sens a tioilspresse elltgegenzuwirkeu und so zur allmäligen Beruhigung der Gemüther beizutragen. Wenil das nicht geschähe, so mürben wir auf längere Zeit nicht nur die Kosten für die Unterhaltung des Militärs zu irageil haben, sondern bei jedem neueil Krawall, der zu fürchten sei. würde durch Verhällgung des Belagerungszustandes das Ullglück für unsere Bürgerschaft und für weitere Kreise unübersehbar werden. Er habe zum Pfingstsonntage die Zurückilahnle der damaligen Kompagliie erbeten und erreicht, sei aber in seinem Vertrauen zu der Besolluenheit der Bürgerschaft bitter getäuscht worden durch die Brandstiftung vom 7. und den Krawall vom 10. Juni, rvobei den ihre Pflicht erfüllenden Beamten und so auch ihm selber die Steille links imb rechts um den Kopf geflogen seien. Hieran möchten zwar auswärtige rohe Burschen mitschllldig seill, aber die Hauptschuld trügen doch die Konitzer Bürger selbst, die ihre Lehrlinge und Gesellen nicht einzuhalten verstanden, ja selbst wohl Anfangs Freude an ben gesetzwidrigen Ausschreitungen des Pöbels gefulldell und offen gezeigt hätten. Aufklärend und berllhigeud zll wirken, sei hier die Pflicht aller besonueren Elemente. Mit der immer wiederholten Bitte darum schloß der Herr Landrath diese Ausführungen, zu denen ihm die hier und da recht erregten Entgegnungen Veranlassung botell." £ Den Schluß der Erörterungen, bei denen das Verhalten der Antisemiten sich charakterisirte durch Wüllsche auf Aufschiebung jeder Erklärung, bis der Fleischermeister Hoffmanu vollständig außer Zusammenhang mit der Mordsache erklärt sein werde, bildeten 1. eine Petition an den Justizminister, durch Darstellungen der zuständigen Behörden die Gemüther beruhigen und die Lügen klarstellen zu lassen; 2. einen Aufruf seitens der Versammelten zu veröffentlichen, um auch dadurch zur Beruhigung des Volkes beizutragen. Sehr interessant ist nun das Verhalten der Antisemiten zu dieser Versammlung und ihren. Beschlüssen. Schon Tags darauf erklärte ihr Führer: „Diesen „Anregungen", die von jüdischer Seite ergangen sind, wird die Konitzer Bürgerschaft nicht folgen. Wir bitten die christlichdeutschen Bewohner von Könitz, sich burcft diese Anregungen nicht beeinflussen zu lassen. Die Inden haben schweres Unglück über Könitz gebracht. Christlich-deutsche Bürger, beantwortet dies damit, daß Ihr Euch dem Losungswort aller wirklich deutschen Männer und Frauen anschließt und es befolgt: „Kauft nicht bei den Inden! Kauft bei Euren christlich-deutschen Mitbürgern!" Wen solche Aeußerungen nicht über die Ziele des Antisemitismus aufklären, dem ist nicht mehr zu helfen. Bon Interesse dürste übrigens auch die Mittheilung der „Deutschsozialen Blätter" sein, „ein Parlamentarier" habe den Minister des Innern darüber aufgeklärt, daß alle christlichen Gesellschaftsklassen in Könitz und Umgegend von einem „Ritualmord" fest überzeugt seien. Herr Liebermann v. Sonnenberg — er ist wahrscheinlich dieser „Parlamentarier" — hat aber nicht mitgetheilt, was der Minister ihm aus diese „SluffUuuug" erwidert hat. 4 Unter der Ueberschrift „Christliche Gedanken zu den Konitzer Vorfällen" bringt die „Christliche Welt" einen Aufsatz des Theologieprofessors Lic. Dr. Jnlicher, worin es mit Bezug auf die Haltung der konservativen Presse in der Konitzer Angelegenheit heißt: „Als das Schmerzlichste bei dieser Sache erscheint mir die Erfahrung, daß die christliche Presse so überaus wenig Verstandniß für die solchen Erscheinungen gegenüber des Christenthums würdige Haltung zeigt. Ich habe dabei nicht die antisemitische Hetzpresse im Auge, von der Niemand viel Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit erwartet. Aber in der Presse, die es liebt, sich als die berufene Vertretung echt kirchlicher Gesinnung bei uns zll betrachten, offenbart sich von den großen konservativen Zeitlmgen der Hauptstadt an, die „positiven" Kirchenzeitungen llicht ausgeschlossen, bis herab zu den bescheidenen Provinzialblättchen eine merkwürdige Ei n m ü th igkeit in der Sympathie für die Stimmungen des lv eftpreußischen Pöbels . . . . Wemr die Männer, die das Volk in christlichem Geiste führen wollen, es indirekt in seinen wilden Instinkten, die niemals der Sache nützen, lvohl aber ihm selber schwer schaden, durch Entschllldigung itub Rechtfertigung bestärken, was kann dann vonl Volk erwartet werden? Breite Kreise der Kirche — denn leider stehen hinter der konservativen Presse noch gewichtigere Potenzen — im Bunde mit Unwissenheit und Leidenschaft, wo doch gerade im Kampfe mit dein Judenthum das Christellthum durch reinere Erkemltniß und Unbefangenheit des geschichtlichen Urtheils, durch ben ernsten Willen und die Kraft, die Masse zll erziehen, seinen Vorrang beweisell sollte! Volksthümlich und modern illag heute solch eine Ja-Nein-Verleumduug in Sacherl des Bluiaberglaubers sein, chr i stl i ch darf sie llienlals heißen." * Politische Zeitungen veröffentlichen übereinstimmend d»e folgende Mittheilung: Durch allerhöchste K a b i nets o rd re ist der israelitischen Schulgemeinde zu Wüstensachseli. Kreis Gersfeld. Regierungsbezirk Kassel zum Bau eines neuen Schulhauses der Betrag von 7500 Mark bewilligt worden. Auch in anderer Weise zeigt das Kultlisministerinul den israelitischen Volksschulen gegenüber ein hoch anzuerkeunendes Wohlwollen. So hat dasselbe erst vor Kurzem einer Schulgemeinde in der Provinz Hannover, Papellburg, zur Bestreitung der durch das Lehrerb esoldungsgesetz vom 3. März 1897 erheblich gesteigerten Schullasten einen widerruflichen Staatsznschnß belvittigt. Der betreffende Ministerialerlaß ist insofern voll prinzipieller Bedeutung, als eiu^elue