Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1900)
- Date
- 1900-07-06
- Page
- Seite 314 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I14 die Gouverneure der einzelnen Provinzen sich zu diesen Bestimmungen äußern. Der Gouverneur von Pahlen erklärt, daß das Verbot, welches den jüdischen Kaufleuten den Aufenthalt in Riga untersagt, zum Nachtheil der dortigen Kaufmannschaft dienen würde. Der Gouverneur des Kaukasus spricht sich dahin aus, daß die Ausweisung jüdischer Handwerker für jenes Gebiet sehr nachtheilig werden würde. Dasselbe erklärt der Gouverneur von Kiew in Bezug auf die jüdischen Schmiede, und der General Kisseleff in Betreff der jüdischen Fuhrleute. Ebenso lauten die Mittheilungen über die Juden, welche man in den Ackerbaukolonien des Westens angesiedelt hat, durchaus günstig. Einzelne haben in kurzer Zeit einen erfreulichen Aufschwung genommen. „Viele Juden sind fleißige Landwirthe geworden," berichtet der Minister der Reichsdomänen 1854. Auch auf die Radikalform, die hinsichtlich der öffentlich rechtlichen Stellung der Juden in Westellropa eingetreten, wird Bezug und Rücksicht genommen. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der mächtige Einfluß der Aufklärung, der auch in den religiösen Anschauungen der Juden eine Reform hervorgerufen hat, unter den russischen Juden, die eine höhere Bildung genossen Haben, bereits zu Tage getreten sei. Es war dies unter der Regierung Alexanders II., deren Programm vorn 25. Februar 1860 sich die „sittliche Ausbildung und Verschmelzung der Juden mit der Stammbevölkerung des Reiches zum Ziel gesetzt hatte". Man ftcnmt, wenn man die Ukase, Gutachten und Erlasse aus jener Zeit liest. Sie gehen alle lediglich auf die Verbreitung sittlicher und geistiger Bildung unter den Juden und auf die allmälige Aufhebung der Beschränkungen aus, die ihre Annäherung an das russische Volk verhindern. Dabei steht die Umgestaltung der jüdischen Schule immer im Vordergründe. Das letzte Gutachten datirt aus dem Jahre 1865. Es ist das Gutachten einer Kommission über die jüdischen Schulen, und nach einer eingehenden Disj kussion vereinigen sich sämmtliche Mitglieder auf folgendes | Programm: „Die Kommission hält eine Annäherung zwischen j der jüdischen und christlichen Bevölkerung in den breiten Massen j für wünschenswerth. Zur Erreichung dieses Zieles hält sie! eine Aufhebung der gegenwärtig bestehenden, einer Annäherung hinderlichen Beschränkungen zu Gunsten Derjenigen für nützlich, die eine jüdische Elementarschule absolvirt haben." Die inneren Kämpfe, die sich immer mehr ausbreiteten, nihilistische Tendenzen, der Aufstand in Polen und Schwierigkeiten der auswärtigen Politik verhinderten die Durchführung dieses Programms, das sich die humane Regierung Alexanders II. gestellt hatte. Nach dem Tode dieses Kaisers, 1881, fand man bekanntlich unter seinen Papieren den von Loris-Melikow verfaßten Entwurf für eine gründliche Umgestaltung der Judengesetzgebung in Rußland. Aber dieser Entwurf gelangte nicht mtt nicht zur Ausführung, sondern es begann eine neue Politik, die nicht auf Assimilirung, Hebung des Bildungsniveaus und Verbesserung i der materiellen Lage der Juden, sondern auf deren vollständige j Unterdrückung ausging. | Es ist interessant, daß die wichtigsten Urkunden und Zeug-! nisse des vorliegenden Buches von Geistlichen herrühren, und! zwar von den höchsten Würdenträgern der orthodoxen Kirche. j Mit Genugthuung dürfen die Juden in Rußland auf diese | Zeugnisse hoher Würdenträger Hinweisen. Der Metropolit von! Moskau nennt sie 1881 von der Kanzel herab Russen, Mit- > bürger, Söhne desselben Vaters und Landsleute. Der Metroi polit von Cherson sagt, daß die Russen, die die Juden ver-! folgen, ärger wie die Heiden seien. Dieselben Anschauungen sprechen alle übrigen Erzbischöfe und Metropoliten des weiten Reiches aus. Es wäre zu wünschen, daß diese Lehren besser in das allgemeine Volksbewußtsein eingedrungen wären, als dies leider tatsächlich geschehen ist. - . * Der sicherste Gradmesser für die Anschauungen eines Volkes über die Juden ist die Litteratur und die Presse. Die Urtheile der russischen Schriftsteller und Journalisten über die Judenfrage an sich, über die Bedeutung der Juden für Handel, Gewerbe und Handwerk und die Notwendigkeit, sie aus ihrem Rayon zu befreien und im ganzen Reiche anzusiedeln, sind von höchstem Interesse und bilden vielleicht den werthvollsten Theil des Buches, das mit drei merkwürdigen öffentlichen Kundgebungen abschließt. Die eine derselben ist ein Protest russischer Schriftsteller gegen die Verleumdungen eines jüdischen Kollegen. In diesem Protest finden wir Namen wie Aksakow, Katkow, Korsch, Krylow, Nekrassow, Turgenjew u. A. Die beiden anderen Dokumente sind Gesuche der Petersburger und Moskauer Kaufmannschaft, als der Vertreter des nationalen Handels in Rußland, mit der Bitte, die Beschränkungen gegen die Juden fallen zu lassen; sie wünschen, daß die allgemeinen Interessen des russischen Handels mit den Plänen der Regierung in Bezug auf die Juden in Einklang gebracht werden uröchten. Der gesammte russische Handel aber, so erklärt die Moskauer Kaufmannschaft, leidet empfindlichen Schaden durch die Bedrückung der Juden. Nicht nur in Rußland, sondern auch in Deutschland, ja in der ganzen gebildeten Welt wird inan die Dokumente und Zeugnisse dieses Buches mit Interesse lesen. Ob auch mit Nutzen, ist freilich eine andere Frage. Aber dies darf wohl zum Schluß gesagt werden: Wenn man die Urtheile und Erlässe deutscher Intelligenz und deutscher Staatsmänner oder Geistlicher während eines Jahrhunderts sammeln wollte, so würde man tu einer solchen Zusammenhaltung kaum das Wohlwollen, die Theilnahme und das warme Interesse für die Juden finden, die in dem Werke über die Juden in Rußland, die Parias des Zarenreiches, uns so wohlthuend berühren. B e r l i n , den Z. Juli. Zu der Könitz er Mords ach e liegen bezüglich der Untersuchung keine Meldmrgen von Belang vor. Interessant sind nur die Meldungen über die Rede, die der Landrath des Kreises, Herr v. Zedlitz, in einer Bürgerversammlung am 27. v. Mts. gehalten hat. Diese höchst bemerkenswerthen Ausführungen lauteten nach der „Danziger Zeitung" und nach der ergänzenden Berichtigung des Redners selbst folgendermaßen. „Herr Landrath Freiherr v. Zedlitz zeigte, wie sehr die wirthschastlichen Verhältnisse von Könitz bereits darniederlägen, welchen Einfluß die Kaltstellung der blühenden jüdischen Geschäfte auf die Erhöhung der Abgaben im folgenden Jahre bereits haben werde, wie die Kosten für die auf unabsehbare Zeit nothwendige Stationirung von Militär den Abgabendruck in ungeahnter Weise verstärken würden, wie die Aufhebung der Jahrmärkte auch die Kreiseingesessenen im weiteren Umkreise der Stadt mitbetroffen habe, da der kleine Landmann bei dem Futtermangel nicht einmal Gelegenheit finde, sein Vieh zu verkaufen. Der Herr Redner zeigte auch, wie das gesellschaftliche Leben in unserer Stadt durch die Verhetzung während der lefcteu Monate gelitten, wie diese jede Gemüthlichkeit, jedes Vertrauen untergraben habe.