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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-29 · Heft 26 (29.6.1900) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Mit einem warmen Appell an die noch Fernstehenden, diesen Verein, der in seinem Wirken ein Stück segensreicher sozialer und humanitärer Arbeit darstellt, thatkrästig zu unterstützen, schließt der Bericht. 6. München, 24. Juni. Die Beerdigung des verewigten Herrn Kommerzienraths und Magistratsraths L o u i s R ei ch e n b e r g e r, über dessen Wirksanikeit Ihr Blatt bereits in voriger Nummer berichtete, legte nicht blos Zeugniß ab von dem Geiste des Entschlafenen, sondern auch von der Gesinnung der Lebenden. Um wahrzunehmen, welches Verhältniß hier in München zwischen verschiedenen Konfessionen obwaltet, brauchte man nur all die Vertreter von Behörden und Vereinen am Grabe Reichenbergers gehört zn haben. — Zuerst hielt Herr- Rabbiner Dr. Werner die Grabrede. Von Schmerz sind wir erfüllt, so führte er aus, da ivir so früh an der Bahre eines der glücklichsten Menschen stehn, eines Mannes, der erreicht hat, was er erreichen konnte und wollte. Voller Verehrung feiern wir ihn, der im Familien- und nu öffentlichen Leben so viel gewirkt hat, der durch sein geistiges Wunen und sein ernstes Wollen auf vielen Gebieten großes und auf allen diesen Gebieten tüchtig wie ein Spezialist war, der durch seine jefte Ueberzeugungstreue und seine wohlwollende Liebenswürdigkeit die 2iebe Vieler, die Achtung Aller errang. Der Redner schloß mit den Worten der Mahnung, das Andenken des Mannes, dessen Namen als der eines der besten Bürger Münchens im goldenen Buche unserer Stadt verzeichnet sein wird, dadurch festzuhalten, daß wir wie er das Wohl der Allgemeinheit fördern und den Geist der Duldsamkeit pflegen. Rach der Rede bewegte sich der Tranerzug zum Grabe. Dort feierte Kommerzienrath Weidert im Namen der Handels- und Gewerbekammer für Oberbaiern den Verewigten als das Vorbild eines ebenso begabten .nie pflichttreuen Mitarbeiters. Rektor Dr. Ritz gedachte der Verdienste, die sich der Verstorbene uni die Handelsschule erworben. Schulinspektor Nudelsberger rühmte ihn als den hingebenden Förderer der Simultanschnle. Iustizrath Kraussold als Vorstand des liberalen Vereins Frei-München pries den unentwegten Vorkämpfer der liberalen Prinzipiell als einen echt deutschen Mann. Gemeiudebevollmächtigter Schön widmete Namens des Vereins liberaler Wähler dem treuen Mitarbeiter innige Dankesworte. Im Namen des israelitischen Frauenoereins endlich feierte Rechtsamoalt Ofner den Vereivigten, der auch eine Zeit lang in der israelitischen Kultusverwaltung thätig gewesen, als einen Mann, der sich bei seiner großen Thätigkeit auch das Herz für die Armen bewahrt hatte und die Interessen des Frauenvereins stets förderte. Alle ohne Unterschied der Konfession verließen den Friedhof in dem Gefühl, einen der Trefflichsten verloren zu haben, die Israeliten in dem Bewußtsein, einen ihrer würdigsten Vertreter der Erde übergeben zu haben. A. München, 15. Znni. Am 9. d. M. hat sich hier ein „Verein - ü bischer Studenten" begründet. Derselbe bezweckt die Weckung und Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins durch möglichst allgemeinen Zusammenschluß der jüdischen Studenten, durch Verbreitung i)er Kenntnisse in der jüdischen Geschichte und Litteratnr, durch rege llntheiluahme am jüdischen Leben sowie durch Pflege körperlicher Uebungen. Au den ivöcheutlich einmal stattfindeuden Vortragsabenden ivechseln Vorträge aus dem Gebiet jüdischer Geschichte und litteratnr, über die soziale, rechtliche und politische Lage der Juden, über aktuelle Tagesfragen miteinander ab. An den Vortrag schließt sich regelmäßig eine Diskussion. Dem wissenschaftlichen Theil des ilbends folgt eine Kneipe. Ferner werden Turnrespektive Fechtstundeu für die Mitglieder eingerichtet werden. Am 31. Mai fand die Antrittskneipe des Vereins statt, die ziemlich zahlreich besucht war. Unter den erschienenen Herren fanden sich die Rabbiner Dr. Werner. Dr. Ehrentreu und Dr. Finkelscherer. Nach der Begrüßung der Gäste legte der Präsident cand. med. Julius Citron in zündender Rede die Lendenzen des Vereins dar. Von den Gästen sprachen Dr. Werner, Dr. Ehrentreu sowie Herr Siegmund Fränkel. Von der Wiener jüdischen akademischen Verbindung Unitas waren drei Herren zur 'lntrittskneipe erschienen, welche die Grüße ihrer Verbindung überbrachten. Neben vielen Briefen waren auch Glückwunsch- Lelegramme eingelausen, unter Anderem auch von den Vereinen jüdischer Studenten in Berlin, Breslau und Leipzig, welche die gleichen Tendenzen verfolgen wie der „Verein jüdischer Studenten" zu München. Oesterreich - Ungar«. □ Wien, 25. Juni. Vor einigen Tagen war aus Paris die Meldung hierher gelangt, daß eine Deputation des eben dort weilenden Wiener Männergesangvereins am Grabe Heinrich Heines, des Dichters zahlloser, von deutschen Männergesangvereinen in ihr Progranun ausgenommener und häufig gesungener Lieder, in pietätvoller Weise einen Kranz niedergelegt habe. Dies gab dem antisemitischen Stadtrath in seiner letzten Sitzung Veranlassung zu folgendem denkwürdigen Beschluß: „Alle anwesenden Mitglieder des Wiener Stadtrathes sprechen hiermit ihr tiefstes Bedauern darüber aus, daß der Wiener Männergesaugvereiu. wie ans Zeitungsnachrichten hervorgeht, seinen Aufenthalt in Paris dazu benutzt hat, um am Grabe des jüdischen Dichters Heinrich Heine, dem bisher jede deutsche Stadt die Ehre eines Denkmals entschieden verweigert hat, eine Ehrung zu veranstalten; sie erklären, daß in dieser Handlung des Wiener Männergesaugvereins keinesioegs der Ausdruck der Gesinnung der Wiener Bevölkerung erblickt werden darf." Es ist jedoch sehr fraglich, ob Viele von Denen, die diese Resolution unterschrieben, auch wissen, wer Heine eigentlich war, allein die Aufregung war unnöthig, da sich einer heutigen direkten Mittheilung zufolge die Sache mit dem Kranze nicht bestätigt. — Vor einem Erkenntnißsenat unter Vorsitz des Vizepräsidenten Hofrathes R. v. Holzinger hatte sich der verantwortliche Redakteur der „Ostdeutschen Rundschau", Eduard G e r st g r a s s e r, wegen Vergehens nach Artikel 8 des Preßgesetzes zn verantworten, weil am ersten Prozeßtage gegen Leopold Hilsuer in dem geuannten Blatte ein Artikel erschien, in ivelchem die Beweise gegen den Angeklagten besprochen, die Einzelheiten der That erörtert und der Ausgang des Prozesses vorausgesagt wurden. Die Staatsanwaltschaft erblickte hierin eine Beeinflussung der öffentlichen Meinung und des Urtheils der Richter. Der Vertreter der Anklage. Staatsanwalt Dr. Bobies, führte ans, daß der ganze Artikel so angelegt war, daß das Lesepublikum geradezu zur Annahme gedrängt werde, es liege ein Mord zu rituellen Zwecken vor. Der Staatsanwalt betonte, es sei ihm bekannt, daß ähnliche Artikel zur kritischen Zeit in vielen anderen Blättern erschienen. Wenn diese Artikel nicht konfiszirt wurden, so habe jede Staatsanwaltschaft das mit sich selbst abzuniachen. Die Wiener Staatsanwaltschaft halte es jedoch für ihre Pflicht, alle diese Fälle der Judicatur des Gerichtes zu unterbreiten. Der Vertheidiger Dr. v. Berger plaidirte ans mildernde Nmstände. Der Gerichtshof fand den Angeklagten schuldig und verurtheilte ihn zu zweihundert Kronen Geldstrafe. — Der Kaiser hat dem Generalrathe der österreichisch-ungarischen Bank, Karl Au spitz, den Adelstand mit dem Ehrenprädikat Edler v. Artenegg verliehen. — Die Gebühren für die vom Baron Hirsch in Oesterreich errichteten Stiftungen haben dem österreichischen Fiskus die Bagatelle von zehn Millionen Kronen eingebracht, ein Betrag, der dem österreichischen Staate namentlich derzeit sehr zu statten kommt, wo infolge der parlamentarischen Obstruktion für die allernöthigsten Ausgaben im Gesetzgebnugsivege nicht vorgesorgt werden kann.- Dem „Deutschen Volksblatt" schreibt man aus Prag: „Es muß unbedingt als günstiges Zeichen für die antisemitische Sache angesehen werden, daß sogar schon ezechische Parteien, die direkt im judenliberalen Fahrwasser segeln, zum ezechischen Antisemitismus Stellung nehmen müssen. Die radikalfortschrittliche Partei (nicht zu verwechseln mit der des Dr. Bara), welche sich ihrem Programme nach am meisten den Sozialdemokraten nähert, sah sich gezwungen, in ihrer letzten Sitzung zu erklären, daß sie zivar den Antisemitismus veriverse, aber trotzdem empfehle, keine Verbindung mit Juden an zu streben, und das nationale Moment schärfer ins Auge zu fassen." Merkwürdiger Fortschritt! Rußland. L. T. Aus Rußland, im Juni. Wie die Warschauer Zeitungen berichten, hat die Gattin des verblichenen Fabrikanten Israel Posnansky in Lodz zn seinem Gedächtnisse den Betrag von 240,000 Rubel als einen ewigen Fond für folgende wohlthütige Anstalten gespendet: 200,000 Rubel für das jüdische Hospital der „Gatten Israel und Löonie Posuansky" (in diesem Hospital iverden Kranke ohne Unterschied des Glaubens ausgenommen); 24,000 Rubel zur Begründung von vier Betten in dieser Heilanstalt; 20000 Rubel für ein Heim für jüdische Mädchen; 20000 Rubel für eine jüdische Handwerkerschnle (Talmud-Thora). Die Erben des Verewigten schenkten ihrerseits 250000 Rubel als einen außerordentlichen Fonds für das Dienstpersonal und die Arbeiter „der Aktiengesellschaft der

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