Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228392--56591-3292908- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
64. Jahrgang. Nr. 26. Dev Gemeindebote. Berlin, 29. Luni 1900 'Neitage zur «ZMgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korresponderrzen und Nachrichten. Deutschland. S. Berlin, 24. Juni. Die heutige letzte Sitzung der Repräsentanten,^ der sich dieselben noch recht zahlreich eingesuuden hatten, währte nur eine halbe Stunde. Für den beurlaubten Herrn Neil selb ist Sanitätsrath Dr. Ja str ow itz zu dieser Sitzung einbernfen worden. Jll der Vorlage betreffelid die Satzungen der Kommission zur Unterstützung durchreisender Juden hat Paragraph 2 beim Gemeindevorstand Bedenken erregt, nämlich die Bestimmung, daß die Kommission für die llvthwendige Ausrüstung der Durchreisenden Sorge zu tragen habe. Der Vorstand erblickt hierin eine Verpflichtung der Kommission, die entschieden abgelehllt werden müsse. Professor Lew in wünscht den Durchreisenden das zu geben, wodurch sie sich reprasentabel rnachen können. Die verällderte Fassung, daß die Konlmissioll außerdem Mittel zu den nothwendigen Kleidungsstücken gelvähren kanrl, wird in erster und gleich darallf in zweiter Lesung nngenomlnen. Auch die Vorlage betreffend Bewilligung einer Ausgabe zur Herstellung eines Anbaues an die Leichenhalle des Friedhofs in Weißensee wurde hellte unter Dach und Fach gebracht. Die von Professor Lew in geäußerten Bedenken, daß der Obduktionsraum in der geplanten Ausführung unzweckmäßig und der Allbau eine „Flickerei" sei, wurde vonl Dezernenten des Gemeindevorstandes Herrn Netter und Herrn Leonhard Sachs zurückgewiesen. Die Abrechnung über die diesjährige Mazzothvertheilung weist eine Minderausgabe von 776,70 Mark auf. Vertheilt wurden 331 Centner. Auch bei der Speisung Gefangeiler am Pessachfeste ist eine Minderausgabe voll 59,55 Mark zu verzeichnen. 166 Personen warerl zu beköstigen. Für einen Fahrstuhl im Hause Oraniellburgerstraße 29 wird die Summe von 11000 Mark bewilligt. Damit schloß die öffentliche Sitzung, der eine geheime folgte. Die in der letzteren an Stelle des jüngst verstorbenen Sanitätsraths Dr. Lewandowski vorgenommene Neuwahl eines Aeltestenstellvertreters nahm einen eigenartigen Verlauf. Zur Wahl stand dem liberalen Kandidaten Geheimen Negierungsrath Professor Dr. Aron der von den Konservativen ausgestellte praktische Arzt Dr. med. Julius Steril gegenüber. Genau entsprechend der Präsenz bereinigten fich auf je einen Kandidaten 9 Stimmen. Jll dem statutengemäß folgenden zweiten Wahlgange lvurde das Nesnltat kein anderes. Beide Kandidaten erhielten wiederum die gleiche Anzahl von Stimmen, so daß das Loos, welches der Vorsitzende zu ziehen hat, entscheiden nlußte. Es fiel auf den konservativen Kandidaten, der übrigens in der Wahlperiode 1895 bis 1898 stellvertretendes Mitglied der Nepräsentanterlverfamnllrulg war. 8. Berlin, 22. Juni. Die Anltseinsührullg des Rabbiners Dr. Blumenthal ist für Freitag, den 6. Juli in der Neuen Synagoge in Aussicht geuommen worden. — Das Königliche Provinzialschulkellegium hat die Wahl des Seminardirigentell Dr. Guttmann aus Münster des an Stelle zur Leitung des Philarlthropin nach Frankfurt a.M. berufenen Dr. Adler per 1. Oktober bestätigt. — Für die hochherzige Zuwendung der Frau Erna Packscher im Betrage von 200000 Mark zum Ball der dritten Altersversorgungsanstalttst die laildesherrliche Genehmigung nunmehr eingetroffen. — Die Synagoge Lindenstraße wird behufs Vornahme baulicher Reparaturen vom 9. Juli ab bis auf Weiteres für den Sabbathgottesdienst geschlossen. Der Wochengottesdienst erleidet hierdurch feine Unterbrechung und findet tu den bisherigen Räumen statt. — Die dem Religiollsverein Ad aß Jeschurun bisher gewährte jährliche Subvention ist in der letzteil geheimen Sitzung der Nepräsentantenversamlulung abgelehllt worden. Aus die vorjährige Eingabe dieses Vereins war, wie erinnerlich, der Gemeindezuschuß nur aus ein halbes Jahr bewilligt worden. eb. Berlin, 26. Juni. Der Verein zur Förderung der Bodeilkultur unter den Jllden Deutschlands ist bestrebt, die ihm von der diesjährigen Generalversamnllung übertragene Aufgabe mit Energie durchznführen. Zu diesen! Zweck lvurde in einer jüngst stattgefundenen Vorstandssitzllng, all welcher theilnahmen die Herren: Oberanitnianu Cohn, Professor Philippson, Professor Marburg, Dr. Heinrich Meyer Cohn, Direktor Ehrenberg, Sieglnnud Bergel. Rosenthal-Posen und der Generalsekretär Dr. Ernst Tuch, beschlosseil, folgendes Programm aufzustellen. Die Zustimmung der einznberufenden Generalversamnllung darf mit Zllversicht vorausgesetzt lverden: 1. Als vorzugsweise zu erstrebendes Ziel erkennt der Verein die Ansiedelung von Juden in Form von Gemeinschaften an. 2. Für die Propaganda schlägt der Vorstand vor: a) Die Vereinsleitung soll mit größter Beschleuniguilg auf die Bildung von Ortsgruppen in sümmtlichen größeren Städten hinwirken. Dies hat zu geschehen durch ausgedehllte Korrespondenz mit den leitenden Persönlichkeiten in diesen Städten einerseits, durch Vorträge all Ort und Stelle anderseits. Es muß eine große Propaganda-Tournee sorgfältig ansgearbeitet und für den Winter vorbereitet werden. Man mllß sich wenden: durch Vermittlung des D. I. G. B. all die Vorsteher der Gemeinden, und in den Städten, wo sich Litteratnrvereine und Logen findell, außerdelll all die Vorsitzenden dieser Vereinigungen. Für den Vortragsabelld ist eine allgemeine jüdische Volksversaniullung einzubertlsen; llach dem Vortrag finbet Diskussion statt; b) Um das Interesse der Ortsgruppell lvach zll halten, müssen die Vorsitzenden von Zeit zll Zeit Versamnllllngen eillberusen. iit welchen über die inzwischen erfolgten Fortschritte des Vereins berichtet lvird, und in deueir Vorschläge voll Seiten der Mitglieder entgegengellommen werden. c) Es sollen in kürzeren Zwischenräumen Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften erscheinen, um das Interesse für unsere Ideen in die weitesten Kreise zu tragen. 6) Die von Herrn Dr. Papilskh begonnene Enquete über die Anzahl und Lebensbedingungen der jüdischen Landwirthe in Deutschland soll vervollkomnlnet und verarbeitet werden, überhaupt sollen die eillschlägigen Verhältnisse nach Möglichkeit erforscht werden. 6) Der Rosenthal'sche Vortrag ist in starker Auflage zll drucken llnd dlireh gütige VermittllNlg des D. I. G. B, an die Vorsteher sümmtlicher Gemeinden Deutschlands zu fenben. f) Es sind besonders junge Kräfte zur Mitarbeit an der Bereinsthätigkeit heranzuziehen. 6. Berlin, 21. Juni. Heute veranstaltetell die Theilllehmer an dem vom D. I. G. B. eingerichteten Fortbildungskursus für Kantoren eine Schlußfeier, der als Vertreter des Buudesausschusses Herr Professor Philippson beiwohnte. Jeder der Theilnehmer am Kursus trug unter Leituilg des Herrn Kantor Friedmanll ein syuagogales Gesangstück vor. Nach dem erstell dankte einer der Theilnehmer im Namen seiner Kollegen dem D. I. G. B. für die Mühe und Kosten, die dieser durch Einrichtung des Kursus gehabt habe, und sprach den Wunsch aus, daß die Kurse an Ausdehnung imlner utehr gewinllen nlöchten, und so der D. I. G. B. seine Mühen belohnt sehe. Ein anderer Theilnehmer des Kursus sprach den Lehrern, Herrn Kantor Friedmaun. der die Feier leitete, und Herrn Musikdirektor William Wolf, der durch eine Reise au der Theilnahme leider verhindert war, den Dallk aus für die Hingebung an den Unterrichtsgegenstalld und für die Opfer an Kraft und Zeit, die sie dem Kursus gewidmet haben. Der Sprecher wies besonders darauf hin, daß die Lehrer bemüht gelvesen seien, die Theilnehmer an der Hand der Singer'scheu Broschüre, „die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges" in den Geist des alter! Chasonns einzllführen, Ulld ihnen zu geigen, wie der ganze Synagogengesang sich um gewisse Tonartell gruppire. Nach einem Chorgesange nahm Prof. Philippson das Wort, um in schwungvoller Rede darzuthun, wie befriedigt der D. I. G. B. von dem Erfolge des Kursus sei. da er alte Melodien in luoderner Form habe Vorträgen hören, und so in ihnr die Hoffnung erweckt sei, daß der Gottesdienst durch seine würdigere Gestaltung der Gruildpfeiler des religiösen Lebens werden möchte. An dein Kursus habell zehn Lehrer theilgenommen, die ihre Ausbildlmg all den Seminarien zu Berlin, Münster. Köln und Würzburg genoffen haben.