Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- Seite 312 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Esther aber schaute sie mit einem Lächeln an, das sie cm|§ tiefste erschütterte. Dann aber sprach jene: „Laß mich hier, Kascha, hier ist es gar schön. Sieh, er ist ja todt, der Vater auch. Sie kommen nun Beide nicht wieder!" Dann barg Esther wieder ihr blasses, hageres Antlitz in den vor ihr liegenden Rock, und erst nach längerem Zureden folgte sie ihrer Dienerin in das untere Zimmer. Nach und nach waren ihr die Einzelheiten jenes Schreckenstages zum Bewußtsein gekommen, denn Kascha war bemüht, ihr astmälig das wieder in ihre Erinnerung znrückzubringen, was sich zngetragen. Und selbst die entsetzlichsten Thatsachen hatten es nicht pernwcht, sie zu irgend welchen heftigen Schmerzensausbrüchen zu veranlassen.- Im oberen Erkerzimmer aber trieb Esther fortan einen gar seltsamen Kultus. Ihre fieberhaft erregte Phantasie trieb gar sonderbare Blüthen. Mit Hilfe Kaschas kleidete sie die Wände dieses Zimmers mit schwarzem Tuche aus. Dann hantirte sie tagelang ganz allein in diesem Ranme, den selbst Kascha fortan nicht wieder betreten durfte. Er blieb der Mitwelt verschlossen, die sich gar seltsam klingende Märchen über jenes Gemach und das, was es bergen sollte, zurannte, und erst dem Schammes der Chebra Kadischa gestattete Esther einen Blick tu dasselbe. Er sollte erst nach vielen Jahrzehnte»» das Nüthsel gelöst sehen. Und was er geschaut, »vir haben es schon erfahren, und Esther offenbarte dem anfinerksam lauschenden Manne, was sie alljährlich an dem verhüngnißvollen Gedenktage in jenem Zimmer trieb. „Mit welch heißem Verlangen sah ich stets jenem Tage entgegen," hatte Esther zu ihm gesprochen, „denn sin heiliges Gelübde zwang mid), in diesem mir so trautem Räume nur für wenige Stunden zit »veilen. Und ivenn jener Moment herangenaht »var, da überfielen mich heilige Schauer, und bebenden Herzens schlich ich mich, gehüllt in Festgewänder nach oben. Ich zog das blütheniveiße Kleid an, setzte mir den vo»r Jahr zu Jahr »velker geivordenen Myrthenkranz aufs Haupt und verhüllte mein Gesteht mit dem Schleier. Dann stellte ich mich, im köstlichen Brantsehmucke prangend, neben die bunte Tscherkessengestalt, die in meinen Augen Leben zu geivinnen schien. Ich glailbte neben» ihm, den ich so heiß geliebt, vor dem Tranaltare zu stehen, um ihm für Zeit und Eivigkeit verbunden zu werden!"- Esther Bornheim weilt nicht mehr unter den Lebendeik. Neben den beide»» Gräbern, welche bisher das Ziel ihrer jührliche»» Wailderung gebildet, sind ihre sterbliche»» Ueberreste in die kalte Erde versenkt »vorder», nachdem man getreulich ihr sonderbaren Wünsche erfüllt hatte. Auch Kascha ist gesäsieden, sie hat den Tod ihrer Herrin n»»r »venige Tage überlebt. Das alte Haus auf den» Wilhelinsplatze aber steht noch da, es ist leer und verödet, und der letzte spärliche Rest des Lebens, das in ihm gewaltet, für iininer entschrvunden! Und »vie lange noch, so »vird a»»ch dieses Haus der Neuzeit zuin Opfer fallen. Was aber nicht schlvinden wird, das ist die Erinnerung an Diejenige, »velche es zuletzt belvohnt,-— -an die Tscherk es sei» braut! — Litterarifche Mittheilungen. — Es wird allen Freunden und Verehrern der Wissenschaft des Jndenthums eine aufrichtige Genngthnung sein, zu erfahren, daß die „Zeitschrift für hebräische Bibliographie", die Moritz Steinschneider begründet und länger als zwei Jahrzehnte hindurch fortgeführt, die dann ein junger Gelehrter, Dr. H. Br od y, übernommen, nunmehr nach kurzer Panse unter Leitung des genannten Herrn und des Herrn Dr. A. Frei mann in Frankfurt a. M. im Verlage der renonnnirten Buchhandlung von I. Kaufmann daselbst wieder erscheinen wird. Das erste Heft des vierten Jahrganges ist erschienen. Das Programm der Zeitschrift, ein Centralorgan für die gesammte Litteratnr zu schaffen, ist ein so großes und wichtiges, daß man wohl erwarten darf, es werden Alle, »velche für diese Litteratnr Sinn und Herz sich belvahrt haben, die neue Zeitschrift fördern und unterstützen. Das Bestehen eines solchen Unternehmens ist geradezu ein unumgängliches Bedürfnis; für Alle Forschungen auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthnms, und es ist deshalb eine Ehrensache aller betheiligten Faktoren, die Existenz der „Zeitschrift fürhebräische Bibliographie" zu cr»nöglichen und zu sichern. — Für einen größeren Leserkreis dürfte lebhaftes Interesse erregen die neue deutsche Nebersetznng der „Jüdischen Alterthümer des Flavins Josephns" von Dr. Heinrich Clementz (Halle. Otto He»»del 1. Bd ). Das berühmte Geschichts- »verk von Josephns ist bereits wiedevholt ins Deutsche übertragen »vorden. Nichtsdestoweniger bedarf eine neue Uebersetznng keiner besolldere»» Nechtfertignng. zumal, »venu sie eine so gute, »vortgetreile und vollständige ist »vie die vo»r Clementz. Das vorliege»»de Blich umfaßt die ersten zehn Bücher des Werkes vor» Josephns. Mit der Auffassung, die der Uebersetzer in der gut orientirenden Einleitung über den Charakter des Josephns ent»vickelt, kan»» »»»an i»n Große»» und Ganzen einverstande»» sein, nur das alte Borurtheil gegen die Pharisäer könnte »»ach den ne»»eren Forsch»»»»gen über diesen Punkt »vohl entfernt oder gemildert werden. Nichtsdestoweniger verdient die Uebersetznng gelobt und gelesen zu »verden. — Max Viola: Dr. Gntmann. Roman. Breslau, 1900. S. Schottländer. Ein warmes Herz und ein klarer Blick. Zwei große Dinge, die inan dem Verfasser nachrühmen kann und die. verbunden mit einer fesselnden, sich leicht fortspinnenden Handlung das Buch zu einer a»»ge»»ehm spannenden und dabei anregenden Lektüre »nache»». Tie stärkste Seite des Rornans besteht in der scharfen Zeichnung einer Anzahl grundverschiedener und gut beobachteter jüdischer Typen: Da sind die Bewohner des verarmten Ortes Lackenbach, arme Handelsjuden und „Dorfgeher", der reiche jüdische Gutsherr, der seinen Glauben »vechseln »vill, um den Baronstitel z»l erla»»gen, der Arzt Dr. Gut»na»»n, der treu a»n Indenthmn hä»»gt, obgleich er die äußeren Formen desselben nicht »nehr beobachtet; sein Bruder, der Dornherr, der a»»s Ueberzeugung ei»» fro»n»ner Christ gelvorden ist, und »lebe»» vielen Anderen endlich die originelle Gestalt des Awrour Eisfeldt, des z»vischen J»»denthunr und Christenth»»»»» hinu»»d herirrende»» Asketen und Grüblers. Die Tendenz des B»»ches ist in Heinrich v. Hartenstein verkörpert, den» Sohne des Millionärs, der gegen den Willen des Vaters ein treuer J»»de »vird und statt der ih»n zngedachten Aristokratin die schöne u»»d edle E»»kelin des Doktors heirathet. Ihn läßt Verfasser a»» vielen Stetten die Vertheidigung der Juden und die Erktär»»ng allgemei»» jüdischer Sch»vächen über»»eh»nen. Neben humoristischen Darstellungen fehlt es nicht an bitterer, aber wohlangebrachter Satire. Ties angelegte seelische Konflikte fi»»den »vir dagegen nicht, »vie auch die Schürzung u»»d Lösung des Knotens ziemlich leicht ge»»o»n»»»en ist. Mehr als dies th»»t dein B»»che der Stil Abbruch, der nichts »veniger als »nnstergiltig ist. Provir»ziette österreichische Redelvendui»ge»». »»»»genaue Ansdr»»cks»veise, fehlerhafter Wechsel vor» Gegenrvart und Vergangenheit, J»»dikativ und Konju»»ktiv schädigen den Eindruck des Werkes, dem um seiner sonstigen Vorzüge »villen ein »veiter Leserkreis zu »vünschen ist. Breslau. Marie Landrnann. Druck und Verlag vo»r Ruvolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.