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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-29 · Heft 26 (29.6.1900) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
Seite 311 (sequence 13)
Language
German
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311 dieser Lärm zu bedeuten habe. Da wurde die Thüre auffletiffett, und die kreischende Stimme Kaschas erscholl, welche rief: „Fräulein sich retten! — Der Panni ist todt. Viele Soldaten kommen. Auch der Stanislaus ist da!" — Esther wurde zuerst beim Vernehmen dieser entsetzlichen Nachricht von tötlichem Schrecken ergriffen. Sie wollte die Treppe hinunter eilen. Da floh sie zurück, denn eilends kam Stanislaus Nigojewski die Treppe herauf, unausgesetzt schreiend: „Wo ist verfluchter Nuss?" — Esther eilte mit einem tauten Angstschrei an das Lager des Geliebten und warf sich auf denselben, um ihn mit ihrem Leibe zu schützen. In diesem Augenblicke erschien der wüthende Pole im Eingänge des Zimmers, ein dolchartiges, blutiges Messer in seiner Rechten schwingend und haßerfüllte Blicke um sich werfend. Und als sein suchendes Auge den auf dem Tische liegenden Tscherkessenrock traf, heulte er: „Ha, Tscherkess'!", stürzte auf das Lager des Fremden zu, riß die verzweifelt aufschreiende Esther zur Seite und stieß unter gräßlichen Flüchen dem Tscherkesse:: wiederholt das Dolchmesser ins Herz, daß das Blut hoch aufspritzte. In seiner namenlosen Wuth lvollte er sich nun auch noch auf die wehrlose Esther stürzen, -da wurde er plötzlich von kräftigen Händen rücklings zu Boden geworfen. Es waren preußische Soldaten, die ifp: verfolgten, ihn aber, ach, zu spät erreichten und es nicht verhindern konnten, daß zwei kostbare Menschenleben seiner Nachbegierde und seinen: Rassenhasse zum Opfer sielen: denn entseelt läge:: unten Aron Bornheim und oben der Tseherkesse! — — — Und Esther? — — Sie lag in tiefer Ohrunacht auf dem Boden des Zimmers, ihr zur Seite die wehklagende Kascha!- Wie erbarmungsvoll hatte sich das Geschick der unglücklichen Esther gegenüber erwiesen, daß es sie das Schreckliche der nächsten Stunden nicht inue werden ließ. Viele, viele Stunden lag sie in einer förmlichen Todesstarre da, die an eine Wiederkehr des bisher so nnmteren Lebens zweifeln ließ, und als die Starre geschwunden war, als wieder Leben in ihren Gliedern pulsirte, da war das Bewußtsein noch lange nicht zurückgekehrt, und während vieler Wochen erging sich das unglückliche Mädchen in wirren Reden. Das Bornheim'sche Haus war verödet, die Fensterläden seit jenem Schreckenstage geschlossen und nur im Erkerzimmer lag regungslos Esther Bornheim. An ihrem Lager wachte und sorgte treu Kascha Nigojewski, die Schwester Desjenigen, der das Glück und die Freude für immer aus diesen bisher so trauten Räumen verscheucht. Wie oft hatte Kascha seit jener Schreckensstunde verzweifelt die Hände gerungen! Sie selbst mußte sich einen großen Theil der Schuld an dem Geschehene:: beimessen. Denn sie hatte ihrem Anfangs schwerkranken Bruder, der infolge seiner robusten Konstitution sich nach wenigen Tagen wieder erheben konnte, eröffnet, daß in derselben Nacht, da :nan ihn bewußtlos ins Haus gebracht habe, auch in dem BoruheinLschen Hause ein Schwerverwundeter Aufnahme gefunden habe. Stauislai:s hatte nüt Aufmerksamkeit zugehört, und obwohl ihn: seine Schwester versicherte, der Fremde sei ein harmloser Jude geloesen, den die Sensenmänner arg zugerichtet hatten, bezweifelte er doch ihre Angaben. Bei ihn: stand es fest, daß dieser Fremde kein anderer als sein Todfeind, der Tscherkesse, sei. Alsbald reifte in ihn: ein entsetzlicher Plan, den er aber sorgsam vor seiner Schwester geheim hielt, da er von ihrer Seite Verrath befürchtete, und sich die Gelegenheit, seinen Rachedurst zu loschen, nicht rauben lassen wollte. Er warb eine Anzahl polnischer Komplizen, die eines Tages mit ihn: in das Bvrnheim'sche Haus drangen. Bornheim, der allein in seinen: Wohngemach saß, wurde meuchlings überfallen. Er setzte sich wohl zur Wehr, lvurde aber in den: Augenblick, als er hilferufer:d nach dem oberen Erkerziuuner fliehen wollte, niedergestoßen. Das Geschrei Arons hatte eine zufällig des Weges kommende preußische Patrouille herbeigelockt, welche sofort die Mörder unschädlich machte. Stanislaus aber war es gelungen, sich den Händen der Soldaten zu entwinden, und er eilte wutschnaubend in das obere Zimmer, wo der ihm so verhaßte Tscherkesse lag. Ihn: voran aber war seine Schwester geeilt, ::::: Esther zu warnen. Ihre Warnung aber sollte, ach, nutzlos sein, Stanislaus hatte sein Opfer gefunden und seiue Rache war gekühlt! — Wie schwer lag Kascha das Bewußtsein auf der Seele, daß sie beinahe alles Elend verschuldet! Darum lvollte sie büßen, um vielleicht zun: Theil ihr schweres Unrecht gut zu machen. Sie gelobte sich in diesen bangen Stunden, ihrer unglücklichen jungen Herrin ihr ganzes Leben zu weihen und sie fortan nimmer mehr zu verlassen! Sie, die selbst noch jung, wollte auch ihre süßen Hoffnungen und Erwartungen, die sie an das Leben stellte, für alle Zeiten begraben und in unwandelbarer Treue und Hingebung zu Esther halten und ihr Stütze und Beistand sein. Zuvor wollte sie sich ihr zu Füßen lverfen und sie um Vergebung so schwerer Schuld anflehen, wenn sie ihr verzeihen könne. O, wie bangte es ihr vor jenem Augenblicke, da es in der Seele Esthers wieder licht werden, da die Erinnerung ihr wieder zurückkehren würde und jene Greuelszener: sich von neuem vor ihren geistigen Blicken abspielen würden. Aber, o Wunder! Jener bange Augenblick trat wohl ein, doch die Ereignisse jenes Schreckenstages schienen völlig ausgelöscht zu sein aus der Erinnerung Esthers. Ihr erster Ruf war wohl „Vater", doch beruhigte sie sich wieder, als ihr Kascha, die ihr die Wahrheit noch nicht mittheilen mochte, zuflüsterte: „Ruhig, Panna, Vater ist fort!" Ach, ahnte sie denn noch nicht, daß er längst schon unter i grünen: Rasen gebettet lag? — Und des Geliebten, den sie in dem Augenblicke höchster Gefahr mit ihrem eigenen Leben vor den: Mordstreiche vergebens zu retten suchte, gedachte sie mit keinem Worte. War auch die Erinnerung an ihn ganz erloschen? Fast schien es. Es hatte sich ihrer eine völlige Apathie der Außenwelt gegenüber bemächtigt. Tagelang saß sie wort- und thränenlos da, nach Keinem fragend, Keinen vermissend und stetig mit stieren Augen vor sich hin blickend. Ihre Kräfte waren wohl allmälig zurückgekehrt, doch hatte ihr ganzes Weseu eine völlige Veränderung erfahren. Sie wandelte wie geistesabwesend :::::- her, sorgfältig von Kascha bewacht. Da hörte diese eines Tages einen gellenden Aufschrei, sie eilte herbei, wähnend, er komme aus den: Zinnner Esthers. Doch wie erschrak sie, als sie dieses Zimmer leer fand. Sie suchte im Hause nach ihrer Herrin, und als sie das obere Erkerzimmer öffnete, nah::: sie gar seltsames wahr. Vor einem Stuhle kniete Esther, die dort liegende Tscherkessenuniform liebkosend umfassend. Leise schlich Kascha zu ihrer Herrin hin, und ihre Hand auf deren Schultern legend, sprach sie schmeichelnd: „Konnnen Fräulein, unten ist es besser!"

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