Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- Seite 310 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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310 man bewunderte nicht allein seine phänomenale, bis ins Alter glanzt olle Stimme, sondern auch seine hinreißende Gesangesknust. Die Königliche Oper in Berlin verfügte Jahrelang über einen ausgezeichneten Tenoristen jüdischen Glaubens, den bekannte» Künstler Nikolaus Rothmühl, geboren 1857 in Warschau. Er wirkte früher an den Hofbühnen zu Wien und Dresden und überall, wo er auftrat, erwarb er sich die Gunst des Publikums durch seinen Gesang, sein Spiel und seinen liebenswürdigen Charakter. Besonders zahlreich waren und sind die jüdischen Vertreter des Operettengesangs; aus der Fülle derselben nennen wir nur Josephine Pagah, Adele Krön, Sophie König, Antonie Link, Marie Schwarz, Negine Klein und die Herren Ioseph Krön, S. Steiuer, Steinberger, A. Klein, Cv ruelli u. v. a. War doch auch der genialste und berühmteste Operettenkomponist Jacques Offenbach ursprünglich Jude, ja sogar der Sohn des Kantors der jüdischen Gemeinde in Köln. Sein üppig quellender Humor und sein parodistisches Talent stempelten ihn zum unerreichten Meister des komischen Stils; daß er aber auch die ernste Musik zu Pflegen imstande war, bezeugen seine weniger bekannten Opernwerke, welche er in der Jugend geschaffen, sowie seine Cellvduette und Lieder. Sein Vater Juda Offenbach — eigentlich Juda Eberscht — hat u. a. 1839 ein „Allgemeines Gebetbuch für die israelitische Jugend" herausgegebeu. Ein besonderes Kapitel müßte auch den jüdischen Musikschriftstellern in den Gegenwart gewidmet werden, doch würde uns dies zu weit führen. Daß zahlreiche Juden auch als Kapellmeister Hervorragendes leisteten und noch leisten, können wir als bekannt voraussetzen. Ich führe zum Beweise dessen nur die Herren Sulz er, L evi, Mahler, Rudolph Bial, Engel au, welche als Dirigenten weit über die Grenzen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns hinaus sich einen geachteten Namen erworben hatten und haben. Mit ihnen schließen wir die gedrängte Uebersicht der Leistungen von Juden auf dem Gebiete der Musik in diesem Jahrhundert. EUILLETON Die Tschertresseribrairt. Eine Erzählung von I. Herzberg-Bromberg. VI. SSlei' Herzeuskampf Esthers war aber doch nicht ganz spurlos bei ihr geblieben; er halle, wenn auch kaum wahrnehmbar, eine Veränderung in ihrem Wesen hervorgernfeu. Das scharfblickende Auge des Vaters hatte diese Veränderung wohl benrerkt. Doch wähnte er, daß einzig und allein die Sorge um den Fremden sie so sehr beeinflußte. Er wollte Esther in ihrem menschenfreundlichen Thun kein Hinderniß irr den Weg legen. Quälten ihn doch gerade jetzt, lvo die Unruhe» ihren Höhepunkt erreicht hatten, mancherlei Gedanke». Zudem hatte er in Erfahrung gebracht, daß Stanislaus Nigojewski noch am Leben sei und seiner Genesung entgegengehe. Kascha hatte ihrerseits Anfangs^ am Krankenlager ihres Bruders gewacht und ihn gepflegt. Als dieser ans dem Wege der Besserung war, hatte sie die Pflege in die Hände ihrer Mutter gelegt und war in das Boruheimsche Haus znrückgekehrt. Doch war ihr der Zutritt zu dem Erkerzimmer nicht gestattet. Hätte sie geahnt, daß hier der Todfeind ihres Bruders auf seinem Siechenbette sich wälzte, sie wäre gewiß nicht zurückgekehrt. — -Nach einer Woche war dem Tscherkesseu zum ersten Male an? längere Zeit das Bewußtsein zurückgekehrt. Da beschlich Esther denn doch eine gewisse Scheu, allein mit denr Fremden zu sein, und sie begann schon zu erwägen, ob es nicht gerathen sei, nunmehr die Bewachung des Leidenden in andere Hände zu legen. Doch sie >var außer Stande, sich von ihm loszureißen, mit mächtigen Zauberbandeu fühlte sie sich an ihn gefesselt. Eben hatte sie nach der Rückkehr des Beivnßtseins dem Kranken den ersten Labetrunk gereicht, da fühlte sie plötzlich, wie seine zitternde Hand liebkosend über ihre Stirn fuhr. Sie schaute ihm in die dunklen Augen, da sah sie, wie zum ersten Male ein sanftes Lächeln seine zuckenden Lippen umspielte. Es war ihr dieses Lächeln eine Offenbarung, denn es drang ihr bis in die tiefste Tiefe ihrer Seele und ward ihr zum Zeugniß dessen, daß ihre Liebe Gegenliebe gefunden. Es hatte nur eines jähen Momentes bedurft, um alle eben gefaßten Vorsätze zu nichte zu machen und den in ihrem Herzen lodernden Liebesfnnken zu einem verzehrenden Feuer aufflammen zu lassen. Sie sank laut aufschluchzend in die Knie und barg das erglühende Angesicht in der Decke. Nun erfaßte der Geliebte das Haupt der Schluchzenden und drückte einen innigen Kuß aus ihre Stirn! — — Plötzlich aber kam Esther das Bedenkliche ihrer Situation zum Bewußtsein, und schleunigst erhob sie sich mit der Absicht, sich zu entfernen. Da fühlte sie, wie eine zitternde Hand ihre Rechte erfaßte. Dann hörte sie ihren 'Namen flüstern. Mit gar seltsamem Accente karu das Wort „Esther" von den Lippen des Daliegenden. Esther schaute gespannt und erröthend auf den Rufenden. „Esther", fuhr der Tscheckesse mit schwacher Stimme fort, „mich nicht verlassen. Du so gut bist. Ich Dich sehr, sehr lieb Hab, und Du mich gewiß auch lieb hast, und Du mich noch gar nicht kennst." Ein tiefer Seufzer entrang sich jetzt der Brust des mit großer Anstrengung Sprechenden. Dann fuhr er nach einer Weile fort: „Ich heißen Joseph und bin aus Grodno. Ich bin Unterleutnant beim dritten Tscherkessenregimeut. Meine Eltern sein schon lange todt. Ich sein ganz allein. Ich sein ein Jude. In meinem Rock wirst Du an Schreiben finden, darin steht es geschrieben! Ich mich hatte verirrt, so verfolgten mich die Polen." — Esther war überrascht, als sie die Eröffnungen Josephs vernahm. Sie wollte Gewißheit haben und sich von der Wahrheit der eben vernommenen Angaben überzeugen. Sie eilte daher nach dem Wandschrank, holte den Waffenrock hervor, aus dessen innerer Tasche sie eine Brieftasche zog. Diese enthielt ein emziges Schriftstück, das Esther mit fliegender Hast durchlas, während der Tscherkesse ihr glückselig in das erglühte Antlitz schaute. Als sie zu Ende gelesen, sprach er lächelnd: „Habe ich nicht wahr gesprochen? Sieh, ich Dich darf lieb haben, und auch Du mich darfst lieb haben." Nun vermochte Esther sich nicht mehr zu fassen. Sie eilte auf den Geliebten zu und schloß ihn in ihre Arme. Eben suchten sich die Lippen Beider zu einem innigen Kusse, da erscholl von unten her ein wüster Lärm. Erschreckt fuhr Esther empor und eilte der Zimmerthür zu, um zu erfahren, was