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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-29 · Heft 26 (29.6.1900) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
Seite 309 (sequence 11)
Language
German
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309 Tarnowitz in Oberschlesien, ein Schwiegersohn der Frau Lina Morgenstern, welcher ein sehr bewegtes Leben hinter sich hatte. 1885 unternahm er mit dem Geiger Gregorowitsch eine Konzertreise nach dem nördlichen Rnßland, und von 1888—89 mit dem Boston-Symphonie-Klub eine Reise durch die Vereinigten Staaten von Amerika und durch Kanada, während welcher er an nicht weniger als 140Konzerten als Cellist theilnahm. Außer einer Anzahl von Originalkompositionen veröffentlichte er eine Reihe von Bearbeitungen klassischer Werke für Violin- Cell und Klavier. Ferner eine Violoncell-Schule nebst einem Führer durch die Violoncell-Litteratur. Auch redigirte er eine geschätzte musikalische Zeitschrift. Von namhaften jüdischen Cellisten seien noch ferner die folgenden Künstler genannt: Sie gm und Bürger, Robert Henrigues, W. Lublin, Eisenberg n. A. m. Zahlreich sind namentlich die jüdischen Pianisten in der Gegenwart. Den beste» Namen erwarb sich in neuerer Zeit Moritz Nosenthal. Sein blendendes Spiel hat in allen Städten, in denen er konzertirte, Bewunderung hervorgeruse». Geboren 1862 zu Lemberg als Sohn eines Professors an einer dortigen öffentlichen Lehranstalt, war er in Wien ein Schüler Raphael Iosephhs — gleichfalls eines Juden — und dort war es auch, wo er 1876 sein erstes öffentliches Konzert gab, welches außerordentlichen Erfolg erzielte. Die im nächsten Jahre stattgefundene Begegnung mit Franz Liszt sollte für den jungen Künstler von weittragendstem Erfolg werden. Er wurde ein Schüler des Meisters und durfte ihn nach Weimar und Rom begleiten, wo er im täglichen Verkehr mit Liszt die höchste künstlerische Anregung empfing. Ein älterer Bruder des oben genannten Cellisten Heinrich Grünfeld, Namens Alfred Grünfeld — geboren in Prag am 4. Juli 1852 — hat sich als Pianist einen klangvollen Namen erworben. Er gehört zu den wenigen Klavierkünstlern, die in gleicher Vollendung Werke von Haydn und Mozart, wie von Liszt, Schumann und Brahms zu spielen vermögen. Auch hat er eine Anzahl Klavierstücke und Lieder veröffentlicht. Er lebt als Kainmervirtnos und Hvfpianist in Wien und hat > sich durch seine vielfachen Konzertreisen durch ganz Europa! überall bekannt gemacht. Einer der originellsten, freilich auch bizarrsten Klavierspieler in der Gegenwart ist der Ungar Joseph Weiß, dessen Bruder den Namen Bereny angenommen, als Geiger sich bekannt gemacht hat. Weiß gehört zu den trefflichsten Brahmsspielern. Geboren ain 5. September 1865 in Kaschau, konzertirte er schon mit 10 Jahren in Lemberg, wurde dann Schüler von R. Volkmann und Friedrich Erkel in Budapest und gewann mit einer ungarischen Komposition den ersten Preis der Akademie. Der große lind bereits gewürdigte Klaviervirtuose und Komponist Anton Rubinstein hatte einen jüngeren Bruder Namens Nikolaus Nubinstein, welcher in Moskau lebte und als Dirigent der „Russisch-amerikanischen Gesellschaft" in hohem Ansehen staild. Er war hochgeschätzt als Pianoforte- Virtnos imb sein, am 23. März 1881 erfolgter Tod wurde nicht allein in seinem Vaterlande, sondern auch in allen inusikalischen Kreisen lebhaft bedauert. Zu der älteren Garde der Klaviervirtuosen, namentlich der Beethoven-Spieler, gehörte auch Heinrich Ehrlich. Ursprünglich Hofpianist des Königs von Hannover, war er mehrere Jahrzehnte hindurch Lehrer am Stern'schen Konservatorium und dann in Berliil als Pianist, Komponist, Pädagoge und Schriftsteller thätig. .Er komponirte n. a. Etüden, ein Konzertstück in ungarischer Weise, Lebensbilder, Variationen über ein eigenes Thema und gab die Tausig'schen Etüden mit werthvollen Bereicherungen heraus. Einer der größten Klaviervirtuosen unseres Jahrhunderts war Karl Tausig, geboren am 4. November 1841, Sohn uild Schüler seines Vaters, des trefflichell Klavierlehrers A l o y s Ta ns i g'aus Prag. 1865 begab er sich auf Veraulassung seines Freundes Hans v. Bülow nach Berlin und lvnrde ein Jahr darauf zum preußischen Hofpianisten ernannt. Als Virtuos machte er überall durch seine Staunen erregende Technik und seine vorzügliche Interpretation außerordentliches Aufsehen. Als Komponist trat er nur mit einigen Klaviersachen hervor, war auch als Redakteur klassischer Klavierwerke thätig und gab u. a. Clementis „Orallus all Uarnassmu", einen Auszug aus Bachs „wohltemperirtein Klavier", den Klavierauszng von Wagners „Meistersingern" rc. heraus. Auch die Damenwelt hat bekanntlich dem Virtuosenthum unserer Zeit ein gewaltiges Kontingent geliefert. Ain bekanntesten ist in den letzten Jahren eine reizende junge Künstlerin aus Paris, Clotilde Kleberg, geworden, die vielfach in ihrem Wesen und in ihrem Spiel an Klara Schumann in ihrer Jugend- und Glanzperiode erinnert. Ihr Vortrag ist ausgezeichnet, vornehm, geistvoll und empfindnngsreich, dabei immer gesund, ohne jegliche Ausschreitung und Uebertreibung, ihre Rhythmik und Phrasirung glänzend. Obschon in Paris geboren und in der Pariser Schule groß geworden, ist doch der Kern ihres Wesens durchaus deutsch. Gehen nur nun von den Jnstrumentalisten zu den jüdischen Sängern nnd Sängerinnen unseres Jahrhunderts über, so ist deren Zahl geradezu Legion, und wir müssen uns Beschränkung auferlegen, wollen wir den uns gestellten Raum nicht bei Weitem überschreiten. Selbst die größte dramatische Sängerin der italienischen Schule unseres Jahrhunderts, Giulitta Pasta, geboren 1798 zu Como und gestorben am 1. April 1865, war eine Jüdin. Ihre Stimme war von außerordentlichem Umfang, voll Leidenschaftlichkeit und Wahrheit des Ausdrucks. Wie so manche berühmte Sängerin jener Zeit theilte sie ihre künstlerische Thätigkeit zwischen London, Paris und Wien. Es ist bekannt, daß auch Pa ul ine Lue ca, die geniale Bühnensängerin, jüdischer Abstammung ist. Auch ihre Lehrer Uffmann und Lewy in Wien waren Juden. Zu der älteren Garde der berühmten Primadonnen gehörte anch die dramatische Sängerin Caroline Bettelheim die wie die Lucca, einen Adeligen, nämlich den Herrn v. Gvinpertz, heirathete. Als Koloratursängerin entzückte überall, namentlich in Budapest, Wien und Hamburg, Bianca Bianchi, die jetzige Wittwe Pollinis — der übrigens ursprünglich Pohl hieß und gleichfalls Jude war. Eine gefeierte Bühnenkünstlerin, namentlich in Ungarn, war Rosa Csillag, eine Ungarin; ferner die Polin Lola Beeth, zuerst am Berliner, dann am Wiener Königlichen Opernhaus engagiert; dann Rosa Papier, ein jahrelanges Mitglied der WienerHofvper, sonne RosaOletzki die Tochter eines Berliner Kantors. Was die männlichen Gesangsgrvtzen dieses Jahrhunderts betrifft, so muß in erster Linie der einst vielgefeierte Heldentenor Heinrich Sontheim, zuletzt iu Stuttgart, genannt werden. Durch seine Gastspiele in Berlin, Wien, München und anderen Städten inachte er sich vortheilhast bekannt und

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