Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- Seite 306 (sequence 8)
- Language
- German
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306 Vre Hrstorrcitöt des Aufenthaltes der Juden in Aegypten. Aus dem Nachlasse von Georg Ebers. II. ie Landschaft ist das Aean des Plunus, und dieser läßt dort Heroon oppidum gelegen sein, welches, >vie wir nun wissen, gleich ist jenem Pithom, wo die in Gosen geknechteten Israeliten Zwangsarbeiten für den Pharao zu verrichten hatten. Daß die 'Apurin kein ostafrikanisches Noinadenvolk gewesen sein können, dafür zengt der Umstand, daß sich in einem historischen Märchen, welches auf einem Papyrus des British Museum von der Einnahme von Ihn (Joppe) erzählt, ein 'Apuriu-Mann erwähnt wird, welcher Botendienste verrichtet. Ein Hebräer konnte — gerade in Joppe — leicht, ein Nomade ans der Gegend zwischen dem Nil und dem Rothen Meer zu solchem Geschäfte schwer verwandt werden. Der Name Gosens als einer der Ostprovinzen des Delta hat sich auf den Denkmälern iviedergefunden, und in unserm „Durch Gosen zum Sinai" haben lvir in einer Weise, welche bisher teilten Widerspruch erfahren, dargelegt, daß sich in Phakus (Pha-kos) die Metropolis der Provinz Gosen sammt ihrem Namen erhalten hat. Die begeisterten Schilderungen, welche die Papyrus von der Fruchtbarkeit dieser Landschaft und dem üppigen Leben in derselben entwerfen, stimmen mit dem biblischen Bericht aufs beste überein, und sowohl der Verfasser als auch später H. Brugsch haben bewiesen, daß Gosen, oder besser, daß das gesammte östliche Delta eine Provinz war, in der die semitischen Elemente den ägyptischen mindestens das Gleichgewicht hielten. Versetzen wir uns nun in diejenigen Zeiten, in denen der Aufenthalt der Juden in Aegypten und der Exodus einzig und allein gesetzt werden können, so finden wir, daß die thatsächlichen politischen Zustände jener Epoche so beschaffen waren, daß sie dem biblischen Bericht überall zur Erklärung dienen. Für den Pharao der Bedrückung halten wir allgemein jenen Ramses II., welcher gern in Tanis, dem biblischen Zo'an, düs heißt der Stadt residirte, wo nach dem Psalniisten Moses mit dem Pharao zusammgetroffen sein soll. Mit seinem Namen lRamsesstadt) wurde diese Residenz belegt, und die Denkmäler lehren, wie gewaltig die Bauthätigkeit gewesen, welche er in derselben geübt hat. 'Apuriu hatten dabei „Steine zu ziehen", und als ihre Vögte werden libysche Polizeisoldaten genannt, welche, da sie den Semiten durchaus nicht stammverwandt waren, keinen Grund hatten, sie schonend zu behandeln. Den Kanal, welcher den Nil mit dem Rothen Meere zu verbinden bestimmt war, hatte des Ramses Vater, Seti I., schon in Angriff genommen. Eine Darstellung zu Karnak nennt ihn den „Durchstich", und durchzog ganz Gosen. Die Hebräer müssen an demselben thätig gewesen sein, und so haben wir in seiner Nähe eine Niederlassung derselben zu erwarten, die denn auch, wie wir sehen werden, thatsäckilich gefunden worden ist. Das Delta war voll von semitischen Elementen, und diese blieben dem König im Rücken, wenn er nach Asien in den Krieg zog, was häufig geschah. Er mußte die Fremden beschäftigen, und dies ist auch geschehen. Nach Ramse's II. Tode bestieg Merenptah, den wir für den Pharao des Auszuges halten, den Thron. Er hatte schwere Kämpfe gegen die Libyer zu bestehen und allen Grund, die Fremden in der Ostmark scharf im Zaume zu halten. Aber all diese Dinge haben wir schon anderwärts eingehend behandelt;') hier gilt es nur Diejenigen, welche sich für Bibelkritik interessiren, mit den Resultaten Navilles und den Argumenten vertraut zu machen, welche die Ausgrabungen dieses fleißigen und gewiffenhaften Gelehrten für die Historieität des Aufenthaltes der Juden in Aegypten neu herbeigebracht haben. Am 5. Februar 1883 begann Naville seine Thätigkeit. Der Platz, wo er den Spaten einsetzte, war glücklich gewählt, denn an demselben hatten Denkmäler aus der Pharaonen-Zeit zu Tage gelegen, und er gehörte sicher zum Gebiet der Landschaft Gosen. Wo diese zu suchen sei. unterlag von vornherein keinem Zweifel; denn die Bibel selbst giebt darüber sichere Auskunft. Sie war im Osten des Landes gelegen, und jedenfalls hatte das von dem v. Lesseps'schen Süßwasserkanal bespülte Gebiet, welches heute Wadi Tumilat heißt, dazugehört. Bor Navilles Grabungen war die Trümmerstätte Tell el-Maschuta von Vielen für das Ramses der Bibel gehalten worden; aber sehr bald förderten die Arbeiter des umsichtigen Genfers Inschriften zu Tage, welche erwiesen, daß hier ein Ort gelegen habe, welcher den altägyptischen Namen Pi - Tum, d. i. das koptische Pethom, das hebräische Pithom, das griechische Pithom, Peitho und Patumos trug. Von dieser Stadt weiß der hebräische Bibeltext zu erzählen, daß die Inden daselbst Vorrathshänser für den Pharao erbaut hätten, während die Septuaginta statt des hebräischen Wortes, ivelches wir mit „Vorrathshäuser" übersetzen, „befestigte Städte" giebt. Diese Bauten sollte» nach der betreffenden Stelle im Exodus mit Nil-Ziegeln hergestellt worden sein, und wenn die heilige Schrift hier über wirklich geschehene und nicht über solche Dinge kund giebt. welche der Legende angehören, mußte man Spuren derselbe» bei Tell el - Maschuta wiederzufinden erlvarten. Und in der That entdeckte hier Naville das einzige, worauf er zu stoße» hoffen durste; denn seine Arbeiter stießen in unmittelbarer Nachbarschaft des Platzes, wo sich der Tempel erhoben hatte, auf ein Bauwerk von großer Ausdehnung. Die Mauern bestanden aus ungebrannten, mit Mörtel verbundenen Ziegeln, waren von vorzüglicher Beschaffenheit, 6—9 Fuß (2—3 englische Ajards zu 3 Fuß) dick und nach außen hin mit besonderer Sorgfalt, ja so gut geglättet, wie sich dies mit einfachem Nil- Schlamm nur immer bewerkstelligen läßt. Dieses Bauwerl gehörte sicher in eine sehr gute Epoche und in die Zeit, i» welcher die Pharaonen noch bestrebt waren, Werke von langer Dauer herzustellen. In seinem Inneren fanden sich viele recht winkelige Räume in verschiedener Größe, von denen keiner mit dem anderen verbunden war, und zu denen man nur voit vbenher zn gelangen vermochte. Wer die Darstellung von ägyptischen Kornspeichern in den Grüften von Beni Hasan und Theben kennt, welche uns die Landleute zeigen, wie sie z» ihnen auf Treppen hinansteigen, um das Korn von oben hineinznschütteu, der wird nicht zweifeln, daß wir es hier mit solchen zu thun haben. Wozu sollten auch Räume, die nur von oben zugänglich sind, anders dienen, als zur Aufbewahrung von Vorräthen? Dazu hat Naville in der Mitte der Wändr Oeffnungen gesunden, welche, wie er vermuthet, mit Holz oder festen Zeugvorhängen abgesperrt werden konnten. Sollte der Speicher gefüllt werden, so ward das Verschlußstück niederst G. Ebers, Durch Gosen zum Sinai. Aus bei» Wanderbnche und der Bibliothek. 2. Auflage. Leipzig, 1882.