Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- Seite 305 (sequence 7)
- Language
- German
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305 Letzteren durchgebracht. Wien ist und bleibt die Hochburg Luegers, der starke Fels, auf dem sich die Burg Liechtensteins erhebt, heute stolzer als je. — Da hat mm jüngst irgend eine Größe des Kultusvorstandes in Wien, der Name ist mir leider nicht bekannt, den großen Ausspruch gethan: „Man dürfe die Wiener Gemeinderathswahlen nicht zu einer Sache der Wiener Kultnsgemeiude machen." Ein sokratischcr, oder sagen wir besser, ein napoleonischer Ausspruch. Der Mann verdiente im Kultusvorstande Wiens zu sitzen, er kennt seine Leute. Nein, der Kultusvorstand Wiens hat andere Schmerzen: siehe das riesige Defizit im Gemeindehaushalte und die Kautorenwahl. Wo ist der Aristophanes, oder wenigstens der Nestroh, der diese Wahl zum Gegenstände einer Posse machte? Wahrlich, es wäre zum Todtlachen, wenn man sich nicht todtärgern wollte. Glaubt jener Kultusvorsteher, man wisse es nicht ganz genau, das; man sich von Seite einiger Judengrößen mit Luegers Regiment schon ganz gut befreundet hat? Die reichen Juden Wiens werden iveiter die Logen in den Theatern bevölkern, werden an Festtagen, und besonders bei den Seelengedächtnißfeiern, die vordersten Sitze in den Synagoge» mit ihren Persönlichkeiten zieren, werden nach Baden, Böslan und ans den Semmering gehen, werden jage», tanzen, und Pferde rennen lassen, wie kann man von denen voraussetzcn, daß die Sache des jüdischen Volkes ihre Sache sei? Nur sich nicht aufregen, nicht provozire», es hat immer Juden gegeben und sie werden nicht aussterben. Inzwischen mag der von der Residenz aus wohlgenährte Judenhaß sich weiter ausbreiten. Daß aber nicht alle Leute der Ansicht jenes weisen Kultusvorstehers sind, dafür ist mir ein Beweis ein Leitartikel, welchen vor einigen Tagen ein der Regierung sehr nahestehendes Blatt, „Die Reichswehr", brachte. Er war ominös genug überschrieben: „Für oder wider die Juden." Bon diesem Leitartikel konnte man sagen: „Wäre die Sache nicht so verwünscht gescheidt, man lvär versucht, sie herzlich dumm zu neunen." Ich weiß nicht, ob ich richtig zitire, aber was ich sagen will, wird gar bald Jeder verstehen. In diesem „judenfreundlichen" Artikel, welcher mit einigen Worten aus der Broschüre des Floridsdorfer Bezirksrabbiners schließt, werden zunächst einige bittere Thränei; darüber geweint, daß es weit in Oesterreich gekommen ist, wenn man die Menschen in solche eintheilt, die Juden sind, und solche, die es zufällig nicht sind. Wie man sieht, hat der Artikelschreiber doch eine andere Meinung darüber, ob die Wiener Gemeinderathswahlen eine Sache des Judenthums sind oder nicht. Und jetzt wird in „wohlwollender" Weise den Juden zu Gemüthe führt: Macht euch los von Denen, die euch zu ihren selbstischen Interessen mißbrauchen wollen, macht euch los von euren Preß-, Börsen-, Finanz- und anderen Baronen; seid keine Deutsch-Nationale und keine Sozialdemokraten und verhöhnt nicht die Gebräuche der — katholischeil Religion und nehmt nicht deir Leuten den Glauben an ein höheres Wesen. Mail kann, so etwa heißt es in dem nach mancher Seite hin bemerkensiverthen Artikel, in Oesterreich ein orthodoxer Protestant und orthodoxer Rabbiner sein, nur im Katholizismus dürfe man sich nicht zur Orthodoxie bekennen, sonst werde man verhöhnt, verspottet n. s. w.. — Als wir dies lasen, trauten wir Anfangs unseren Augen nicht. Aber es staild da Schwarz auf Weiß. Die Lehre, lvelche die Jllden ans dem Artikel ziehen sollen ist: Ja, man spricht heute „für und wider die Juden", aber Leutchen, die Erklärung dieser nicht wegznleugnenden Thatsache ist nicht schwer. Gehet hin und bessert euch. — Wir haben in diesen Blättern unzähligemale darauf hingewiesen, daß uns. d. h. das Judenthum, die Preß-, Ringstraßen-, Börsen-, Kohleri-, Finanz- und andere Barone nichts angehen. Den Herren geht's gut und Lueger macht mit ihnen gllte, sehr gllte Geschäfte. Er braucht ja auch die Banken, und diese wollen Geld und Dividenden; woher die Dividenden, das kümmert sie wenig. Dividenden riechen nicht, sagte ein römischer Kaiser schon. — Wir haben weiter zum soundsovielten Male nachgewiesen, wie schädlich es für die Juden ist, wenn «lau sie mit gewissen Parteien und besonders mit umstürzlerischen gleichsetzt. Diese Parteien schmeicheln uns, wenn sie unser bedürfen, wir siild ihr Stimmvieh und ihre Mamelukenheerde, und dann, wenn der Pulverdampf der Kämpfe sich verzogen hat, dann sind antisemitische „Arbeiter-Zeitung", „Ostdeutsche Rundschau" mit dem „Deutschen Volksblatte" in rührender Uebereinstimmung. Wenil die Tschechen heute die wüthendsten Antisemiten sind, so haben dies die Jllden meist dem Umstande zu danken, daß manche Parteiführer und Preßleiter jüdischer Abstammung sich iin Teutonenthnnl nicht genug leisten kvnnteil. Doch was hat das Judenthuul mit diesen Strebern zu thun? — Ernster ist die Beschuldigung, die Juden verhöhnten irgend lvelche religiöse Bräilche oder nähinen Jemand seinen Glaubell. — Wir erklären diese Behauptungen als schändliche Lügen, wir widerlegen sie gar nicht; sie richten als bewußte Unwahrheiten sich von selbst. Jede Entschuldigung lväre in diesem Falle eine Anklage. Gegen solche Anklagen helfen die schönsten Reden allerdings nichts. Sich hinlvegtäuschen über furchtbare; Gefahren, welche uns bedrohen, sein Publikum in einen sanften Schlaf lullen, während draußen der Feind drohend seine Stimme erhebt, das wäre ärger als ein Verbrechen, das wäre ein unverzeihlicher Fehler. Wir wissen es jetzt, die Gefahren, lvelche uns umlagern, sind größer als wir es ahnen oder ahne» »vollen. Wozu also noch weiter die Vogel-Strauß-Politik? Wer sich gemächlich in sein Kämmerlein zurückzieht, hört das Geschrei aus der Straße nicht, oder er hält sich die Ohren zu, um es nicht zu hören. Aber die Gefahr besteht deshalb doch. Thut endlich die Augen auf, um zu sehen, öffnet die Ohren, um zu hören, und helfet, wenn noch zu helfen ist. Die Wiener Gemeinderathswahlen mögen nicht Sache eines Millionärs sein, der zufällig im Wieiler Kultusvorstande sitzt, aber sie sind doch Sache des Judenthuins, dem sie ein furchtbares „Memento" zudonnern. Darüber kommt man nicht hinweg, wenn man noch so schön redet, noch so friedlich säuselt. „Für oder wider die Juden", jener Artikel der „Reichswehr", den angeblich kein Antisenlit geschrieben, mag uns mahnen, an uilsere Pflicht zu denken. Wir können aus ihm mehr lernen als aus den schönsten Predigten. Und so mögen Alle, die es verschuldet haben, daß es heute leider „gegen die Juden geht" und daß lvir auf allen Linien geschlagen sind, sich an die Brust schlagen, und ausrufen: „Wir haben schwer gesündigt". — Geholfen ist uns damit allerdings auch nicht, aber Selbsterkenntnis; ist wenigstens ein Schritt zur Besserung. Iwri.