Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- Seite 304 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228392--56582-3292899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
304 immer dasjenige, was Niemand anzutaste» wagte. Selbst in den wildesten Revolutionszeiten bewährte sich die preußische Justiz als rocber de bronce, an dein alle Stürme abprallten. Vor der Justiz schwieg der Hader der Parteien, der nationale Haß und die konfessionelle Mißgunst. Mehr vielleicht als die offizielle und die berufliche Geschichtsschreiberei feststellen können, ist diesem Umstande die friedliche Entwickelung des östlichen Deutschlands zu dauken. Wie sehr darum gerade im Osten dem Volke der Glaube au die Rechtlichkeit der Justiz erhalten werden muß, das braucht nicht näher ausgesührt zu werden, und noch weniger braucht gesagt zu werden, ein wie frevelhaftes Beginnen es ist, in der entgegengesetzten Richtung auf die durch die wüsten Hetzereien erregten Massen eiuzuivirken. Und doch geschieht es hier alle Tage mehr, und es geschieht in einer so heuchlerischen Weise, daß man darüber entsetzt sein mußte, wenn man nicht den Glaube»« hätte, daß auch diese Sünder an der Volksgesittuug, diese Demagogen im schlechtesten Sinne des Wortes, von der rächenden Nemesis ereilt würden. — Wie sie sich gleich in der „politischen Ausbeutung" der Konitzer Mvrdaffäre begegneter», die Geschäfts- »nid Radauautisemiten mit jenen rückständigen Elemente»» des Centrums, welche aus gleichmäßigem Haß gegen den Liberalismris und das Judenthrnn die Antisemiten in der Verbreitung von Ritualmordlügeu noch zu iibertriinipfen suchte«», so haben sie sich auch jetzt vereinigt zu einem Sturm auf die Justiz, der seinesgleichen sucht. Der Konitzer Kriininalfall tritt zurück hinter jenen Machenschaften, zu denen er ausgenutzt «vird. Es ist mehr als der reine Judeirhaß, den» hier die Wege geebnet werden, ein Schritt »veiter auf der schiefen Ebene, auf der der Sturm ans die Justiz eingeleitet «v««rde, und die Anarchie, die Auflehnung gegen die Gesetze »vird gepredigt. Wie ein Kinderspiel »nnthet uns heute die Erinneruilg an den fainosen „Nebennntersuchnngsansschuß" in Könitz an gegenüber der direkten Verleumdung: die Justiz mache vor de«» J»«den Halt. Und doch «var dieser „Nebenuntersnchungsausschuß" schon der Anfang zu der Epoche des Niedergangs der Volksgesittnng. Hier lvurde der Keim gelegt zu der Verdächtigung der Justiz, ein Kein», als dessen erste Früchte mai» die Revolte in Könitz betrachten und als dessen weitere Folge der Sturn» auf die Justiz gelten muß. In tonenden Phrasen wagen es heute Zeitungen, die sich in der Behandlung des Konitzer Falles als Journale vom Schlage des Arizona-Kickers geberden, zu sagen: „Es hat in der That den Allschein, als ob der erste Ziveck der Untersuchung sei, die Theilnahme eines Juden an den» Verbrechen als möglichst ausgeschlossen hinzustellen." So sündigen die Agitatoren schon in der vollen Oeffentlichkeit, «vas wird da erst intra muros alles behauptet? Und Niemand in» engeren Kreise regt sich, der Verleumdringsivnth und de»»» staatsgefährlichen Treiben der Preßrevolutionäre Einhalt zu gebieten. Wohl klingen Mahnungsrufe wie aus «veiter Ferne — offiziös auch nach Konitz, aber es «vird »veiter fortgefahrei» in der Verdächtigung der Justiz, nud somit «veiter gesündigt an dem Volke selbst, dem »»»an seine Ideale zertrümn»ert um des eigenen Vortheils «villen. Und die Juden? — Sie könnten froh sein, daß es so gekon»«>»en ist. Sie könnten sich freuen über den Abscheu, den der Antiseinitisinus, «veni» er domiuirend «vird, jede«»» gesitteten Menschen einflößen »nuß. Aber es ist bitter für sie, daß sich die vornrtheilslose Menge so gegen sie aufbringen ließ. Der Trininph der Antisemite«» begann mit HeP-HeP-Rufen, er steigerte sich, als die Turnulte auskainen, und sein Glanzpunkt ist die Verdächtigung der preußischen Jristiz. Wenn das antisemitische Sieges-Baronreter seinen höchsten Stand erreichen sollte, dann «vürde die offene Anarchie herrschen, das lehrt das Drama von Konitz. E. Pb. Srref aus Oesterreich. Anfang Juni 1900. CjJ&i» dem etwas verrückten, oder sagen «vir «veniger trivial, iji) sezessiollistischein Roman eines der Jüngsten der Jungen, C3^> in Noma«« von Jakob Wafferinanu, „Die Juden von Zirndorf", «vird auch ganz kurz eine jüdische Festtagspredigt zergliedert. — Die Predigt zerfällt in eine pathetische Stelle gegen die Heiden, die Auslegung einer Mischuastelle, nebenbei auch in die Erläuterung eines Bibelverses. Wir stiininen zlvar nicht mit der Schilderung, welche Wassernrann, der geiviß kein Mohainedaner ist. von de»» Juden giebt, überein, daß aber sehr viele Predigten, «vo immer und Iva »in immer sie gehalten »verden, mit der, »velche der Rabbi von Fürth in dem genannten Roman hält, irgendlvie Aehulichkeit haben, «vagen «vir zu behaupten. Vor allen» philosophiren unsere Prediger zu viel. Wenn ich aber Philosophie zr» hören »vüusche, gehe ich nicht zum Rabbiner. Es ist oft «vahrlich erstaunlich, «vas oft von der Kanzel herab geboten «vird. Und man kann dem nicht «vidersprechen; das ist das Schlimmste. Daun «vird die Bibel verrenkt. „Gott hat den Merrschen gerade erschaffen, sie aber denken sich Viele Künsteleien aus." — Endlich kommt der Trost; der besteht darin, daß uns ad oeulos demonstrirt «vird, es könne uns nicht so schlimm gehen, denn »vir bestehen noch. Unseren Ahnen sei es viel schlimmer ergangen. Aber Polna, Konitz, Araten «vird dabei nierklvürdiger Weise ganz vergessen. — Die Menschheit, heißt es dann «veiter, sei uns zu vielem Danke verpflichtet, denn wir haben ihr „die zehn Worte" gegeben. Wo ist aber der Dank? Das ist's ja eben, «vas uns kränkt, der U»»dcink der Menschheit. Und zum Schluffe die tröstliche Verheißung, daß es zu allen Zeiten Antisemiten gegeben habe und geben »werbe; dafür werde es aber auch immer Juden geben, so «vie es immer solche gegeben hat. Alles sehr schön. Die blank geglätteten, oder «vie man bei uns sagt, gebügelten Cylinder der Herren Vorsteher, erglänzen doppelt vor Freude bei allen diesen schönen Aussichten, Versprechungen, Perspektiven, Tröstullgen u»»d Aufrichtungen. Unseren Fabriksherren, Millionären lind Knlt»»sgrößei» schmeckt dani» das Essen doppelt so gut, und freudig ruhen sie auf ihren Geldsäcken ans. Das Judenth»«»»» wurde »vieder einmal gerettet. Inzwischen aber »vurde auf Jahre hinaus Wien, «velches sich stolz die größte Judengemeinde des Koutinents nen»»t, von den Antisemiten «vieder erobert; «vas das heißt, der „kleine Mann" im Judenthum «veiß davon ein Liedchen zu singen und ein Geschichtlein zu erzählen; ein trauriges Lied, und eine wenig anheimelnde Geschichte. Unsere Wahrsagung in» letzten Briese ging also in Erfüllung: Sieg Luegers auf allen Linien. Wie«» ist nicht verjudet, es ist nicht fortschrittlich, nicht deutsch-national und beileibe nicht sozialdernokratifch, z»vei „Mannderln" haben die