Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- Seite 303 (sequence 5)
- Language
- German
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80g uUe oiibeveii Juden, etwa eine Biertelrinlliou, selbst die seit vielen Jahrhundertel: in Sfliimäuicu lebenben, werden als Fremde anaefeEjeii, nichtsdestoweniger aber doch zum Militärdienst herallgezogen. Die svstematische Unterdrückung der Juden unter dem Borwalld der Reformirung des Freuwengesetzes hat null im Lallse der testen Jahre das Leben der Juden vollständig unerträglich gemacht und die jetzige Katastrophe, denn als solche kann lnan die Bewegung für Rumänien bezeichnen, herbeigesührt. Nicht nur die Vertreibung aus den Dörfern, sondern allch die Ausschließung der Jtlden ans allen höheren Berufen jselbst Makler biivfeu sie nicht werden, ulld scholl plant man Gesetze, lim ihnen die Laufbahn als Arzt Ulld sogar das Handwerk unmöglich Zll machell), der thatsächlich schon heute existirende Ausschluß der Judell vom Besuch der Staatsschulen und voll der Aufllahme ill die staatlicheil Hospitäler, die Verordllung. daß in illdustriellell Ullternehlilungeil nur ein Viertel der Arbeiter Judell fein dürfen, die Unmöglichkeit, selbst ill gallz klar liegenden Fällell vor den alltisemitisch verhetztell oder bedrohten Nichterll Recht fordern zu könrlen, die fortlvährellden Beschinlpfullgen auf der Straße, die folgenschwere Bohkottirllng der Kaufleute durch die sogenarnlte Kulturliga, au deren Spitze der Millister Jstrati steht, die Straßeuexzesse ill Bukarest vom 17. und 23. Novenlber 1898 solvie die Schreckenstage in Jassy vom Mai 1899 haben säst in der gesammten jüdischen Bevölkerllllg den Entschluß gereist, auszuwailderil. Es silld durchaus nicht, lvie Ihr Berichterstatter anzunebmen scheint, nur die ärmsten Klassen, allch nicht vorzugslveise Bauhandwerker; alle Berufe ulld Klassen silld von denl gleichen Drange beseelt, llur könllen natürlich Leute mit festliegeildem Eigenthuul dies nicht so schnell möglich machell." Hoffentlich werden durch vereinte Kraft genügend große Mittel aufgebracht werden, um diesmal die rumänische Judenfrage lösen zu können. Wird nur 10O000 Seelen die Auswanderung in die verschiedellsteu Länder ermöglicht, so ist es sicher, daß in einigen Jahren der Rest bis auf wenige Ausnahmen folgen wird, wenn nicht freiwillig, so doch durch den dann unvermeidlich eintretenden finanziellen Ruin des Landes geuöthigt. Scholl jetzt stehen viele Häuser in den Städten Rumäniens leer, viele Geschäfte haben ihre Kundschaft verloren, ruld der Handel leidet derart, daß die ernsteren Zeitungen schon beginnen mit Sorge in die Zukunft zu sehen. Es ist aber fraglich, ob jetzt noch eine Rückstauung der Auswanderungsbewegung möglich ist, selbst für den unwahrscheinlichen Fall, daß die Regierung sich zll den allein nur lvirksanlen Maßregeln entschließen wird, nämlich erstens der antisemitischen Verhetzung und Verrohung der Massell energisch eiltgegenzutreten und zweitens bet: Juden die Bürgerrechte zu gewähren. Anstatt dessen werden infolge einer Polizeilichen Verfügung nur solchen auswallderuden Israeliten, die direkte Fahrkarten bis Hamburg, London oder Paris besitzen, die zur Ueberschreitung der Landesgrenze erforderlichen Pässe ausgestellt. Aber dadurch wird das Auswanderungsfieber nicht kurirt werden. * Ein wahrhaft typischer Fall für die Entstehung auti* semitischerTendenzen wird uns aus I t a l i e n berichtet: G a b r i e l e d'Annunzio, der bekannte Dichter, ist in neuester Zeit unter die Politiker gegangen ulld hat binnen wenige!: Monaten seinen Uebergang von der konservativen Gruppe zur äußersten Linken vollzogen. Er hat sich auch eifrig an der zuletzt betriebene:: Obstruktion betheiligt, und da gerade die jüdischen Mitglieder auf Seiten der Regierung standen, und besonders der von Juden stannuende Sydney Sonnino eine Stütze der Regierung ist, so macht d^Annunzio jetzt eifrig in Antisemitismus. „Corriere Jsraelitico" bringt einige Proben aus seinen Schriften, in denen er den politischen Gegnern ihr Judenthum, ihre jüdische Abstammung, ja auch ihr jüdisches Aussehen vorwirft. Ob er großen Eindruck bauiit machen wird, möchten wir billig bezweifeln. Aber es ist immerhin wichtig zu beobachten. wie ein sonst leidlich vernünftiger Mensch durch äußere Gründe zun: Antisemiten sich entwickelt. In Italien ist aber der Bode:: noch nicht reif für antisemitische Hetzen; es bleibt interessant zu sehen, wie auch hier bei der jüngeren Generation sich wieder konfessionelle Verhetzung hervorlvagt. * Die Nachrichten aus Persien sind noch immer höchst unbefriedigend. Zwar ist tu Teheran die Situation etwas besser geworden, aber auch hier ist bezeichnend für die bösartige Entwickelung hier zu Lande, daß der Schah, um während seiner Reise ins Ausland die Ruhe sicherzustellen, den Polizeichef von Teheran, der den Priestern nicht genehm war, abgesetzt hat. Den Juden war der gemaßregelte Beamte Mohtar el Saltane günstig gesinnt, und diese Toleranz war vielleicht ein Hauptgrund, der die fanatischen Priester bewog, gegen ihn zu intriguiren. Auch die Kaufleute, deren Konkurrenzneid in dem vorigen Jahre die Krise für die Juden heraufbeschwor, bereiten für die Zeit der Abwesenheit des Schah neue Angriffe gegen die Juden vor. Viel schlimmer aber lauten die Nachrichten aus der Provinz. In Barfourouch hat der Gouverneur es übel genommen, daß Juden es gewagt haben, gegen ein ungerechtes Vorgehen von seiner Seite sich bei seiner Vorgesetzten Behörde zu beschweren, und hat die Appellanten verhaftet, mehreren sogar die Bastonnade ertheilen lassen. Auf Intervention des Direktors der Alliance ist ein Befehl von Teheran ergangen, daß diese Ungerechtigkeiten sofort abgestellt werden sollen. Allein Persien ist groß und der Schah ist weit! In großen Theilen des Landes ist Hungersnoth, und die Wuth des Volkes richtet sich zum Theil gegen die Juden. So in Mazenderan, wo 60 Inder: sich haben bereit finden lassen, den Islam anzunehmen, in Bouchir, Kirmanschah und Hamadan. Um die Noth voll zu mache::, ist in Seneh, zwischer: Hamdan und Kirmanschah, die Pest ausgebrochen und richtet fürchterliche Verheerungen a::. Ein Hauptgrund der Noth der persischen Juden ist, daß sie in ihre Ghettos zusanunengepfercht sind, wodurch sie von der La::dwirthschaft ganz abgeschlossen sind und auf wenige Erwerbszweige angewiesen werde::. Da es heißt, daß die Errichtung einer Ackerbaufchule vielleicht seitens der Regierung gestattet würde, und die Allianz die Mittel hierfür zur Verfügung stellen könnte, so haben Cazes und sein Vertreter Rüben Levy sich bereits ein Passendes Terrain angesehen, das Privatbesitz des Schah ist und nur drei Stunden von Teheran liegt, also de:n Sitze der wohlwollenden Centralregiernug recht nahe. Es hat 13 000 Hektar- Umfang und könnte 130 Familien ernähren. Der Sturm auf die Justiz. (Des Koniher Dramas II. Theil.) allen Zeiten ist in: deutschen Osten der Respekt vorder preußischen Justiz die fundantentalste Grundlage allerauf Ordnung und gute Sitten gerichteten Bestrebungen gewesen. Als in den schwierigen Zeitläuften früherer Jahrzehnte manches wankte, und brach, war der Glaube an die Rechtlichkeit und das Vertrauen zu der preußischen Justiz