Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- Seite 302 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228392--56580-3292897- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
302 euugungen in Bälde zu erwarten. Wir fordern jeden edel denkenden Juden auf, sich an diesem humanen Werke zu betheiligen, und sind überzeugt, daß dieser Appell kein vergeblicher sein werde. Es gilt, ein und eine halbe Million arbeitsamer und unglücklicher Menschen aus geistigem Elend und materieller Noth zu befreien. Wer wollte da Zurückbleiben?" Der Aufruf trägt nahezu zweihundert Unterschriften der angesehensten Männer aus Berlin, Benthen, Bielefeld, Bingen, Bremen, Breslau, Bromberg, Bruchsal, Cassel, Chemnitz, Danzig, Dessau, Dortmund, Dresden, Eschwege, Essen, Frankfurt a. M., Gleiwitz, Görlitz, Halberstadt, Halle, Hambllrg, Hannover, Heidelberg, Karlsruhe, Kattowitz, Kempen, Köln, Krotoschin, Leipzig, Liegnitz, Magdeburg, Mainz, Mannheim, Müm chen, Nürnberg, Ostrowo, Posen, Ratibor, Stargardt, Stettin, Straßburg iElsaß), Stuttgart, Thorn, Wiesbaden, Worms und Würzburg. Wie verlautet, sind bereits namhafte Slnnmen für das Hülsswerk gespendet worden; auch ist es dem Eintreten des Delegirten der deutschen Logen auf dem Konventionstage des B'ne Brith-Ordens in Chicago, Herrn Sigm. Bergel-Berlin, gelungen, die Mitwirkung der amerikanischen Logen zu sichern. Wie man aus den im Aufruf gesperrten Stellen ersieht, verfolgt das Komitö, das diesen nach reiflicher Prüfung der Verhältnisse erlassen hat, keine Utopien, keine momentane Hilfeleistung, sondern durchaus praktische Ziele, deren Erreichung und Durchführung die überaus traurige Lage der Juden in jenen Ländern endgültig verbessern würde. Es wird nun Sache unserer Glaubensgenossen sein, sich mit allen Kräften an diesenr großen und echt humanen Rettungswerke zu betheiligen. Das Ziel ist ein so großes, daß es der größter: Mühe, der unermüdlichen Arbeit Aller bedarf, um es zu erreichen. Gilt es doch, anderthalb Millionen Menscher: aus Druck und Noth, aus Elend r:r:d Armuth zu befreien. So darf mar: wohl mit den Worten des Aufrrrfs fragen: Wer wollte da Zurückbleiben? Are Woche. Berlin, 27. Juni. Sie Geschichte ist eine schlechte Lehrmeistern:. Sor:st rrrüßten die Menschen ans den Tagesvorgänger: und Zeitereiguissen bessere Lehren ziehe:: als dies thatsächlich geschieht. Am meisten hätten die Antisemiten daraus zu lerner: rn:d gerade sie lerner: an: Wenigsten aus der Zeitgeschichte. Oder müßte es ihnen nicht zu derrkeu geben, wenn sie lesen, wie die Katholiken Frankreichs sich an den dortigen Protestanten revanchiren. Der „Protestant" (14. April) schreibt darüber: „Arbeiter verlieren ihre Stellung, weil sie evangelisch sind; in manchen Schulen werden die protestarrtischen Schüler beschimpft, ja in einer katholischen Elementarschule zu Paris wurde den Ki::derr: bei Strafe verboten, mit protestantischen Kindern zu spielen. Bezeichnend ist der Bescheid, der einer stelluugsuchenden Ladnerin in einem großen Geschäft der Weltstadt gegeben wurde: „Wenn Sie katholisch oder religionslos sind, nehmen wir Sie vielleicht; sind Sie protestantisch, dann nicht. Wir brauchen keine Protestanten, mehr hier/' Genau so machen es die antisemitischen Kaufleute in Könitz und Umgegend mit den Juden. Noch drastischer und die Schlußfolgerungen, die einzelne Blätter aus den Ereignissen in China und in Könitz ziehen. Aber nur versagen es uns absichtlich, näher darauf einzugeheu. Nur eine einzige Notiz wollen wir aus den vielen Berichten der Tagesblätter über den „gelben Schrecken" herausheben. An» läßlich des Boxeraufstandes in China hat der Londoner „Daily Expreß" ein Mitglied der Brüderschaft der Boxer in London interviewen lassen. Dieser Chinese äußerte sich über die Missionäre wie folgt: „Sie kommen zu uns mit einer neuen Religion, über deren hauptsächlichste Grundsätze sie selbst untereinander bitterlich uneins sind." Sollte dieser Chinese nicht damit das Gebot der Nächstenliebe gemeint haben, dessen Befolgung in Europa alles zu wünschen übrig läßt? * Bon den: Kriegsschauplatz in Könitz lauten in der letzten Woche die Nachrichten wieder schlimmer. Es herrschte dort große Erbitterung wegen der Verhaftung einiger Leute durch nicht in: Dienst befindliche Soldaten. Erstere hatten in Bezug auf den Schlächtermeister Levy beleidigende Aeußerungen geumcht. Es wird eine Beschwerde an den Militaroberbefehlshaber erfolgen, da man Mannschaften nicht für befugt zur Bornahiue von Verhaftungen hält, lvelche ohne Gewehr und Seitengewehr, nur mit Mütze bekleidet, spazieren gehen oder in der Hausthür stehen. Donnerstag traf durch Allerhöchste Ordre an den kommandirenden Major der Befehl ein, daß das Militär noch auf unbestimmte Zeit in Könitz zu verweilen habe. Die Anwesenheit des Geheimen Oberregiernngsrath Maubach hatte vornehmlich den Zweck, sich gründlich zu unterrichten, damit er später bei einer Interpellation im Reichstage Auskunft geben kann. Auf kommissarischen Bericht an den Minister des Innern ist Kriminalkommissar Klatt aus Berlin nach Könitz geschickt worden. In: Uebrigen sind in Könitz seit Jahren nicht so viele Meineide geleistet worden wie in den letzten Monaten, wenn man den Zeitungsberichten trauen darf, wozu wir übrigens nicht durchweg rathen n:öchten. Aber möglich ist es inunerhin. Denn in der durch die Hetzepidemie verseuchten Gegend gleicht nach einen: bekannten Worte „der Volksgeist einen: hungrigen und brüllenden Löwen, der mit blutgierigen Blicken seine Opfer sucht". Die uu garisch e Negierung hat die strengste Belvachung der rumänische:: Grenze behufs Verhinderung der Einlvanderung der aus Rumänien ausgeunesenen Juden angeordnet. Gegen- :värtig schweben zwischen der ungarischen, österreichischen und deutschen Negierung Verhandlungen wegen Durchzugs der Ausgewiesenen bis Hamburg. Die österreichische Regierung nmcht ihr Verhalten von der Entscheidung der deutschen Negierung, welche sich bisher nicht geäußert hat, abhängig. Die unglücklichen rurnänischen Juden haben nicht die Absicht, sich in Oesterreich oder in Deutschland niederzulassen. Sie wollten nur — ineist zu Fuß — nach Hamburg lvandern, um dann nach Amerika zu gehen. Es ist zu hoffen, daß die preußische Regierung ihnen dasselbe Wohlwollen entgegenbringt, das sie s. Zt. unter genau denselben Verhältnissen den russischen Juden gewährt hat. Ueber die Lage in Rumänien selbst wird einem hiesigen politischen Blatte von anscheinend lvohlinfornürter Seite Folgendes geschrieben: Die Gründe der jetzt ganz enorlne Dimensionen annehwenden Auswanderungsbewegung unter der rumänischen Judenschaft hat Ihr Berichterstatter richtig in dem durch die Mißernte vermehrten ökonomischen und politischen Druck gefunden. Die Juden unterstehen nämlich den: Fremdengesetz; es haben seit 1878 in: ganzen nur etwa 200 Juden die bürgerlichen und politischen Rechte erlangen können