Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Ar. 26. Kerlin» 29. Juni I960. eitung des Audenchums. Ein ««parteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redaeterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Nabüiner 0* fiiöuiig Phtttppson-Bonn. Verlags-Crpeöition: ßerlitt, Jerusalemerftr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Sttljftlt. Leitartikel r Das Hülfswerk. — Die Woche. — Der Sturm auf die Justiz. — Brief aus Oesterreich. — Die Historicität des Aufenthaltes der Juden in Aegypten. II. Von G e o r g E b e r s. — Urbilder moderner Urauencharaktereim alten Testament. III. Von Gertrud Gräfin Bül ow von Dennewitz. — Das Iudenthum in der Musik im 19. Jahrhundert. VI. Bon Dr. Adolph Ko Hut. — Feuilleton r Die Tscherkessenbraut. VI. Von I. Herzberg. — Litterarische Mittheiluugeu. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Dessau, Hamburg, Krefeld, München, Mün, Aus Rußland, Jerusalem, New- Bork. — Bon Nah und Fern. Aas Hülfswerk. Berlin, 27. Juni. s gewährt uns in dieser trübeil Zeit, in der die Hiobsposten aus Könitz und andern Städten Westpreußens, alls Rußland, Rumänien und Galizien sich förmlich ablösen, eine aufrichtige Genugthuung, daß wir endlich in der Lage sind, auf die vielen Anfragen^rnd Anregungen, die aus unserem Leserkreise in dieser Beziehung an uns gelangt sind, eine, wie wir glauben, befriedigende Antwort geben und nähere Mittheilungen über das große und unifassende Hülfswerk machen zu können, das von beu deutschen Logen des B'ne Brith-Ordens ullternommen mld von beu besten Männern unserer Gemeinschaft hoffentlich zu gedeihlichem Ziele geführt werden wird. Der nachfolgende Ausruf wird unfern Lesern Kunde geben von dem Plan, der die beibeu Centren des Nothstandes: Rumänien und Galizierr gleichmäßig umfaßt. Derselbe lautet folgendermaßen: „Die trostlosen Nachrichten, die in letzter Zeit fast alltäglich ans Galizien und Rumänien zu uns gelangen, haben von neuem die allgemeine Aufmerksamkeit auf die unglückliche soziale Lage gelenkt, unter welcher die dortigen Glaubensgenossen leben. Von jeher hat die jüdische Bevölkerung dieser Länder, fast I V2 Million Menschen, mit großer wirtschaftlicher Noch zu kämpfen gehabt. Durch Feindseligkeiten vielfacher Art und burcö antisemitische Aufreizungen ist die Noth der all und für sich schon Armen ausis Höchste gestiegen, so daß eine große Anzahl buchstäblich Hunger leidet und schweren Krankheiten erliegt. Es dürfte sich erübrigen, eine in's Spezielle gehende Schilderung der dortigen Zustände au geben, da sie hinlänglich bekannt und durch die jüngsten Nothschreie aus jenen Gegenden grell genug beleuchtet sind. Gleichzeitig herrscht dort bei dem allergrößten Theil der Juden eine Geistesarmuth und ein kultureller Rückstand, der wahrhaft erschreckend ist und die Bevölkerung in eine stumpfe Resignation gebracht hat, so daß sie apathisch alles über sich ergehen ließ. Soll sich dieses materielle und geistige Elend verewigen? Sollen unsere dortigen Glaubensgenossen tu Noth umkomnien, itt geistiger Nacht unrettbar verloren gehen? Wir dürfen uns der Wahrnehmung nicht verschließen, daß in dem permanenten osteuropäischen Judenelend auch eine große Gefahr für die Gesamtjudenheit namentlich aber für die Nachbarländer liegt. Sollte es nicht möglich sein, die bedürfnißlosen, arbeitsamen und begabten Menschen aus dieser unendlich traurigen Lage zu befreien, ans der dumpfen Verzweiflung heranszureißen? Freilich sind schon vor 10—15 Jahren manche Ansätze gemacht worden, um dieser hart bedrängten Bevölkerung Rettung zu bringen. Sie sind gescheitert, weil sie sich entweder nur auf einzelne Theile der Länder erstreckten oder auf einzelne Zweige beschränkten. Sie sind gescheitert, weil die Mittel und Wege zur Rettung von Gesichtspunkten ausgingen, die sich nicht verwirklichen ließen, und weil Versuche gemacht wurden, die bei dem Unverstand und den Vorurtheilen, die dort herrschen, scheitern mußten. Jetzt macht sich auch wenigstens in Galizien ein Zug nach kulturellem Fortschritt in allen Schichten der Bevölkerung geltend, und es steht zu erwarten, daß, wenn man sich der galizischeu und rumänischen Juden in richtiger, sachgemäßer Weise annimmt, es gelingen muß, sie wirthschaftlich und geistig einer besseren Lage entgegenzuführen. Von dieser begründeten Voraussetzung ausgehend, haben die reichsdeutschen und österreichischen Glaubeilsgenossen, veranlaßt durch die deutschen Bß;ei Britz-Logen und die österreichischen Humanitäts-Vereine, vor zwei Jahren ein Rettungswerk angeregt und die nothwendigen statistischen Vorarbeiten und Unterlagen zur Prüfung der Sachlage zunächst in Galizien gemacht. Darauf hin ist in Oesterreich zu Anfang dieses Jahres ein Landesverein gegründet worden, der die Hilfsaktion für Galizien organisirt und leitet. Es sollen praktische, gut durchführbare Vorschläge in's Werk gesetzt werden. Jll allererster Reihe gilt das Jllteresse natürlich der heranwachsendeil Jugend. Es wird geplant, Handwerkerschnlerl, Lehrlingsheirn, Handels- und Ackerbauschulen zu errichten, an der Hand der früher gemachten Erfahrungen, die Jugelld zum Handwerk und Ackerbau zu erziehen. Ferner empfiehlt sich die Schaffung von Arbeit und Erwerb für die jüdische Bevölkerung, Errichtung von Hausindustrien mit gesichertem Absatz, sowie von Central-Verkaufsstellen für gewerbliche und landwirt hschaftliche Erzeugnisse, Einrichtung von Vorschußkassen zur Beschaffung eines billigen und leichten Kredits, Organisirung und Einrichtung von Gen ossen sch a stell im Gewerbe und Handel. Für Rumänien dürste es sich außer dieser Aufgabe vornehmlich um eine planmäßig geleitete Au s w an d er u n g handeln« Freilich ist das alles nicht ia kurzer Zeit zu erreichen, vielmehr bedarf es unausgesetzter Arbeit durch ein Menschellalter, sollen die galizischeu und rumänischen Juden zu selbstdenkenden, selbstthätigen Menschen herangebildet werden; dernl das soll das Endziel der Rettungsaktion sein: die kulturelle und sittliche Hebung dieser hilflosen, geistig verarnlten Menschen zu bewerkstelligen, damit sie aus eigener Kraft dem Fortschritt in allen Berufen sich zuwenden könllen. Für dieses groß angelegte Werk reichen die Kräfte der Juden eines Landes llicht aus. Die gesammte Judenheit aller Kulturländer uluß für dieses Rettungswerk aufgerufen werden. Auch unsere deutschen Juden werden sicher Vicht zurückstehen; sie haben die nnabweisliche Pflicht, ihren unglücklichen Glaubensbrüdern die Hand zur Hilfe zu reichen. Es sott nun ein ganz Deutschland umfassendes Komito gebildet werden, dasSammlungen von Geldmitteln in weiten; Umfange veranstaltet lmd gleichzeitig in Anlehnung an die bestehenden israelitischen Hilfsvereine für Osteuropa das Rettungswerk iu systematischer Weise in die Wege leitet, In Amerika. England und Frankreich sind gleiche Veranstaltungen für dieses große Rettungswerk von den dortigen großen jüdische;; Ver-