Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 und den gegenwärtigen Stand dieses Unterrichtszweiges an den württembergischen höheren Schulen orientirte. Die Lösung dieser Fragen wurden der nächstjährigen Versammlung Vorbehalten. Außerdem wurden noch verschiedene amtliche Angelegenheiten besprochen und in manchen ein einheitliches Vorgehen verabredet. Die Versammlung nahm auch Gelegenheit, dem Herrn Kirchenrath durch einen der Herren in der Sitzung des zweiten Tages ihr lebhaftes Bedauern ausznsprechen über die ungualifizirbaren und grundlosen Angriffe, die gegen denselben in einem jüdischen Blatte gerichtet wurden, ihn ihres uneingeschränkten Vertrauens zu versichern und zu konstatiren. daß jene Vorwürfe jedweder thatsächlichen Grundlage entbehren. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 18. Juni. In der letzten Zeit wurden abermals vom Hradischer Kreisgerichte acht Personen wegen Betheiligung an den im Vorjahre begangenen antisemitischen Ausschreitungen zu längeren Freiheitsstrafen verurtheilt. — An den Untersuchungsrichter in der Pol na er Mordaf faire. Adjunkten Dr. Schehanek. laufen fortwährend Mittheckungen ein. die es im Zusammenhalte mit deni Umfange der früheren Erhebungen gegen Leopold Hilsner unmöglich machen, die Untersuchung abzuschlieszen. Trotzdem der Kassationshof die Anordnung der Verhandlung für die nächste Schwurgerichtsperiode verfügt hat, ist es mehr als wahrscheinlich, daß die Verhandlung erst im Herbste ftattfinbeu wird. — Der hiesige Stadtrath hat. wie vorauszuseheu war, eine Eingabe wegen Aenderung des Namens Seitenstetteugasse im 1. Bezirk in „Clara Hirsch v. Gere u t h g a s s e " (nach der Wittwe des Baron Hirsch) abgelehnt. Aber die große Spende, die die verstorbene Baronin der Stadt Wien testirte, hat der hochweise Gemeinde- und Stadtrath nicht abgelehnt, im Gegentheil ganz nach Gutdünken verwendet! — In der vorgestrigen Sitzung des Professorenkollegiums der philosophischen Fakultät wurde Professor Dr. David Heinrich Müller znm Dekan für das Studienjahr 1900/1901 gewählt. — Der Kaiser hat dem Fabrikbesitzer Herrmanu Grab in Prag den Orden der eifernden Krone III. Klasse und dem Eisenbahninspektor in Naudnitz. Ignatz Wortiz, den Titel eines Regierungsrathes verliehen. — Es ist sicher ebenso interessant wie charakteristisch für das Judenthum unserer Zionisten, daß die zi on i st isch en j n d i sch e n Ha n d el s a n g est ell ten in Oesterreich ihren Parteitag am 1. und 2. Tag des Schabuotfestes im zionistischen Kongreßbüreau in Wien abhielten. Um 9 Uhr, zur Zeit des Gottesdienstes begann der Parteitag. Schriftliche Meldung zum Wort war Bedingung. — Die „ I s r a e l i t i s ch e A l l i a n z" veröffentlicht heute folgenden Aufruf für die unglücklichen rumänischen Juden: „Ein Nothschrei von mehr als zweimalhnnderttausend in namenloses Unglück gerathenen Juden dringt aus Rumänien in die Welt hinaus. Die Lage der Juden in Rumänien ist bereits seit langen! die denkbar traurigste geworden, seitdem man nämlich für sie die Bezeichnung „Fremdlinge" erfunden, sie aller bürgerlichen Rechte beraubt und ihnen nur die Erfüllung von Bürgerpflichten beließ. Juden ist als Fremden die Bethätigung im Handel und Gewerbe unterbunden, und sogar der Zugang zu den Unterrichtsanstalten wird der Heranwachsenden Jugend so gut wie verwehrt. Dieses Elend in ihrem Vaterlande erfuhr durch die zwei letztjährigen Mißernten eine ungeheuerliche Steigerung. Während die Regierung für die Nichtjuden Nothstandsarbeiten verfügte und unter die Hungernden Brod vertheilt, find Juden als sogenannte „Fremde" auf den Aussterbeetat gesetzt worden. Ueber 200 000 Juden fielen dadurch grenzenloser Verzweiflung anheim. Dringendst ist die Pflicht zu helfen. Da an eine Auswanderung und Verpflanzung einer solchen Menschenmenge in fremde Länder gegenwärtig nicht zu denken ist. muß sich die Hilfsaktion zunächst darauf beschränken, die Hilfsbedürftigen in Rurnänien selbst zu unterstützen, run es ihnen zu ermöglichen, die schwere Hnngerszeit bis zur voraussichtlich günstigen Ernte dieses Jahres zu überdauern. Hierzu sind aber bedeutende Geldmittel erforderlich. Wir richten daher an alle Glanbensbrüder und alle Menschenfreunde die inständige Bitte, unsere Hilfsaktion durch Geldspenden ausgiebig und ehebald zu fördern. Gaben übernimmt die „Israelitische Allianz" in Wien I., Weihburggasse 10 und auch die Redaktion dieses Blattes. 6. Budapest, 15. Juni. Vor Jahresfrist hatte der Petenher Grundbesitzer Moriz Löwy einen Fonds von 100 000 Kronen gestiftet, aus dessen Zinsen jährlich zehn Preise von je 400 Kronen an solche Schüler der Budapester Mittelschulen vertheilt werden sollen, die gute Fortschritte im Studium der Bibel aufweisen können. Vor einigen Tagen fand die erste Konkurrenz um die Löwy-Preise statt. Nach der Vertheilung der Preise gab Löwy die Erklärung ab, daß er an seinem 80. Geburtstage diese Stiftung um weitere 100 000 Kronen ergänzen wolle. — Die Jury der ungarischen Litteraturgesellschast sprach den 1000 Kronenpreis für eine Arbeit über die Organisation derJudenheit in Europa dem Neupester Rabbiner Dr. Ludwig V e n e t i a n e r zu. — Max Reumann wurde der Orden der Eisernen Krone dritter Klasse, Sigmund B. Geiger der Titel eines königlichen Rathes verliehen. — Rabbiner Dr. Mayer Austerlitz in Eperjes feierte die 40. Jahreswende seines Amtsantrittes. Die Kultusgemeinde und die Wohlthätigkeitsvereiue bereiteten ihm herzliche Ovationen. Don Nah und Fern. Gegen das Aushängen der antisemitischen Bilderbogen in den Schaufenstern gewisser Antisemiteukneipen zu Berlin ist die Polizei eingeschritten. Unter Bezugnahme ans das alte preußische Preßgesetz von 1851 werden die betreffenden Wirthe aufgefordert, die Bilderbogen aus ihren Schaufenstern zu entfernen, widrigenfalls ihnen eine Geldstrafe von 50 Mark angedroht wird. Gegen die polizeiliche Verfügung ist seitens der Wirthe Beschwerde erhoben worden. — Der zur Prämiirung hervorragender Leistungen auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens eingesetzte Preisausschuß des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen hat dem hiesigen Regiernngsrath Dr. Georg Eg er für seine in den Jahren 1895—1898 erschienenen Kommentare zur Verkehrsordnung für die Eisenbahnen Deutschlands, zum Kleinbahngesetz und zum Gesetz betreffend das Pfandrecht an Privateisenbahnen u. s. w. einen Preis verliehen. — Die Gesellschaft für Erdkunde hat die Karl-Ritter-Medaille in Silber für 1899 Professor Dr. Alfred Philippson-Bonn verliehen. — In Neisse wurde dieser Tage Frau Paula Leipziger auf Vorschlag des Oberbürgermeisters Warmbrunn znm Vorstandsmitglied des Vaterländischen Frauenvereitts erwählt. Die Wahl erfolgte einstimmig. — Das von den Benny Burchar dt scheu Eheleuten in Lan d sb erg a. W. bei der ehemaligen Königlichen Gewerbeakademie zu Berlin (jetzt Technische Hochschule, Abtheilungen für Maschinen-Jngenieurwesen. für Schiff-und Schiffsmaschinenbau, für Cheniie und Hüttenkunde) gestiftete Stipendium soll vom 1. Oktober 1900 ab in Höhe von 600 Mark jährlich für höchstens drei Jahre anderweit verliehen werden. Bewerber müssen preußische Staatsangehörige und jüdischen Glaubens sein. — Stadtrath Joseph Baer in Frankfurt a. M. hat aus Gesundheitsrücksichten seine Stelle als Mitglied des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde niedergelegt. An seiner Statt ist Stadtrath Dr. Lew in gewählt und von der Behörde bestätigt werden. — In Paris ist der Generalsekretär des israelitischen Konsistoriums, Leon Kahn, der sich auch durch mehrere Arbeiten über die Geschichte der Juden in Paris bekannt gemacht hat, gestorben. Bei dem Leichenbegängnisse sprachen die beiden Großrabbiner und Baron Gustav v. Rothschild im Namen des Konsistoriums. — Der holländische Maler Josef Jzraels hat die Ehrenmedaille der internationalen Jury für die schönen Künste auf der Pariser Weltausstellung erhalten. — Nach statistischen Angaben waren beim Jahresschluß 1890 im ganzen Reiche Schweden 2281, beim Jahresschluß 1895 nur 2243 Inden daselbst. — An der zoologischen Polarexpedition, die von Schweden aus unternommen wird, betheiligt sich auch der Forschungsreisende Dr. E. Lev in aus Stockholm. - In London wurde ein jüdisches Asyl für junge Mädchen eröffnet, die dort fremd ankommen. Sara-Pyke-House ist der Name der Anstalt zur Erinnerung an die verstorbene Gemahlin des Herrn Josef Pyke. 20 Zinuner stehen augenblicklich zur Verfügung. Das Heim steht unter Leitung der „Jüdischen Gesellschaft znm Schutze von Frauen und Mädchen. — 52 jüdische Familien des Distriktes Elisabethgrad sind um die Erlaubniß eingekommen, sich als Landwirthe in Tomsk (Sibirien) niederlassen zu dürfen. — Die 11. Centralkonferenz amerikanischer Rabbiner findet in Buffalo vom 3.-7. Juli d. I. statt. — In Persien leben gegenwärtig 40 000 Juden. Die größte Gemeinde befindet sich in Teheran mit 5500 Seelen. Dann folgen Jspahan mit 5000, Hamadan mit 4500, Sineh mit 4000 und Schiras mit 3500 Seelen. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.