Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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einigen Richtungen noch ergänze. Schon am Vorabend des Festes fand die Abschiedsfeier in der alten Synagoge statt, wo unser beliebter Prediger, Herr Notschild, iw rührenden Worten voll der Stätte Abschied nahm, an der er lnehr als ein Vierteljahrhnudert das Wort Gottes gelehrt. Dann zogen die Vorsteher der Gerneinde mit den Thorarollen nach der neuen Synagoge. Ein kleines Mädchen überreichte dem Erbauer derselben, Herrn Eisenbahn-Vaninspektor Fürstenau, den Schlüssel mit einer poetischen Ansprache, die dieser mit den besten Segenslvünschen erwiderte, indem er den Schlüssel dem Vorsteher der Genleinde, Herrn Adolf Elias, übergab. Nun begann der feierliche Einzug in das Gotteshaus, dessen innere Ausstattung einen geradezu überwältigenden Eindruck machte, der durch die Festrede des Herrn Rabbiner Dr. Frank-Köln noch erhöht wurde. Am selben Abend fand ein Symphoniekonzert des gesammten Philharmonischen Orchesters statt, das mit der Ouvertüre von Beethoven „Zur Weihe des Hauses" eingeleitet, in höchst wirkungsvoller Weise ausgeführt wurde. Auch aln folgenden Morgen hielt Dr. Frank eine nach Form und Inhalt gleich ergreifende Predigt. Am Nachmittage fand im grasten Saal des Fredenbanm ein Festessen statt, an dem mehr als 800 Personen, darunter der Ober- und Regierungspräsident, der Oberbürgermeister, städtische und andere Behörden, theilnahmen. Einen tiefen Eindruck machte am selben Abend die Aufführung der Festspiele, deren Verfasser eines der eifrigsten und begabtesten Mitglieder unserer Gemeinde, der in weiten Kreisen bestbekaunte Siegfried Freund ist. Das erste dieser Festspiele ist ein kulturhistorisches Stimmungsbild „Aus vergangenen Tagen", das in Dortmund im Mittelalter spielt und durch poetische Empfindung, geistvolle Gedanken, tiefreligiöse Weltanschauung sich von ähnlichen Gelegenheitsdichtungen auszeichnet. Wir sind fest überzeugt, daß dieses kleine Drama in einem Aufzuge bei allen Synagogeneinweihnngen zur Aufführung gelangen und überall denselben Erfolg haben wird wie hier. Auch das parodistische Festspiel mit Gesang und Tanz „Die Weihe des Tempels Salomos" von demselben Verfasser erfreute sich einer glänzenden Ausnahme. Ein fröhlicher Ball bildete den Abschlust dieses Abends. Am Sonntag faub noch ein Kindervergnügen in den Anlagen der Hubertsburg statt, mit dem die glänzenden Festlichkeiten anläßlich der Einweihung unserer neuen Synagoge beendet wurden. A Köln, 12. Juni. Zu der Pfingsten hier im historisch denkwürdigen Gürzenich stattgefnndenen grosten deutschen L e h rerv er sa rn ml n n fl hatten sich auch, wenngleich in nicht großer Zahl, Vertreterder jüdischen Lehrerschaft aus Rheinland und Westfalen eiugefunden, auch zwei hiesige Rabbiner und ein jüdischer Rechtsanwalt figurirten unter den Namen der Mitglieder. Deil ersten von eitlem bedeutenden Redner und Lehrer aus Leipzig mit edlem Frei um th und idealer Begeisterung für die Volksbildung, fern von allem konfessionellen Anstrich gehaltenen, mit rauschendem Beifall ausgenommenen Vortrag über „Rückblicke und 'Ausblicke an der Jahrhundertwende", seine Reformnnd Erziehnngsgedanken, die in Pestalozzi und Diesterweg ihre Verkörperilllg gefunden, können auch wir vom allgemein jüdischen Standpunkte aus voll ulld ganz unterschreiben; auch pflichten wir ihm bei ill dem Rufe: „Die Kirche (also auch die Synagoge) deil Theologen, die Schule den Pädagogen", da die Veailfsichtigten den Aufsehern ill dell meiften Fällen an pädagogischem Wissen überlegen sind. Am zweiteil Tage staild die Frage über den Haudfertigkeitsunterricht auf der Tagesordnung. Die überwiegende Majorität stimmte llach heftigen Debatten gegen die Einführliug dieses Uuterrichtsgegenstandes in deil Volksschulen. Auch glaube ich ilu Sinne aller jüdischen Lehrer, besonders an eillilnd zweiklassigen Volksschulen 31t sprechen, wenn ich sage, dast bei dell vielen Ailfordernngell, die heutzutage au die Leistungsfähigkeit der Lehrer gestellt werden mib ill Anbetracht, dast der Unterricht ill deil religiösen Fächern, Hebräisch re. bei der knapp iln Lehrplan zilgemessellell Stundenzahl wahrlich feine Zeit mehr übrig lästt, die Knaben a 11 et) noch an der Hobelballk und denl Pappkasten arbeiten zu lassen. Die Festschrift, heransgegebeli vom Litterarischen Ausschust enthielt eine beachtenswerte Abhandlung vom Lehrer M. Goldschrnidt hier, über das jüdische Lehrervereinswesen ill Rheinland und Westfalen. — Der in weiten Kreisen durch seine jüdische Kalenderberechnung uild auch andere litterarische Arbeiten rühllllichst bekannte Lehrergreis. Herr Eohn ill Rees feierte am vergaligelleil Sabbath feinen 70. Geburtstag, bei welcher Gelegeilheit ihm viele Ovationen voll Gemeindekvllegen aus Nah und Fern dargebracht wnrden; diesem Feste folgt im August sein 50 jähriges Alutsjubiläum. t. München, 17. Jlllli. In den lebten 1ö Jahren silld ans der baierischen Jndenschaft drei Männer weggestorben, die im öffentlichen Leben der Hauptstadt eitle hervorragende Rolle gespielt haben, geleitet von reillster Uneigennützigkeit ulld der öffentlichen Ehren nid)t theilhaftig geworden, lveil sie etlva darnach gestrebt hätten, sondern lediglich ill Auerkeillllulg ihrer Uneigennützigkeit uild ihres mit einem gesunden Scharfsinn ausgestatteteteil Fleistes. Wolf Fra uken bürg er, der eillstillalige Reichstagsabgeordllete der Stadt Nürnberg, ihr langjähriger Abgeordneter zruil bayerischen Landtage uild als solcher mit eines der eifrigsten Mitglieder, welche diese gesetzgebende Versammlung je besessen hat. ill lvelcher er die umfangreichsten Referate besorgte, sodast er wohl dell gröstereil Theil seiner Zeit ill der Hauptstadt verlebte und zlvar unter theilweiser Anfopferulig der reicheil Einnahmen, die ihln austerdelil fein von ihnl mit seltenem Erfolge bekleideter Beruf als Rechtsallwalt gebracht hätte, Karl Mai so n, der Abgeordnete der Stadt München znlii baierischen Landtage, langjähriger Handelsrichter, sowie eifriges Mitglied der Handelsulld Gewerbekanuner für Oberbaiern, lind Lollis Reiche n b er g er, der seit 0 Iahrell Magistratsrath ill München gewesen ist und gleichzeitig die Steltullgen eines Handelsrichters und eines Mitgliedes der Handels- und Gewevbekammer für Oberbaiern bekleidete: Alle Drei find sie meines Wissens alls fteinen ländlicheil Genieillderl hervorgegailgell, alle Drei haben sie die große Eigellschaft gehabt, nicht über alles 311 reden; wenn sie aber sprachen, haben sie stets dell Nogel auf den Kopf getroffeil, lind lvas für den der ihres Stamules ist lilld sie kannte, die gröstte Freude ist: alle Drei habell sie bei alleul Eifer für ihren liberalen Standpllllkt infolge der Laliterkeit ihrer Gesillliullg und der versöhnlichen Haltung ihrer Person die Hochachtung der politischen Gegller ill seltener Weise genoffen. Wie in dieser Zeitung seinerzeit berichtet lvorden ist, hat an dell Gräbern von Frankenburger und Maison ein Abgeordneter der Centrumspartei die auevfennenbften Abfchiedslvorte gesprochen. So ist auch hellte Nachmittag der Kommerzienrath L 0 u is R e i ch e n be r g e r , vor noch llicht Jahren in Jchenhanseu geboren, allzu früh begraben lvorden und die Mitglieder der Kollegien der Stadt München, all ihrer Spitze dev Bürgermeister lilld die Vorsteher des Kolleginills der Gemeindebevollmächtigten in ihrer Amtstracht, die Mitglieder des Landgerichtes München l, an der Spitze dessen Präsident, ebellfatts angethan mit den Zeichen ihres Amtes, der Vorstand der Handelslilld Gewerbekammer mib zahlreiche andere in öffentlichen Stellungen befindliche Personell haben den: verdienten Manne die letzte Ehre erwiesen. Der von der Todtenbruderschaft getragene Sarg war umgeben voll ben brennenden Fackeln tragenden Magistratsboten. Die Dienste, die Neichenberger der Stadt München erwiesen hat, bestanden hauptsächlich in der Obsorge für das Kassenwesen, lilld insbesondere von dev Sparkasse der Stadt München wird gerühmt, dast sie durch ihn eine Musteranstalt geworden sei. Schade, dast auch er allzufrüh vom Schallplatze seiner Thätigkeit abgernfeil lvnrde. o. Stuttgart, 8. Julli. Alli 20. ltnb 21. v. M. tagte hier der „Verein Württembergiseher Rabbiner". Amveseild lvareu die Herren Dr. Berlinger jr.-Bramlsbach. Fried-Ulm, Jaraezewskh- Mühringen, Kahn - Heilbronll, Kahn - Eßlingen, Kroner-Stuttgart Kroner-Oberdorf. Siöstel-Stnttgart, Straßburger-Goppingeil, Treitel- Laupheiul. Eiltschuldigt hatten ihr Wegbleibell Berlinger seil. - Brannsbach, Heilbrolluer - Weikersheim, Saenger-Mergelltheim. Den Vorsitz führte Kirchenral h Dr. Kroner. Nach der Begrüßung sei teils des Vorsitzenden und der Berichterstattung des Kassirers unb des Schriflführerslvurdezll 1 lächst dieAntwortverleseil, welche die Oberkirchenbehörde auf die alls der vorjährigen Versammlung vereinbarte Eingabe des Verbandes betreffend Behandlung des rituellen Schlachtweselis und Fleisch- Verkaufes ertheilt hatte. Ill derselben „billigt die Behörde die von den Rabbinern vereinbarten Grnndsätze nnd erklärt, dast sich dieselbell auch mit ihrer, der Behörde, Auffassung vollstäildig decken." Die Hallptarbeik galt der Ausarbeitung eilles neuen Normallehrplanes für die israelitischen Volksschulen Württenlbergs. Bereits im Laufe des vorigen Jahres waren Glltachten von Lehrern llnd Rabbinern über die Abänderungsbedürftigkeit des seit 1870 bis dato bestehenden Lehrplanes eingefordert lvordeil. Am zweiten Tage lvnrde diese Aufgabe vvlleildet lNld eiilstinnllig der gallze Plan angenvmulen. Darauf gillg Ulan all die Frage des Religionsnliterrichtes in den höheren Schulen, indem man sich an der Hand eines eillgehellden Referates des Kollegen Straßburger über die historische Elltwickelullg i?■ j. ¥ 1