Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- Seite 300 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Währenddessen war Esther unten in der Küche bemüht, alles zur Pflege des Schwerverwundeten vorzubereiteu. Sie bereitete einen stärkenden, labenden Trunk für den ermatteten Fremden. Vater und Tochter waren übereingekommen, einstweilen Kascha nicht mit ins Vertrauen zu ziehen, da sie Verrath befürchteten. Die Magd sollte nicht eher geweckt werden, als bis alle Spuren beseitigt seien, die darauf hätten hindeuten können, wer der im Erkerzimmer liegende Fremde sei. Die Uniform und die sonstigen Gegenstände, die bei diesem vorgefunden wurden, barg Aron sorgfältig in einen Wandschrank, der stets verschlossen gehalten wurde. Kascha aber theilte er mit, ein fremder Jude, der harmlos seines Weges gewandert sei, sei von den Sensenmännern angegriffen und schwer verwundet worden. Er habe um Unterkunft gebeten, die ihm auch gewährt worden sei. Auf Wunsch des Vaters brachte nun Esther den bereiteten Trunk nach oben. Als sie im Eingänge erschien, sah sie den Verwundeten auf dem Lager, sorgsam gebettet, liegen. Der Vater stand ihm zu Füßen, besorgt seine Gesichtszüge beobachtend. Das Licht fiel auf das blasse Antlitz des Tscherkessen, dessen beide dunkle Augen diejenigen Esthers trafen. Ein Beben ging jäh durch den Körper des schönen Mädchens und von diesem Moment an war ein geheimnißvolles Band zwischen zwei jugendlichen Herzen geknüpft worden. Doch nur für eine Sekunde hatten sich die Augen Beider in einander versenkt, dann hatten sich die des Verwundeten plötzlich geschlossen, der meine tiefe Ohnmacht versunken war. Erschrocken eilten Vater und Tochter zu dem Ohnmächtigen. Aber alle ihre Bemühungen blieben lange fruchtlos. Die Leblosigkeit schwand wohl, und auch die Körperwärme kehrte zurück, doch steigerte sich diese bald zu einer glühenden, verzehrenden Fieberhitze. Aron kühlte dem Fiebernden die Stirne, der sich unruhig auf seinem Lager wälzte. — — Inzwischen war der Morgen angebrochen. Aron und seine Tochter konnten an einen Schlaf nicht mehr denken, und so begab sich denn Bornheim nach unten, seine Tochter allein beim Kranken lassend. Nachdem er die Fensterläden geöffnet, bemerkte er da, wo vor wenigen Stunden der Kampf gewüthet hatte, einen menschlichen Körper liegen, der nur noch geringe Spuren von Leben zeigte. Aron trat vor das Haus, um den Körper zu besichtigen. Aber wie erstaunte und erschrack er, als er in das Antlitz des Mannes schaute. Es war kein anderer als — — Stanislaus Nigojewski, der Bruder Kaschas! Sofort eilte Aron ins Haus und holte Kascha herbei, die sich wehklagend über den anscheinend tobten Bruder warf, unausgesetzt ausrufend: „0, Panie Böze! Möj kocliany! Möj brat!'41) Ihr lautet Wehklagen hatte noch mehr Leute herbeigelockt, und man sprach allerlei Vermuthungen aus, was sich zugetragen haben könne. Die Polen waren überzeugt, das könne nur das Werk „eines verfluchten Preußen" gewesen sein. Aron hütete sich wohl, hier Aufklärung zu geben, denn hätte man geahnt, was sich in Wirklichkeit zugetragen, so wäre es um ihn geschehen gewesen. Man hätte mit dem „pschakrew Zid“1) gar kurzen Prozeß gemacht und ihn an den nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft. — *) O, Herr Gott! Mein Lieber! Mein Bruder! J) b. h. verfluchter Jude. Stanislaus wurde in die Behausung seiner Mutter geschafft, und Aron zweifelte nicht daran, daß er jene nicht wieder lebend verlassen werde. Somit wähnte er sein Geheimniß vor Verrath sicher!- Für das Bornheim'sche Haus aber begannen jetzt schwere, bange Tage der Sorge und der Angst. Tag und Nacht erging sich der Kranke in wilde Fieberphantasten. Einem jähen Aufschrei, einem gellenden Angstrufe folgten daml wohl Worte der Liebkosungen. Esther wich nicht vom Lager des Kranken, sie hielt treue Wacht, während der Vater unten das Geschäft versah. Wohl vernahm sie Worte und zuweilen sogar kurze, abgerissene Sätze von den Lippen des Phantasirenden, doch wußte sie denselben keinerlei Sinn beizumessen. Sie blieben ihr ein Räthsel, wie der Fremde selbst ihr ein Räthsel war! — So waren mehrere Tage dahingegangen. In den Straßen Berenbergs tobte der Kriegslärm, das Befürchtete war längst eingetreten und überall wüthete der Aufstand mit seinen Begleiterscheinungen. Währenddessen lag der Tscherkesse wohl geborgen im Bornheimffchen Hause, bewacht mit inniger Liebe und Sorgfalt. Nur wenige lichte Augenblicke waren ihm bisher beschieden gewesen. Mit zitternder Hand reichte ihm Esther den Labetrunk, und ein seliger Schauer durchrieselte ihren Körper, wenn ihre Hand die seiuige berührte, oder wenn sie ihm die schweißtriefende Stirn trocknete. Wie ging ihr dann sein stummer Dankesblick durchs Herz und fast wäre sie in die Kniee gesunken, Gott um die Erhaltung des Geliebten anzuflehen! — Ja, sie liebte ihn, seitdem sie ihn in jener Schreckensstunde zum ersten Male geschaut. Ihr jungfräuliches Herz, das bisher unberührt geblieben, ward von einer unbezwinglichen Neigung zu dem schönen Manne erfaßt, der da vor ihr lag. Ja, schön war er, berückend schön, wie ihr Auge bisher noch keinen Mann geschaut. Welch edle Züge Zeigte das im Fieber erglühte Gesicht! Nur diesen Mann konnte und mochte sie lieben; ihm ganz allein all ihr Sinnen und Trachte:: zu weihen, wäre sie mit Freuden bereit gewesen, llnd keinem anderen Manne würde sie je in gleichem Maße iu Liebe zugethan sein können. — Was war der blonde Moses, den der Vater für sie als zukünftigen Gatten erkoren, gegen diesen herrlichen Mann, der alle körperlichen Vollkommenheiten in sich vereinte?- Aber ad}\ Durfte sie auf die gewaltige Stimme in ihren: wild bewegten Herzen horchen? Durfte sie die in ihrem Innern aufkeimende Neigung sich weiter entfalten lassen? Durfte sie dem mit Gefühlen der Liebe nahen der ihr fremd war, dessen Name:: sie nicht einmal kannte, von den: sie nicht wußte, weß Glaubens er sei? — Und was würde der gute Vater sagen, wenn er die Gefühle errathen würde, die in ihr tobten? Würde er sie nicht sofort für alle Zeit von dem Fremden fernhalten? Würde erste nicht aus dem Erkerzimmer, das sie bisher gar selten betreten, und das ihr jetzt der liebste Aufenthaltsort geworden war, für innner vertanen und die Pflege des Geliebten in andere Hände legen? — Daran: umßte sie ihm ihr Herz verschließen, durfte sie sich ihn: nicht offenbaren! Wie schwer lag ihr dieses Geheimniß auf der Seele! Hatte sie doch bisher vor ihren: Vater rüe etwas verheimlicht. Erkannte all ihr Thun und Lassen, und ihr Herz hatte stets wie ein offenes Buch vor ihm gelege::, worin er jederzeit klar und deutlich lesen konnte. — (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.