Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- Seite 299 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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299 iamfeit itnb Beachtung. So viel wir wissen, hat er sich erst 1854, bevor er seine Stellung als königlicher Konzertmeister und Kammervirtuos zu Hannover antrat, auf einen Wink tunt oben taufen lassen. Denn zu jener Zeit waren die Welsen durchaus antisemitisch, mib der Künstler glaubte durch einen Glaubenswechsel in seiner Karriere eher vorwärts zu kommen. Wir brauchen wohl nichts weiter zum Ruhme Joachims zu sagen. Man weis;, daß seine Technik eine eminente ist, und HUMiit auch Virtuosen wie Sarasate und Wilhelms durch Glanz und bestrickendes Kolorit vorübergehend größere Erfolge erzielten, blieb doch seine überlegene Größe und klassische schule schließlich Sieger. Man kennt ihn auch als ausgezeichneten Quartett- und Konzertspieler nicht nur ill Deutschland, sondern auch int Auslände, besonders aber in England, ioo er die alljährliche Zierde der Londoner Saison ist. Als Komponist hat er manch schönes Werk für die Violine, mehrere Ouvertüren, einige Märsche k. geschrieben, und ist seine Musik der seines Freundes und Gönners Robert Schumann nahe verwandt. Ein zweiter, einst weltberühmter Geiger, der sich den .Geiger der Ration" nannte mib welcher 184ö durch fein virtuoses Spiel die Revolntionsarmee Ungarns begeisterte, Eduard Rente ny i, lvar gleichfalls ein Ungar. Er hieß ursprünglich Hosfmantt, lvar irr fast gleichem Alter mit Joachim und in der Jugend mit diesem sehr befreundet. Geboren 1830 zu Heves in Ungarn, betheiligte er sich 1848 alt dem Aufstand seiner Landsleute mtb mußte auswanderu. Er iührte in Amerika ent abenteuerndes Leben, kehrte aber 1853 nach Europa zurück mtb ging zunächst zu Liszt nach Weimar und später nach London, wo er Anstellung als Solo-Violinist an der königlichen Kapelle fand. Voll 1875 lebte er in Paris, machte aber lviederholt große Konzertreisen, die er 1888 bis nach Südafrika ansdehnte, und kehrte dantt 1890 in seilt Vaterland zurück, wo er vor lvenigen Jahrelt gestorben ist. Ich batte Gelegenheit, ihn noch kurz vor seinem Tode in Ungarn ]\i sprechen, und er versicherte mir, daß es ihm int Tranrtte nicht eingefallen sei, wie viele seiner Gegller behaupteten, sich tauferr 31t lassen. Zuweilen erschien er auch in der Hauptspnagoge ztt Budapest, aber es berührte ihit peinlich, daß die ungarische Jugend es rticht unterlassen konilte, alt geweihter Stätte eimnal „Eljen Remenyi!" zu rufen. Ein ungarischer Jude ist auch der Violinvirtuose Tiv ardar Rarhez, geboren atu 1. Mai 1859 zu Budapest, eilt Schüler Joachims und Leortardis in Paris, der lveite Konzertreisen unternahm tmd schließlich Wien zu seinem stetigen Aufenthalt wählte. Natürlich hat wie Trausleithanielt so auch Cisleithaniett hervorragende Geigenvirtuosen hervorgebracht. Ich nenne hier nur den attsgezeichneten Violinvirtuosen Eduard Rappoldi - eigentlich Rappold geheißen — geboren ant 21. Februar 1839 in Wien; gegettwärtig Konzertmeister und erster Dirigent der Konservatoriums-Konzerte in Dresden. Auch er lvar wie Joachim eilt Wtutderkind, ittbcitt er schon mit 7 Jahren in einer non seinem damaligen Lehrer Doleschalt veranstalteten Akademie als Pianist, Violinist und mit einer eigenen Komposition anftrat. Seilte Technik ist wie die Joachims eine vollendete, sein Ton voll Seele, rühreno mtb hinreißend. Er singt ans seinem Jnstrmnente, versteht aber auch die Rhythmen selbst int schnellsten Tempo noch auszuprägen. Als Kontpottift hat er gleichfalls eilte erfreuliche Thatigkeit entwickelt. Es existiren von ihm Streichquartette, Klaviermtb Violinsonaten, Symphonien, Lieder, Cböre tntd Ouvertüren. Aus dem polnischen Judenthum sind zahlreiche berühmte Violitt-Virtttosett hervorgegangen. Ich nenne hier Heinrich Wieniawski, geboren aut 10. Juli 1835 iu Lnblitt, welcher 1850 bis 1800 erfolgreiche Konzertreisen durch ganz Eitropa unternahm und einmal auch mit Nnbinstein eine Konzertreise durch Amerika machte. Dieser Kaiserlich rnssische Kamlnervirtuos, der einft ungeheure Honorare einheim.ste, verstand sich leider lticht attss Sparen, ultd jo starb er ganz mittellos in einem Moskauer Hospital am 2. Mai 1888. Er lvar llicht allein als Violiuvirtuos, sondern aitch als Komponist für seilt Jllstrulnent bedeutend; dtes belvetseit seilte zwei Violinkonzerte, seilte drei Hefte Etüdetr uttd seine attderen Solostücke für die Geige. (Fortsetzung sollst.) EUILLETON Me Tscherkessenbraut. Eine Erzählllng von I. Herzberg-Bromberg. V. ÄP»^ron eilte ans Fettster mtb versuchte durch die Spalte einer ^ei Fenfterlädett ztt spähen, beim er wagte es nicht, diese (j selber zu öffnen. Der Morgen graute schon. Als Aron ans die Gasse trat, die eng und kurz lvar und zwei andere Strafzeit mit einander verband, bemerkte er in der That zwei kämpfende Männer. Er sah, wie eben ein Sensemuann versuchte, einen russischen Soldaten, der die bunte Uniform eines Tscherkessen trug, mit seiner furchtbaren Waffe zu dttrchbohren. Rach kltrzeut, wüthendem Kampfe lag der Sensenmanlt am Boden. Scheu blickte jetzt der Tscherkesse sich um, aber die Gasse lvar menschenleer. Offenbar sah er sich verfolgt und bedrängt, beim er wagte es tticht, die Gasse 31t verlassen. Er war blutüberströmt, ttitb als Aron seilt Antlitz erblickte, regte sich iu ihm das tiefste Mitleid. Wohl lvar Aron im ersten Moment mtschlüssig gewesen, was er thnn sollte. Befand er sich doch in einer fatalen Lage. Denn er setzte sich dadurch, daß er einen russischen Soldatert in sein Haus anfnahm und ihut Schuh und Pflege gewährte, großen Gefahren ans. Die lvüthenden Polen würdeit, so sie es erfahren, sein Hans der Erde gleich machen. Da aber hörte er die flehentliche Stimme des Verwundeten: „O, nehmet mich auf, sonst bin ich verloren!" Aron überlegte noch. Als aber auch seine Tochter ihm znflüsterte: „Vater, habe Erbarmelt mit ihut, weise ihn tticht zurück." da schlug er alle Bedenken nieder, öffnete eine Seitetithüre und ließ beit Tscherkessen ein treten. Schnell entschlossen, führte er ihn nach oben in ein kleines Erkerzimmer. Kaum hatte er mit dem Fremden dieses Zimmer betreten, als der Tscherkesse infolge des großen Blutverlustes besinnungslos niederstürzte. Aron bemühte sich nun, den Ohnmächtigen zu entkleiden und legte ihn dann auf das im Zimmer befindliche einfache Lager. Aron, der ganz allein mit dem schier zu Tode ermatteten Fremden beschäftigt tvar, reinigte dessen Angesicht und war bemüht, die vielfachen, erheblichen Stichwunden desselben kunstgerecht zu verbinden.