Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- Seite 297 (sequence 11)
- Language
- German
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297 Urbilder moderner Frauencharaktere im ulten Testament. Von Gertrud Gräfin Bülow von Dennewitz. n. fet Schöpfungsbericht hat bekanntlich zwei Lesarten, die aus offenbar verschiedenen Urkunden herrühren. Nach dem ersten Kapitel der Genesis schuf Gott gleichzeitig ein Männlein und ein Weiblein') und richtete seine Kundgebungen au Beide. Nach den, zweiten Kapitel schus er den Mann zuerst dkm nach seinem Bilde, darnach die Männin als Abbild des Mannes. Bei dieser Bewandtniß war es denn auch selbstverständlich, daß Jehovah sein Verbot, den Bauin der Erkenntniß betreffend, an Adam allein richtete und es ihm überließ, seiner später hinzugekommenen Hälfte Mittheilnng davon zu machen. Ein juristischer Vertheidiger der Gegenwart dürfte nicht allein in diesem Faktum einen mildernden Umstand für Evas sogenannte Uebertretung finden, sondern auch darin, daß das kindlich unwissende Weib gar kein Mißtrauen in die Rede der Schlange setzen konnte, da die Erfahrung sie erst lehren mußte, was falsch und was wahr sei. Wenn heute irgend ein jugendlicher Taugenichts einen Raubmord, eine Brandstiftung oder ein Sittlichkeitsvcrbrecheu begeht, so erhält er in den meisten Fällen die denkbar geringste Strafe, unter der Begründung, daß er bei Verübung der That sich der Strafbarkeit derselben nicht voll bewußt gewesen sei. Aber die arme Eva war bereits im Paradiese strafmündig. Adam, das Ebenbild Gottes aus erster Hand, in welchem der Apostel Paulus sogar nach dem Sündenfall noch den künftigen Weltheiland vorgebildet sieht, zeigt sich in seiner ganzen Mannesglorie, als der erzürnte Herr das Strafverhör beginnt; er verkriecht sich hinter seinem Weibe und sucht alle Berantwortlichkeit auf sie allein zu wälzen. Das gelingt ihm zwar nicht gänzlich, doch trägt er immerhin einen bedeutenden Vortheil über sie davon. Weil er der Stimme seines Weibes gehorcht hat, wird ihm der Herrscherstab in die Hand gegeben, und er soll hinfort ihren Willen unter den seinigen beugen bis ans Ende der Welt! Lassen wir die mosaische Schöpfungsgeschichte jetzt auf sich beruhen und schauen wir uns die Kehrseite der Medaille an. In der symbolischen Gestalt der biblischen Eva dürfen wir die Urheberin alles menschlichen Ringens j nach Kultur, die erste Befreierin aus geistigen Banden erblicken. Es war das Weib, welches dem thierähnlichen Zustande der ersten menschlichen Geschöpfe ein Ende machte, indem es aus innerem Antrieb sich die Bedingung der Gottähnlichkeit, das Licht der Erkenntnis; des Guten und Bösen, aneiguete und ihrem Genossen, dem Manne, übermittelte. Das war ihre Prometheusthat und das zog ihr Promethensschicksal nach sich. Wenn ich Eva das Urbild der modernen Frau nenne, so verbinde ich damit natürlich nicht die Vorstellung eines unnatürlichen oder ungeheuerlichen Mannweibes. Im Gegeutheil, der ganze Seelenvorgang bei ihrer Handlungsweise erscheint y Die Stelle im Grundtext kantet kollektiv: „Er schuf sie männlich und weiblich." 1. Mose Kapitel l. Vers 27. mir weiblich von Grund aus. Erinnern wrr uns zuerst an die griechische Sage von Prometheus. Dieser, ein gewaltiger, reifer, thatendurstiger Geist, der sich freiwillig dem Zeus unterworfen und im Olymp des Umgangs mit diesem Gotte gewürdigt worden >var, hatte dessen Schwäche, die Eifersucht gegen alle Kreaturen, die eine,; Antheil au seiner Allmacht und Weisheit erringen könnten, erspäht; dieselbe Schwäche, welche allen Gewalthabern, göttlichen wie menschlichen, eigen ist. Er sah, ivie Zeus den sterblichen Erdenbewohnern das Licht der Erkenntniß und Aufklärung mißgönnte und vorenthielt und dadurch seine eigenen — nach anderer Fassung des Prometheus — Geschöpfe dem Untergang iveihte. Da ergrimmte er, ivard dem Zeus abtrünnig, holte selbst das göttliche Feuer aus dem Himinel und gab es den Menschen. Mit titanenhaftem Trotze erlitt er dann die lange, grausame Strafe für diese That, weil er wußte, daß er einst wieder befreit werden und zu dem Sitz der Götter zurückkehren würde. Ganz anders war der Vorgang bei Eva, dem weiblichen Prvlnetheus. Kein bewußtes Aufbäumen gegen einen ungerechten mißgünstigen Herrn, kein trotziges Aufsichnehineu einer zu gewärtigenden Strafe, sondern eine säst nur instinktive Ahnung von ihrem unvollkommenen m;d unhaltbaren Zustande, ein sehnsüchtiges Verlangen nach Befreiung aus Stumpfheit und Umnachtung, ein dunkler Drang, etwa wie ihn die reisende Schmetterlingslarve in ihrer Umhüllung empfindet. Zunächst betraf dieses Verlangen nach geistiger Eiuanzipation nur ihre eigene Person; aber es lag doch darin bereits eine Voraussicht dessen, was ihrer noch ungeborenen Nachkommenschaft nothwendig und förderlich sein werde. Denn die Sorge für die künftigen Geschlechter ist von der Natur in die Seele des Weibes gelegt. So war Eva vorbereitet und geneigt, einer anderen Stiinme als der ihres bisherigen Gefährten Gehör zu geben. Das neue Testament läßt den Geist der Aufklärung in Gestalt der giftigen Schlange das Weib zur Sünde verleiten und bezeichnet ihn als Satanas, den Obersten der abtrünnigen Engel, der zum Widersacher Gottes geworden?) Es war aber keine teuflische Verlockung, sondern die Stimme der Vernunft, welche die schlummernde Geisteskraft in Eva wachries, ihr das Höhere und Bessere, das ihr so lange in unnahbarer Ferne vorgeschwebt, nunmehr in erreichbarer Nähe zeigte und ihr Zaudern vor dem Schritt ins Ungewisse besiegte. Der träge Adam »väre wahrscheinlich bis in alle Eivigkeit mit seinem Schlaraffenleben im Paradiese zusrieden gewesen; Eva aber riß ihn daraus empor; nachdem sie ihre geistige Befreiungsthat vollbracht, veranlaßte sie ihren Lebensgenossen, das Gleiche zu thnn. Und was hätte sie wohl Besseres thun können? Er aber lohnte es ihr mit feigem Verrath und schmählichem Undank. Die That der Eva hat die gleichen Folgen gehabt wie diejenige des Prometheus. Kein Zeus besaß die Macht, das himmlische Feuer wieder auszulvschen, welches die Menschheit durch jene Wohlthäter empfangen hatte. Aber alles was menschliche, oder richtiger gesagt, männliche Erfindung an roher Verachtung, niedriger Unterschätzung und grausamer Herabwürdigung des Weibes hervorzubringen im Stande gewesen ist, knüpft sich an den Namen der Eva. y Epistel Judä, V. (i.