Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- Seite 296 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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296 Seit den epochemachenden Grafischen. Wellhausenffchen und Kuenenffchen Arbeiten durchweht eine gesunde Lebenslust die alttestamentarische Bibelforschung in Deutschland und Holland. Man hat erkannt, daß die heiligen Schriften derselben historischen Kritik unterzogen werden dürfen und müssen, der die moderne Geschichtsforschung die Profanschriftsteller unterwirft; denn es gibt nur eure Wahrheit, und diese auf wissenschaftlichem Wege vom Jrrthum zu sondern, ist wiederum der einzige Zweck und die einzige Aufgabe einer vernünftigen und gesunden Kritik. Alles, was sich für historisch giebt, gleichviel ob es den Allspruch auf Heiligkeit erhebt oder nicht, muß sich die gleiche kritische Würdigung gefallen lassell; nur dürfen solche Angaben, welche Jahrtausende lallg für gerecht ulld unantastbar gegolten haben, verlangen, daß die Kritik, bevor sie sie als nnenveislich und falsch über Bord wirft, gerade ihnen gegenüber besondere, schon voll der Pietät diktirte Vorsicht übe und keinen Umstand, welcher die Wahrheit ails Licht bringen könnte, unerforscht und unberücksichtigt lasse. Was nun die Frage allgeht, ob der Aufellthalt der Juden in Aegypten, der Exodus llnd die Gesetzgebung am Sinai fürgeschichtliche Thatsachen zu halten seien oder nicht, so wird eine umsichtige ulld ullparteiische Kritik sich zuerst nach Zeugnissen umzusehen haben, welche die ehrwürdigen biblischen Allgaben über diese Thatsachen stützen, und solche wird mall — namentlich was ben Aufenthalt der Israeliten in Gosen allgeht — zuerst im Nilthal selbst und im Bereiche der ägyptischen Denkmäler zu finden erwarten dürfen. Die Ehrfurcht vor dem schon durch das Jahr (Beteiligten fordert hier das liebevollste Eillgehen, llnd wenn wir dennoch sehen, daß die Führer der extremen Richtung der Bibelkritik, ohne sich sonderlich um die Monumente lmd die Resultate der ägyptologischen Forschungen zu kümmern, den Ailfenthalt der Juden im Nilthal und ihre Befreiung für unhistorisch und ein tieferes Eingehen auf diese Dinge für ebenso müßig und unnütz erklären, wie etwa den Versuch, auf dem Olymp llach den Stühlen der Götter zu suchen, so verfallen sie (Wellhausen selbst übt größere Vorsicht) in Skepsis, das heißt denjenigen Fehler des Historikers, welcher die geschichtliche Wahrheit nicht weniger schädigt als kritiklose Leichtgläubigkeit. Was uns betrifft, so scheint uns der bloße Umstand, daß Israel sich selbst nachsagte, — ohne diese Thatsache je auch nur mit einem Worte zil bezweifeln — es habe jahrhundertelang in der Knechtschaft eines andern Volkes gestanden, mit dem es noch bald in freundlicher, bald in feindlicher Berührung lebte, von vornherein jeden Zweifel an der Histvricität des Aufenthalts der Juden in Aegypten aufzuheben. Auch die strengste Kritik muß bekennen, daß der Sinai als heiliger Berg und die Stätte der Gesetzgebung schon sehr früh im Bewußtsein der in Palästina angesiedelten Hebräer lebte, und wer will dem Volke Gottes einen glaubhafteren Weg zil diesem Berge anweisen, als denjenigell, welchen er nach den Mittheilungen im Exodus gezogen ist? Diese sind allerdings übervoll von legendarischen Ausschmückungen aus späterer Zeit, aber sie tragen doch den aktuellen Verhältnissen im damaligen Aegypten so stark Rechnung, sind überall, wo das Wunder nicht mithineinspiegelte, und die Phantasie der Orientalen die Zahlen nicht verderbt und vergrößert hat, so ganz angemessen den in Frage kommenden geographischen Bedingungen, daß sehr viel Leichtgläubigkeit und ein völliges Verkennen des schriftstellerischen Vermögens in jener Zeit dazu gehört, um diese angezweifelten Nachrichten für eine bloße Erfindung späterer Litteraten oder für die den realen Verhältnissen angepaßte Aufzeichnung von Volkssagen zu halten. Vergegenwärtigt sich der Völkerpsycholog die Juden in denjenigen Tagen, in welchen die Exoduserzählungen entstanden oder ausgezeichnet worden sind, mit ihrem stolzen Gefühl der „Auserwähltheit" und ihrer festen Ueberzeugung, das erste aller Völker zu sein, so wird er das Schicksal dessen, welcher es zuerst gelvagt hätte, die Sage von der Knechtschaft der Israeliten oder gar die eigne Erfindung einer solchen aufzuzeichneu und öffentlich mitzutheileu, sich nur als em beklagenswerthes und mit Steinigung verbundenes vorzustellen vermögen. Diese Berichte konnten dem Volke nur erträglich erscheinen, nur voll Geschlecht zu Geschlecht weiterverbreitet werden, wenn sie auf Thatsachen, welche nicht wegzuleugnen waren, beruhten. Der durchaus verkehrte kritische Grilndsatz, eine ganze Gruppe voll historischen Mittheilungen für bar jeder geschichtlichen Grundlage zu erklären, weil sie mit der Zeit legendarische Zuthaten in reicherer oder weniger reicher Fülle in sich anfnahm, hat Stade ulld seine Meinullgsgenossen irregeführt. Die augedeuteten inneren Grüllde hätten sie von der strikten Negation solcher Thatsachen abhalteu sollen, für dererr Allthenticität doch auch eine schöne Reihe voll äußeren Gründen bekräftigend eineilltritt. Wir lllöchten hier auf ein Wort weisen, welches Leopold von Rauke bei Gelegenheit der Würdigung einer arabischen Traditioll im fünften Bande seiner Weltgeschichte ausspricht: „Sollten wir auch hier nilr einer Tradition folgen, so ist es doch schon von historischem Gewicht, daß sie sich bilden konnte." Die Denkmäler hatten uns mit einem Volke bekannt gemacht, welches Aperu, Apuriu und so weiter geschrieben wird llnd in dem Chabas zuerst die Hebräer wiedererkannt hat. Eülige Papyrus erzählen von demselben, daß sie Zwangsarbeiten und besonders das „Steine herbeiziehen" für den Pharao zu besorgen hatten, und dies in jenem Tanis (hebräisch Zoan), lvelches die Stadt oder Stätte des Ramses -Miamnu genanrlt wird, und indem wir das als Schauplatz jüdischer Zrvangsarbeit im Exodus erwähnte Ramses wiedererkennen zu dürfen meinen. Tie lautlichen Schwierigkeiten, auf welche Stade hinwies, können keinen Kenner der ägyptischen irnd hebräischen Lautwerthe verhindern, die Apuriu für Hebräer zu halten, und der Umstand, daß einige Jahrzehnte nach der Zeit, in welcher lvir vernünftiger Weise den Exodus spütestells setzen dürfen, auch noch Apuriu in Aegypten Vorkommen, hat gleichfalls geringes Gewicht, denn man beseitigt kein Volk aus einem Lande, wie man einen Apfel aus dem Kasten nimmt. Die Israeliten waren über einen weiten Landstrich verbreitet, und daß zu Helwpolis, welches kaum mehr selbst zu Gosell gehört hat, Juden, die sich den Aegyptern assimiliert und doch an ihrer unverwüstlichen ethnischen Eigenart festgehalten hatten, sitzen bleiben konnten, ist ein ganz natürlicher Vorgang. H. Brugsch hat dann in seinem Dirtionurnre geugraphique die Apuriu für ein Volk erklärt, welches in der Landschaft An zwischen dem Nil und dem Roten Meere östlich von Heliopolis gesessen habe, und nicht mit Unrecht; ja lvir werden sehen, daß die Navilleffchen Grabungen die Landschaft An als mit zu Gosen gehörend erweisen.