Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- Seite 292 (sequence 6)
- Language
- German
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292 spottet der Belehrung ebenso wie des Polizeilichen Druckes. Fast bringen. Die Heuschrecken blieben in war als mittelgute zu bezeichnen. diesem Jahre fort und die Ernte alltäglich wandern größere und kleinere Gruppen aus den derj schiedenen Städten Rumäniens nach Kleinasien, Argentinien, den Vereinigten Staaten und in letzter Zeit nach Kanada aus. Wie rumänische Zeitungen berichten, hat König Karl dieser Tage den Bürgermerster von Jassy, Badaran, einen der wenigen Philosemiten Rurnänieus, enrpfarrgen. Der König ließ sich genaue Aufklärung über die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung Jassys geben, und speziell insormirte er sich über die Auswanderungs-Bewegung unter derselben. Der Bürgermeister ureldete, daß die Polizeipräfektur täglich von Hunderten Personen gestürmt werde, welche Auswanderungspässe fordern. Im Laufe des vorigen Monats wurden 1500 Auswanderungspässe in Jassy allein ausgefolgt, wobei die einfachen Reisepässe, welche vor: vielen Auswanderern benützt werden, nicht mitgezählt sind. Dazu kommen aber noch diejenigen Juden, welche nicht die 20 Francs für die Paßtaxe erschwingen können und folglich ohne Pässe das Land verlassen. Unter solchen Umstünden wird es erklärlich, daß die antisemitische Regierung plötzlich judenfreundliche Anwandlungen bekommt. Die Juden werden sich aber nicht mehr irreführen lassen. »MM Der Jahresbericht der Jewish Colonisation Association. <3^ m 10. d. M. fand im Hause der Gesellschaft zu Paris die General- Versammlung der Jewish Colonisation Association statt. Der —den Aktionären vorgelegte gedruckte Bericht umfaßte 56 Seiten, ans denen wir folgende Einzelheiten entnehmen: Die Thatigkeit der Gesellschaft erstreckt sich über ganz Amerika, last alle Länder Europas und das gesammte Gebiet der asiatischen Türkei, wo die J. C. A. nebst Palästina nunmehr auch in Cypern und K l e i n a s i e n jüdische Ansiedelungen besitzt. Reben ihrer Hauptthätigkeit, der Emigration respektive Colonisation der Inden, sucht die J. C. A. Handwerk und Industrie unter der, Inden 511 fördern, um die große jüdische Roth nach Maßgabe der vorhandenen Mittel ,;n lindern. Argentinien. Von den argentinischen Kolonien wies die Kolonie Moseville im verflossenen Jahre einen erheblichen Fortschritt aus. Die Zahl ihrer Einwohner ist um 31 Personen gewachsen, so daß sie jetzt 71 Familien mit 856 Seelen zählt. Ebenso ist die in Bearbeitung genommene Bodenflüche um 450 Hektar vermehrt worden. Die Kolonisten, welche jetzt fleißig Viehzucht treiben, haben ans eigenen Mitteln 1000 Stück Vieh zu Zuchtzwecken gekauft. Die Kolonie umfaßt 24000 Hektars (4 Luadratmeilen.) Bedeutender noch war der Fortschritt in Entre N i os. Viehzucht und Molkereien werden die Kolonisten wohl in den Stand setzen, ihre Schulden an die Gesellschaft abzutragen. Von den 544 Familiell mit 4982 Seelen hat mehr als die Hälfte ihren ganzen Boden in Bearbeitung genommen. Der natürliche Zuwachs der Bevölkerung beträgt 55 pro Mille. Weniger günstig ist die Lage der Kolonisten in Maurieio, welche durch die Mißernte der letzten Jahre tief in Schulden gerathell sind. Infolgedessen haben 22 Familien die Kolonie verlassen, wodurch die Zahl der Einwohner voll 1045 auf 968 gesunken ist. Man hofft jedoch, daß die Molkereiell, welche im August errichtet wurden und sehr gute Resultate ergaben, die Lage der Kolonisten bedeutend verbessern werden. lieber die Lage der argelltinischen Kolonien im Allgemeinen spricht sich der Bericht sehr hoffnungsvoll aus. Die Kolonisten finb zuversichtlicher geworden und fangen an, au eine bessere Zukunft zu glauben. Zuni Beweis diene die Thatsache, daß viele von ihnen ihre Angehörigen in Rußland auf ihre eigenen Kosten nach Argentinien vereinigte Staaten. Die Kolvllisation in den Vereinigten Staaten hat beu Zweck, die Juden aus den großen Städten, wo sie sich in beängstigender Weise zusammendrängen, auf das flache Land hinaus zu bringen. Daher begrüßte es die Gesellschaft mit Genugthuuug, daß die Kolonien Carmel, Alliance und Roseuhain in Süd-Jerseh, wo es noch Platz für viele Tausende von Familien giebt, vorzüglich gedeiheil. Die Bestrebungen des „Baron Hirsch-Fond" in New-Iork, jüdische Ei uz elfarmer in New-England zu etabliren, hat es zu Wege gebracht, daß in diesem Staate jetzt 600 solcher Eiuzelsarmer leben. Im verflossellen Jahre wurden 86 von ihnen, welche Farmen im Werthe von 179200. Dollars besitzen, mit Vorschüssen unterstützt. Banada. Die Hirsch-Kolonie besteht aus 20 Familiell mit 79 Seelen, welche 1122 Acres Land besitzen. Der Boden ist sehr ergiebig u,ld bringt pro Acre 25—30 Bnshels Weizen resp. 60—80 Bushels Hafer resp. 300 Bushels Kartoffel. Produkte, lvelche die Kolonisten in den nahen Bergwerkell leicht und 31t guten Preisen verkaufen könlleu. Dir Kolonisten haben reichlich zürn Leben, aber viele voll itjnen sind mit Schulden belastet. Zahlreiche Agenten überlaufen sie nni> schwatzen ihnen unter Gewähruilg langjähriger Ratenzahlnlig landwirthschafC liche Maschinell aus. die sie oft gar llicht verwerthell köllnen, aber dennoch mit 12 Prozent Verzinsung bezahlen nlüssen. J»n Jahre 1900 sollen zu diesen Kolonisten noch 15 russische Familiell hinzukoninlen. Dieselben waren ursprünglich ans eigene Kosten nlld nlit einem Kapital von 10 000 Mark gekomlnen wld hatteli sich am Slvonriver lliedergetassell, wo sie voll der Regierilllg 2400 Aere> Lalld nlld von der J. C. A. 14 000 Mark bekamen; da sie aber da zu lveit voll jedem Verkehr waren, siedelten sie schließlich nach Hirsch über. Palästina. Die Kolonieil Mischmar Hajarden, Chederah, Waad el-Ehanin und Rechowoth, welchen die Gesellschaft 1897 größere An leihen gewährte, habeil ihre Reorganisation vollendet. Waad el Chanin lieferte 1899 für 17 720 Frallcs Rechowoth (12 Kolollisten), für 140 000 Frallcs Traubell all die Keller in Rischon-Lezion ab. Davon wurden zur Schuldentilgung voll der erstgenannten Kolonie 1SS0 von der 2. Kolonie 102 500 Francs geleistet. In Mischmar und Chedereh haben die Kolonisteil klugerweise nicht ihre ganze Existenz aus den Weillbau gegrülldet. Sie baneil auch: Weizen, Hafer, Gerste, Erbsen und andere Getreidearten. Die Weizen selber voll Mischmar sind im Umfang voll 300 Hektaren durch Heu schrecken verwüstet worden. Rach Abzug der Zehnten itnb all derer Gebühren ernteten 12 Kolonisten 184 Hektoliter Weizen, 267 Hektoliter Gerste. 37 Hektoliter Wicken, 130 Hektoliter Erbsen nlld 40 Hektoliter Sago. Die Mißernte scheint aber die Kolonisten nicht im Geringsten entmuthigt zu haben. In Gadrah wohnen ans 330 Hektar 23 Farnilien iilcl. einiger Händler nlld Halldwerker. Von 12 Kolollisten, welche nur von Weinbau lebeil, haben 6 eine größere Anleihe von der Gesellschaft anfgellommeil. Letztere haben in diesem Jahre für Tranbell einen Erlös von 10 000 Francs erzielt. Die neue Kolollie Sejera (Sedjera) uulsaßt 1200 Hektar lvovon die Gesellschaft 980 Hektar in ihren Besitz gebracht hatte Sie besitzt in der Nähe der Kolonie außerdenl 400 Hektar steilligen Boden, von denl im Jahre 1900—1901 die Hälfte znm Ackerball vorbereitet sein wird. Die im Juli 1899 in Jerusalem eröffnete Weberei beschäftig'. 53 Persorren mit 24 Webstühlen. Die Arbeit lvird voll den Juden in 6 Wochen vollständig erlernt. Die Zahl der Stühle wird a\v 53 gebracht werden. Auch S t r i ck nl a s ch i n e n wurdell an 13 Frauen auf Abzahlung gegeben, auf die bereits 600 Francs abgezahlt wurden. In 8 Tagen lernen es die Frauen, die Maschine mit großer Leichtnp keit zu harldhaben. Der Bericht hebt als das wichtigste Ereigniß des verflossenen Geschäftsjahres die Abtretung der Rothschild'schen Kolollien an die Gesellschaft hervor und fügt hinzu, die J. C. A. studirt jetzt die Mittel und Wege, auf welche Weise die unter ihre Leitung gelangten Kolo-