Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- Seite 290 (sequence 4)
- Language
- German
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*290 Dienstmädchens, die im Hause eines Juden beit Kopf und die anderen Theile einer menschlichen Leiche gefunden haben soll, die Nachricht, daß bei dem verhafteten Jsraelski imUntersnchungsgefäuglüß ein Kassiber mit einer hebräischen Inschrift gefunden worden sei. All dies ist mnoahr und erlagen! Wie entstehen mm solche Nachrichten und wie werden sie verbreitet? Die Untersuchung darüber wäre eine sehr lohnende, aber wir möchten doch rathen, nicht zu großer: Werth dabei ans die psychologischen Faktoren zu legen. Die Sache liegt nämlich einfach so : Alle diese Mittheilungen wurden von der antisemitischen Presse zu einem bestimmten Zweck ausgedacht und planmäßig verbreitet. Von wirklich psychologischem Interesse ist nicht die Erfindung, sondern die Verbreitung dieser Marche:: und Lügen, aber auch diese wird erklärt durch die bekannte Vorliebe für das Schauerliche und Mystische, die in dem Bolksgemüth tief begründet ist. Werlu eilt antisemitisches Blatt vor kurzen: die Nachricht verbreitete, eilt „jüdisches Sühnegericht" habe den Gymnasiasten Winter zum Tode vernrtheilt, lveil er jüdische Mädchen verführt habe, der Mord sei die Vollstreckung des Todesurtheils, so begreift man es sehr leicht, daß eine solche Schauergeschichte, die ans der Feder eines Gefcüignißgeistlichen geflossen feilt soll, dem ein getaufter Jude im Gefängniß die „Thatsache enthüllt habe", bei der erregten Menge willig Gehör gefunden hat. Viel schwieriger ist die Erklärung dafür, daß auch selbst in den gebildete!: Kreisen der Stadt Könitz jener wahnwitzige Aberglaube Gehör und Verbreitung gefunden hat. Hier ist reicher Stoff für psychologische Beobachtn::g. Hier muß man sich bestä::dig vor Augen halten, was große Philosophen von der Ausbreitung gewisser Vorstellungen auch selbst in der: Kreisen der Gebildeten uicker bestimmten Voraussetzungen auseinandergesetzt und erklärt haben. Aber auch hier erklärt sich Vieles natürlich. So tuirb heute berichtet, daß der Hauptförderer der antisemitischen Bewegung in dortiger Gegend, namentlich in finanzieller Beziehung, eir: bekannter Freiherr sei, der in der Nähe begütert und dessen Vorsteher — der Münzjude Ephrain: gewesen! Indes; darf man aber doch nicht glauben, daß der Boden für die Schauermär, die dort entstanden und mit der rasenden Schnelligkeit der Pest sich weiter verbreitet hat, in euer Stadt nicht etnnr ein wohl vorbereiteter gewesen sei. Schon vor etwa zwei oder drei Jahren — die Thatsache ist bis jetzt noch nicht beachtet worden — ist in Könitz eine Broschüre erschienen, in der die Fabel vom „Ritnalmord" auf Grund der bekannten antisemitischen Verleumdungen wieder aufgewärmt und popularisirt wurde. Mau sieht also, die Bedingungen waren gegeben, unter denen angesichts der Erregung, die der geheiiunißvolle Mord in Könitz nothwendig Hervorrufen urußte, die Blntlüge Verbreitung finden konnte. Nun begann eine traurige Zeit. Die Genies der Verleumdung, die Basilios von Natur und Profession, die Angeber aus Bosheit und die Denunzianten aus Privatrache, all diese Höllengeister brachen in einer verseuchten Gegend und h: einer tief erregten Periode aus den Schlupfwinkeln der Verworfenheit hervor, um in dämonischer Wollust ihr düsteres Werk 31t betreiben. Und es ist dahin gekonunen, daß ein großer Theil der Bevölkerung von Könitz die Justiz zwingen null, irgend einem Inden den Prozeß zu machen und jeden nach anderer Seite gerichteter: Akt des Untersuchungsrichters mit tumultuarischen Kundgebungen beantwortet, deren trauriger Erfolg ja männiglich bekannt ist. Der Mörder rnuß ein Jude sein, lveil gewissenlose Hetzer den ewig Blinden es nur: einmal eingeredet haben. Die Volksstinune, die als Gottesstiunne respektirt werden soll, obwohl sie nur zu oft die Stimme der Bestie ist. muß Recht haben, und die berufener: Hüter der Gerechtigkeit sollen sich wider Eid und Ehre ihr beugen! So herrlich lveil haben also auch wir es gebracht! Es ist ein Trost für uns in dieser trüben Zeit, daß es ein konservatives Blatt ist, den: lvir die letzten Sätze entnehmeu durften. Es baluck sich also auch in den Kreisen, von denen wir nach den Erfahrungen der letzte:: Jahre nur wenig Gutes zu erwarten haben, die Erkenntuiß iuuuer mehr ihren Weg. daß es so nicht weiter geht, daß die von gewissenlosen Hetzern betriebene Vergiftung des Volkes einer der tiefsten Schäden sei, und daß u:an aus allen Kräften diese lnoralische In sanität bekämpfen u:üssen. Aber erst, wenn diese Erkeuutniß eine allgemeine, vo:: jeder Parteirichtung :n:d religiösenAnschauung ui:abhäugige seil: wird, darm erst wird man von eiueln Heilungsprozeß sprechen können. Berlin, 20. Juni. flUI lt~ 0 n itz wird seit einigen Tagell nichts geineldet. Aber *n ^er ^"llegend werden nach wie vor tausende von ö 6 hetzerischen Flugblätter:: unter die Landbevölkerung verbreitet. Was nützen da die Erklärungen der Hallenser Theologen und des Orientalisten-Kongresses? Die Renovation der Konitze: Synagoge ist jetzt nmnöglich und viele Glaubensgenossen inüssen nach Schlochau :n:d Tuchel, um dort ihren Gottesdiellst 31t verrichten. Diese eine Thatsache charakterisirt die Situation drastischer als hundert ausführliche Stünmungsberichte. Mit Recht wenden sich deshalb uatioualliberale Blätter mit Entrüstung gegen diese systernatische Verhetzung des Volkes. Die „Kölnische Zeitung" findet es auffallend, „daß noch kein Staatsanwalt auf den Gedanken gekomuien ist, eiiu’ gerichtliche Entscheidung über diese gefährliche, aufwieglerische, und lvie Ulan seit Wachen täglich gesehen, verhängnißvolle Beschiinpfnng der deutscheil Jllstiz und der preußischen Regierung herbeizufuhreu. Nicht int Interesse der Inden braucht man das zu verlangen, obschou auch sie als steuerzahlende, für das Vaterland ihr Blut vergießende Bürger Anspruch ans allen Schtttz der Staatsgelvalt haben, lveun fit auch nicht in Siam oder Ehina, sondern nur nahe der russischen Grenze int deutschen Reiche wohnet:. Es wird vielmehr erfordert im Interesse des deutschen Volkes, int Interesse der Ehre des deutschen Nametts im Anstatt de. Wie können lvir es »vagen, ltngebeten die Kultur ilts ferne Ausland 311 tragen, wenn unsere eigene Kultur sv viel ltoch zu lvünschen übrig läßt? Mit welcher Stirn wollen lvir den Chinesen Vorwürfe lnachen, daß sie christliche Missionare beschuldigen, zu rituellen und ltledizinischett Ztvecken chinesische Kinder zu utorden? Wie dürfen lvir es Mandarinen verargen, das; sie diesen Glauben theilet: :ntd anstü'ttzen, lveun doch nach großen deutschen Zeitungen eine christliche Regierung, christliche Justiz, im Einverständnisse handeln mit jüdischen Rituatlnordern?" In gleichem Sillue, nur natürlich noch viel schärfer, sprach sich in einer der letzten Sitzungen desReichstags der Abgeordnete Liebknecht über die Vorgänge in Könitz aus. Ebenso hebt die „Nationalzeitung" den Gegensatz „zwischen den: Gewähreülassen eines frechen, gemeingefährlichen Treibens und der fortwährenden Einleitung vor: Preßprozesse:: bei den geringfügigsten Anlässen" mit scharfen Worten hervor, und sie erklärt diese Thatsache „durch die Scheu vor gewissen Gesellschaftskreisen, deren