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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-22 · Heft 25 (22.6.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 25 (22.6.1900)
Date
1900-06-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 25. Berlin, 22. Inni 1900. Allgemeine Zeitung öes Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner J9r- Ludwig Philippson-Konn. Verlags-CrpeLition: Berlin, Lerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Leitartikel: Zur Lage. — Die Wocke. — Der Jahresbericht der Jewish Colonisation Association. — Rheinhessische Provinzialkonferenz des Israelitischen Lehrervereins für das Großherzogthum Hessen. — Von der Pariser Weltausstellung. Von Leon A. Trachtenberg. — Die Historieität des Aufenthaltes der Juden in Aegypten. Von Georg Ebers. — Urbilder inoderner Frauencharaktere im alten Testament. II. Von Gertrud Gräfin Pülow von Dennewitz. — Das Iudenthum in der Musik im 19. Iahr- Mmdert. V. Von Dr. Adolph Kohut. — Feuilleton: Die Tscherkessen-!>raut. V. Von I. Herzberg. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Priesen i. Westpr., Chemnitz, Dessau, Hannover, Dortmund, Köln, München, Stuttgart, Wien, Budapest. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. — Escellen. - Geschäftliche Notizen. Jur Fuge. W: Berlin, 19. Juni, enn inan in den Zeitungen der letzten Woche fast täglich die Metdlmg las: In Koilitz ist alles ruhig, dann wurde man unwillkürlich an das bekannte Bild des russischen Malers Wereschagin: „Am Schipka-Paß alles ruhig" erinnert. In seiner düsteren Tragik enthüllt das Gemälde ein Bild menschlichen Januners und endloser Vernichtung. Man könnte den Vergleich noch weiter führen, aber »'s wäre zwecklos, weil die Betrachtung auf Gebiete leiten würbe, die weit ab liegen von denen, auf welchen wir uns jetzt zu bewegen haben. Es handelt sich für uns darum, die augenblickliche Lage zu charakterisiren. Ein konservatives Blatt war es, das in dieser Woche in einem Leitartikel „Die Lchmach von Könitz" die Situation mit unerbittlicher Wahrheitsliebe beleuchtet hat. Mit Recht, so heißt es in jenem Artikel, dal man in Deutschland zur Zeit, da die Wogen der Dreyfus- Entrüstung am höchsten gingen, oft die Meinung gehört, wir Deutschen hätten eigentlich sehr wenig Grund pharisäerhaft auf unsere westlichen Nachbarn herabzusehen und den Stein der Verdammniß auf die Ungeheuerlichkeiten ihrer Rechtspflege -u werfen. Mit Recht bekämpft aber das konservative Blatt diese falsche Meinung, mit Recht betont es, und wir schließen uns dieser Meinung völlig an, daß unsere gesammte Rechtspflege hocherhobenen Hauptes auch deu kleinsten Schatten des Borwurfs von sich weisen kann. Sie läßt sich niemals durch irgend ein anderes Motiv bestimmen, als die des Rechts und der Gerechtigkeit. An diesem Satze müssen wir festhalten, wie an eineni Kanon, sonst geräth alles ins Wanken; selbst Urtheile, die uns hart erscheinen möchten, dürfen wir in keinem anderen Änne als in dem vorhin angedeuteteu auffasseu. Ganz anders liegt jedoch die Sache, wenn man ebenfalls ]\xx Zeit des Dreyfusprozesses auf den sittlichen Standpunkt hingewiesen hat, auf dem das Volk der Menschenrechte, die Erben der Ideale von 1789, angelaugt seien und auf die Verheerungen, die ein wüster Rassenhaß in den Köpfen und Gemüthern angerichtet habe. Da giebt es nur einen Trost, den jenes konservative Blatt allen wahrhaft deutschen Patrioten empfiehlt: „Könitz ist ja glücklicheriveise nicht das deutsche Reich und seine Antisemiten nicht das deutsche Volt." Aber immerhin, was wir auch zur Aufklärung und zuui Tröste hören oder sagen können, wir haben jetzt auch auf deutschem Boden Szenen erlebt und Verirrungen beobachtet, vor denen der Geist der Jahrhundertwende schamvoll sein Haupt verhüllt. Für die Vertreter der Wissenschaft von der Völkerpsychologie, die ja aus jüdischem Geiste hervorgegaugen und in unserem Kreise ihre glänzendsten Vertreter gefunden hat, giebt es nichts Lehrreicheres als dw Entstehung und Ausbreitung dieser Epidemie in dem kleinen westpreußischen Städtchen und seiner Umgebung. Verschiedene Blätter haben in dieser Woche ein kurzes Verzeichniß von Nachrichten gebracht, bie anscheinend nach einem bestimmten System hintereinander in Könitz verbreitet und nicht oder doch nur ungenügend widerlegt oder dementirt worden sind. Sofort nach der Ermordung des Obertertianers Ernst Winter verbreitete man die Mittheilung, daß bei einer Durchsuchung des Synagogengrundstücks ein Behälter mit Blut beschlagnahmt und nach Berlin zur chemischen Untersuchung, ob es sich um Meuschenblut handle, gesandt worden sei. In Wahrheit hat der Kreisphysikns bei Gelegenheit der amtlichen Durchsuchung aus dem Synagogengrundstück aus der offenen Geflügelschächtstelle eine Probe Blut entnommen, alsbald aber durch Untersuchung des Blutes festgestellt, daß es Geftügelblut sei! Daß dieses Blut nach Berlin gesandt worden, ist unwahr, aber in Könitz lvird noch heute allgemein geglaubt, daß man ein Fläschchen mit Menschenblut in der Synagoge gefunden habe. Kurz darauf verbreitete die antisemitische Presse, am Tage des Mordes hätten sich viele auswärtige Juden, darunter mehrere Schächter, in Könitz eingefunden. Die Mittheilung klärte sich dahin auf, daß damals in der Nähe von Könitz Pferdemarkt war; dagegen wurde nur die Anwesenheit eines einzigen fremden Schächters aus einem Nachbarort festgestellt, der sich über den Grund seines Aufenthalts in der Stadt in glaubhafter Weise ausweisen konnte. Nun ging nian gegen einzelne Inden vor. Was da an Denunziationen, Verleumdungen und Lügen geleistet worden, grenzt geradezu ans Unglaubliche. Fast alle Verdachtsmomente aber, die von den Antisemiten erhoben wurden, haben sich bisher als belanglos oder unrichtig herausgestellt: die Aussage des Gärtnerlehrlings, der am Mordtage bei einem jüdischen Fleischer einen Strauß im Namen Winters abgegeben haben soll, die Aussage eines

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