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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-03-15 · Heft 32 (15.3.1838) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 32 (15.3.1838)
Date
1838-03-15
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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127 „Ich habe Sie langst zu sprechen gewünscht, sagte das holde Mädchen, besonders um von jener hohen Frau, meiner mütterlichen Freundin reden zu können, auch nebenbei zu erfahren, ob nach meiner Entfernung eine kleine Lücke in dem schönen Kreise geblieben, und wie sie ausgefüllt worden. Ich bin hierauf so eitel/' „Die Lücke war so groß, daß sich die getrennten Theile nicht wieder zusammenfanden, antwortete Jonathan. Ihre Tante begab sich bald darauf auf ihren Landsitz, und ich ward von dem Bestreben, die letzten Monate meiner Universitätsjahre bestens zu nutzen, ganz auf mich selbst beschrankt. Doch habeich das Glück gehabt, vor meiner Abreise die verehrungswürdige Dame noch einmal zu sehen, und viele Grüße mit hierhergebracht." „An mich?" „So ist's." „Und warum haben Sie sich dieser Last nicht entbürdet, warum haben Sie mir nicht überliefert, was mir gehörte?" „Wußte ich, ob der Werth der Botschaft dem Unwerthe des Boten gleichkommen würde?" „Da haben Sie beide zu gering angeschlagen, und ich habe unter diesem Jrrthume gelitten. Es ist gut, daß wir hierauf gekommen. Werden Sie unser Haus gar nicht besuchen?" „Ach Gott, Sie wissen, Fraulein, unter welchen eigentümlichen Verhältnissen wir beide hier stehen. Ich bin schon glücklich, daß Sie mich nicht vergessen zu haben scheinen. Wenn ich aber dürste, wozu, die Sehnsucht mich nur zu oft ermuntert, wäre es Ihnen gestattet, mich zu empfangen?" „Jonathan, siet Julie hier rasch und betonend ein, ich bin frei. Sie aber befinden sich in Banden, von denen der starke Mann sich frei machen sollte. Was ich empfinde, worüber wir uns schon itt H. klar geworden, gibt mir ein Recht, so zu sprechen. Ich glaube, Sie leben im Götzendienste; ob gezwungen oder ungezwungen, weiß ich freilich nicht. Entschuldigen Sie meine Dreistigkeit, der Muth kommt mir aus dem Herzen." „Und wer hat Sie so gelehrt zu sprechen, Julie? Kennen Sie das, was Sie mit diesem schrecklichen Ausdrucke belegen, und worin Sie mich befangen glauben, genauer? " „Sie ist freilich nnr wie der Klang eines Wiegenliedes, und dann wie ein Gemurmel aus der Ferne zu mir gekommen, die Kunde vom alten Judenthume. Es vermischt sich damit die Stimme meiner früh verblichenen Mutter, nach deren Tode mein Vater unsre jetzige Stellung eingej nommen. Aber was sich mir zufällig davon von Zeit zu Zeit aufgedrangt, kam immer in so abschreckender Gestatt zu mir, daß die Meinung, die mir mein Vater davon gegeben, nur bestärkt worden ist. Ich achte und liebe die mosaische Religion über Alles, weil ihre Lehre mit meinem Verstände übereinkommt, und mein Herz sich darin beruhigt und befriedigt fühlt — hat aber diese mit dem Judenthume, diesem Produkte des Mittelalters, etwas zu thun?" „So viel, mein Fräulein, als der Wein mit dem Gefäße, in welches er gefaßt ist. Mag immerhin das Gefäß im Laufe dep Zeiten und Schicksale seine Beuten und Flecke bekommen haben, werden Sie aber darum das Gefäß ganz und gar zerschlagen wollen, und den edlen Inhalt so dem Sande preisgeben?" (Fortsetzung folgt.) Corresp'onderizen, Auszüge, Repliken. I^ettres IsarpliatihueZ. (Schluß.) Ich komme zur Sache. Der unbekannte, nur muthmaßlich genannte Verfaffer der zarphatischen (d. h. französisch-jüdischen) Briefe hat jene Rolle für die französischen Juden übernommen. Wie gesagt, ich will über die von ihm vorgeschlagenen Mittel, dem Judenthume in Frankreich aufzuhelfen, nicht urtheilen taber seine innige, wahre Liebe zu der Religion seiner Väter, die tiefe Bekümmerniß, die er über den Verfall derselben empfindet, macht ihn sehr achtbar — obgleich sich dies in den letzten Briefen zu einer tadelnswerthen Bitterkeit gestaltet hat: wie dies gewöhnlich heftigen Gemüthern zu gehen pflegt. Ich will jetzt nur die partherlose Aufgabe des Referenten übernehmen, und werde den Inhalt der bedeutendsten der neun Briefe, die bis jetzt erschienen sind, geben. Dex erste Brief erschien am ersten Januar 1821.. Damit ich aber den Lesern mit einem Male den Hauptinhalt dieses ersten Briefes gebe, so ist es die Forderung, nicht den Sabbat vom Sonnabend auf den Sonntag zu verlegen, sondern neben dem hebräischen Gottesdienste am Sonnabend, auch einen französischen am-Sonntag zu halten, für alle, die dem erstern nicht beiwohnen können oder wollen!-Sehen wir, wie er dies begründet. — Die Erziehung, sagt derVerf., ist eine dreifache: die körperliche, durch die Gymnastik, die geistige, durch die Miffenschaft, die moralische,durch die Religion. Die Religion entwickelt den moralischen Menschen, indem sie ibm die Belohnung der Tugend, die Bestrafung deS Lasters vorstellt. Das Mittel der Religion ist der CultuS: Gebete, Feste, Ceremonien bilden den CultuS. Durch diese muß die Schwache des menschlichen Geistes unterstützt werden. Eine Religion ohne Cultus ist nicht dem Ungestüm der Leidenschaften gewachsen, die sich um das Gewiffen des Menschen bewegen. Die Religion ist in Wirklichkeit unveränderlich, der Cultus ist veränderlich. Das Klima, die Sitten und der politische Zustand sind die drei Elemente, von denen er abhängt. Den Bewegungen dieser drei Elemente muffen die Veränderungen des Cultus analog sein. Würden diese Ele-

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