Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 32 (15.3.1838)
- Date
- 1838-03-15
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
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128 mente verändert, ebne bng der Cultus biegsam wäre, so entstände I üetS — ein Bruch. Heftige Stürme, die von außen kommen, Ver-! folgungen, erheben, erhalten, stärken die Religion, aber die fortdauernden Hemmnisse eines unbequemen Cultus, diese schwachen inneren Erschütterungen, untergraben ihn heimlich und bereiten seinen Stur; vor. — Jetzt geht der Verfasser die Geschichte des CultuS unserer Religion durchs und zeigt denen Modificationen in den Zeitaltern. Er'fährt fort: Ehemals bildeten wir überall kleine Massen von Individuen, bekannt unter dem Namen von Gemeinden, eine Art kleiner Staaten, freilich ohne Grundeigenthum, aber mit feinen Gesetzen, seiner Polizei, seinen Behörden, seiner Justiz, selbst mit seinen Ungerechtigkeiten, Verationen, wie anderswo. In diesen Gemeinden, isolirt in der Mitte der großen euroj patschen Gesellschaft, deren Dasein sie bisweilen durch schmerzhafte Berührungen fühlte, ohne sie zu kennen, begegnete man nur vier Klassen von Individuen. Die einen, die arbeitenden und producirenden, die Kapitalisten und Handel Treibenden; die anderen, die Meditirenden und Consumirenden, die Theologen; endlich vielleicht die zahlreichste Klasse, die Armen und Bettler. Dies gab der ganzen Republik eine einförmige Gestalt; Meinungen, Geschmack, Leiden, Vergnügungen, Arbeiten, Erholungen, Alles war gemeinsam: waö man in einer Familie that, that man in der andern auch; wenn ein Israelit ruhte, konnte ganz Israel mit ihm ruhen. Von allem diesem ist nur noch das Angedenken übrig, und auch dies wird schon schwach und falb. Seitdem das edle Frankreich die Fesseln gebrochen, haben die Mitglieder der Gemeinden den Platz glücklichen Bürgern eines solchen Vaterlandes eingeraumt. In den dreißig Jahren der Emancipation, sind Jahrhunderte über uns weggegangen. Unsere Neigung, unsere Abneigung, alles ist verändert. Sociale Interessen aller Art vereinigen christliche und, jüdische Familien. Dem Sectengeist ist der Gemeingeift gefolgt. Mancher Familienvater ist in dem RabbiniSmuS mit seinen scheuen Sitten geblieben, dessen Sohn mit Tapferkeit in unfern Regimentern dient. Endlich Alleö hat seine Richtung verändert, nichts ist dem herrschenden Einflüsse entgangen, außer der CultuS, der sich immer noch in seiner alten Haltung durch die europäische Civilisanon hinzieht. Dennoch steht hier daS Leben der Schule grell gegenüber. Man^unterrichtet das Kind, daß es die Ruhe des Schöpfers feiern müsse, daß aber dieö nur am Sonnabend geschehen könne, wenn aber das Kind an diesem Tage die Comptoire der Bankiers, die Niederlagen der Kaufleute, die Werkstätte der.Fabriken, die Bureaux der Behörden, die Elasten der Collegien besucht, so wird eö hier eine Menge Israeliten finden, die mit vielem Fleiße arbeiten, ohne im Mindesten über ihr Seelenheil unruhig zu scheinen. Welcher Eindruck wird in dem scharfsinnigen Geiste des israelitischen Kindes hiervon zurückbleiben^ welchen Einfluß wird zukünftig aller religiöse Unterricht haben i Die religiöse Erziehung ist eine Art Kapital, auf das Haupt des Kindes^ gesetzt, das sein ganzes Löben hindurch die Interessen davon der menschlichen Gesellschaft bezahlt. Da darf denn nicht ein zu starker Gegensatz zwischen der Lehre und der Wirklichkeit Statt finden; die Schul- und die bürgerliche Welt dürfen nicht ganz verschieden sein. Dieser Gegensatz, und cs gibt noch mehre dergleichen, wird allein schon binreichen, um die Religion zu vernichten, wenn man ihr nicht bald zu Hilfe kommt. Der mächtigste Hebel des Cultus ist das öffentliche Gebet. Unglücklicher Weise findet ein feierlicher Gottesdienst nur am Sonnabend und in hebräischer Sprache Statt. Dieser Tag und die von den Frauen nicht gekannte und von den Männern vergessene Sprache schließen eine große Zahl unsrer Jünglinge «und ganze Familien von aller Teilnahme an der öffentlichen Ausübung des Cultus aus, dergestalt, daß die thatigste, die unterrichtetste Klaffe der Israeliten, deren Beschäftigungen und Zeit nach dem europäischen Leben gerichtet find, von'einer Art religiösen Excommunication betroffen sind. Diese Stellung würde, meint der Verf., wenn sie länger dauerte, bald,alle religiöse Erziehung unmöglich und unfruchtbar machen. Glücklicherweise bietet sich ein leichtes Mittel dar, ihr zu entgehen, nemlich: in unfern Tempeln den Gottesdienst am Sonntage in französischer Sprache zu halten, für die Israeliten, die am I Sonnabend dem alten in hebräischer Sprache nicht beiwohnen! konnten: beide Gottesdienste schlössen sich nicht unS, der Sonnabend bliebe wie vorher. Da man auch Feste bat, die man wegen astronomischer Zweifel zwei Tage feiert, so könnte hier dies als Vorgang bezeichnet werden. Um dies ins Werk zu setzen, mögen sich in Paris, Metz, Straßburg, Marseille, Bordeaux israelitische Vereine bilden, eben so wie die Christen Bibelgesellschaften gebildet, auS Freunden der Religion. Diese sollten den Consistorien die Frage vorlegen, ob cs vorzuziehen, daß Civil- und Militärbeamte, Schulmänner, Fabnkanlcn, Arbeiter :c. von allem Gottesdienste ausgeschlossen sein sollen, oder ob man den Gotr unsrer Vater in der Nationalsprache am Nationalruherage verehren solle? j ob die Irreligion weniger gelte als ein religiöser Gebrauch, der neu sei? — Von der Lösung dieser Frage erwartet Tsarphati einen neuen Impuls der israelitischen Religion. — Diesem ersten Briefe fügt der Vers, einen Entwurf über die Errichtung einer israelitischen Gesellschaft der Freunde der Religion, hinzu, den ich in der wörtlichen Uebersehung noch hierhersetzeu will. Art. I. Die Gesellschaft der Freunde der Religion hat in ihren Bemühungen den Endzweck, die religiösen Gefühle unter den französischen Juden zu erhalten und zu vermehren. Art. II. Die Gesellschaft fordert von der Regierung für ihre Arbeiten dieselbe Protection und Autorisation, die sie der Bibelgesellschaft, deren Zweck ein ähnlicher ist, bewilligt hat. Art. III. Der die Erhaltung der Religion den CultuS und den ersten Unterricht in Uebercinstimmung mit denn europäischen bürgerlichen Leben und den Bedürfnissen der industriellen Klasse verlangt, so verpflichten sich die Mitglieder, ihre Mittel der Wiederherstellung dieser Uebercinsiimmung, die nicht mehr e,ristirr, zu widmen. Art. IV. Um dies zu bewirken, wird sich die Gesellschaft an > das Departemcntalconsistorium wenden, wegen Zulassung eines europäischen Gottesdienstes, der in unfern Tempeln, alle Sonntage in französischer Sprache, gefeiert wird, für die Israeliten, denen ihre Beschäftigungen nicht erlauben an dem hebr. Gottesdienste am Sonnabend Theil zu nehmen. Art. V. Dieses Gesuch soll wenigstens von dreihundert Israeliten unterzeichnet sein, die vcrheirarhet und französische Bürger sind.- Natürlich blieb es bei diesem Entwürfe. Ich war mit Absicht in der Darlegung des Inhalts dieses ersten Briefes etwas weitläufig, weil dies die Grundlage ist, auf welche die folgenden sich stützen. Nächstens das Weitere. D. R. Bemerkung. Der Text des ersten der in voriger Woche mitgetheilten „zwei theologischen, Briefe" ist ohne Veranlassung der Redaction, durch eigenmächtiges Verfahren des Cörrectors, der deshalb entlassen worden, verunstaltet. — In dem zweiten Briefe sind folgende Druckfehler: S. 102. Sp. 1. Z. 7. l. ernsten, Z. 2, v. u. l. berührt. Sp. 2. A. 5. v. o. l. vegetativ. S. 103. Sp. 1. I. 10. l. Gleicherweise. Magdeburg. Die Redaction. Redactcur: Dr. L Philippfon. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.