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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-15 · Heft 24 (15.6.1900) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
Seite 286 (sequence 12)
Language
German
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286 Hin und wieder hat wähl ein Dichter und ein Komponist eine machtvolle Gestalt wie Athalia, Judith, Debora und die Mutter der Makkabäer zu einem wirksamen Bühnenstück oder Tougemälde verwendet und ist ihren! Charakter gerecht geworden; dagegen den bildenden Künstlern ist es stets mehr darum zu thnn gewesen, die sinnliche Schönheit des Weibes zur Geltung zu bringen, und wenn sie alttestamentliche Frauen zum Gegenstand ihrer Kunstwerke machen, so wühlen sie mit Vorliebe die verrufensten unter denselben, die üppigen Buhlerinnen und schlauen Lockvögel, wie das Weib des Potiphar und Delila, oder auch die um ihrer Schönheit willen vergewaltigten Opfer, wie Bathseba, Thamar u. A. Und doch bietet gerade das alte Testament eine mannigfaltige Reihe hochinteressanter, ungewöhnlicher weiblicher Charakteure, welche sowohl um ihrer edlen Eigenschaften als unr ihrer Originalität und Kraft willen an das Licht gezogen, resp. in das rechte Licht gestellt zu werden verdienen. Für diese Prachtexemplare charaktervoller Frauen möchte ich die Beachtung aller Gegner und die Würdigung aller Freunde der Emanzipation zu gewinnen suchen. Beginnen nur mit der großartigen syrnbolischen Gestalt unserer Urnmtter Eva. Ihr Name bedeutet die „Lebendige"; sie leuchtet aus tiefstem mythischem Dunkel hervor wie ein strahlender Stern. Ich weiß, es lvird ein allgemeines Schütteln des Kopfes Hervorrufen, daß ich Eva als Symbol der modernen Frau bezeichne. Gilt sie ja doch bei der ganzen Welt als das Urbild des Weibes überhaupt und damit auch als die vorbildliche Verkörperung der Charakterlosigkeit und Schwachheit, welche man dem weiblichen Geschlecht zwar einerseits immer vorwirft, aber andererseits nichts destoweniger für einen seiner besonderen Reize erklärt. Demnach wäre Mutter Eva eigentlich das vollendete Musterweib; denn scheinbar besaß sie alle jene so überaus reizvollen Eigenschaften, die mit der Charakterschwäche verbunden sind: Urtheilsunfähigkeit, Vertrauensseligkeit und leichte Zugänglichkeit für alle möglichen Eindrücke und Einflüsse. Im Verlauf ihrer Geschichte aber tritt der wahre Kern ihres Wesens, ein fester Wille und ein starker Muth zu Tage. Der Schöpfungsbericht schildert in der That Eva als das erste denkende und handelnde menschliche Wesen. „Wenn ein Weib denkt, so denkt es Arges" und „wenn ein Weib handelt, so stiftet es Unheil" behauptet noch jetzt die Volksweisheit in zahlreichen Sprichwörtern. Dieser Vorwurf ist auch der armen Eva gemacht worden. Sie soll eine Rebellin gegen Gottes Gebot, eine Verführerin des Mannes und Verderbenbringerin für die ganze Menschheit gewesen sein. Die griechische Eötterlehre liefert bekanntlich in ihrer Pandorasage ein Seitenstück zum mosaischen Sündenfallnlythus, und noch gegenwärtig haben Sprachforscher unter einem Negerstamm in Afrika den überlieferten Glauben vorgefunden, daß der Tod durch ein Weib in die Welt gekommen sei?) y Warum die Menschen sterben. Ursprünglich lebten auf der Erde zwei Menschen, eine Frau Mbaela-und ein Mann Kassangiro. Diese bekamen sieben Kinder: Katonga k. Diese heiratheten und hatten Kinder, die wieder Kinder bekamen. Der Mann wollte Medizin machen, daß alle Leute leben bleiben sollten. Die Fran sagte aber, es sei besser, wenn die Menschen stürben, denn sonst würden sie keinen Platz für ihre Felder und kein Holz finden. So starben denn diese Aeltesten. (Sage der NhanNvezi, eines Bantuvolkes südlich vom Victoriasee. Aus: „Geschichten und Lieder der Afrikaner, ausgewählt und verdeutscht von A. Seidel.) Die Zahl der Köpfe, die dieses Dogma verrückt hat, kann nur ein Gott zählen, der da weiß, wie viele Tropfen das Weltmeer enthält! So unsinnig in seiner obsoluten Grundlosigkeit, so ungeheuerlich in seiner Ungerechtigkeit diese Anschauung auch ist, sie hat dennoch Jahrtausende überdauert, sie genießt sogar noch heute bei vielen Buchstaben-Gläubigen das Ansehen einer Offenbarung. Wir modernen Menschen aber, die wir unsere Vernunft nicht länger von einem blinden Glauben unterdrücken und abtöten lassen, ivir sollten jetzt endlich einmal mit diesem Grnndirrthnm aufräumen, der besonders für das weibliche Geschlecht so verhängnißvoll geworden ist. Die Gestalt des ersten Weibes steht so erhaben da, wie keine zweite in der Geschichte und Dichtung. Keine Todnnd Verderbenbringerin ist Eva. sondern eine Leben- und Lichtspenderin, keine Pandora, sondern ein weiblicher Prometheus. Man vergegenwärtige sich einmal die biblische Darstellung von de», Urzustände des ersten Menschenpaares. Es lebte angeblich in kindlicher Unwissenheit, Unbefangenheit. Schuldlosigkeit nnd Glückseligkeit ein schattenlos ungetrübtes und zugleich völlig uuthätiges Schlaraffenleben; eine Beschreibung, welche Darwins Lehre von den Stammeltern der Menschheit zu rechtfertigen sehr geeignet ist. Unser erstes Elternpaar stand also noch tief unter dem geistigen Standpunkt eines etwa dreijährigen Kindes, denn ein solches kennt doch bereits die wechselnden Empsindungen von Freude und Leid, es hat eine Vorstellung von Wachsthum und Vervollkommung, von Recht und Unrecht; es hat an den erwachsenen Menschen Vorbilder vor Augen, deren Beschaffenheit zu erlangen ihm als wünschenswerthes Ziel vorschwebt. Den lebendigen Odem, das ist die Seele, theilten Adam und Eva ja mit der übrigen Kreatur; wo aber war der menschliche Geist, worin lag die ihnen zugeschriebene Gottebenbildlichkeit, da ihnen das einzige Kennzeichen derselben, das Unterscheidungsvermögen von Gut und Böse fehlte? Was sollten ihnen die Ansprachen und Unterweisungen des Herrn nützen, die sie durchaus nicht verstehen konnten; wie sollten sie den angedrohten Tod fürchten, da sie noch nicht einmal einen Käfer hatten sterben sehen? Die Schrift erzählt, daß Gott alsbald nach der Schöpfung seinen Ebenbildern die Aufgabe gestellt habe, sich zu mehren, die ganze Erde zu bevölkern und über alles Gethier sowie über alle Schütze der Natur zu herrschen. Aber wie wäre dies möglich geivesen, da nach der Auffassung Mosis die Vermehrung solvohl >vie der Tod erst als eine Folge des gebrandmarkten Sündenfalles gelten soll? Ist die erstere überhaupt ohne den letzteren möglich? Ist eine endlose Vervielfältigung ohne Abgang, ein ewiges Werden ohne Vergehen denkbar? Der Tod ist eine Natnrnothwendigkeit und kein Unglück, die Arbeit ii» Schweiße des Angesichts ist ein Segen und kein Fluch, das Streben nach Wissen nnd Erkenntniß ist der höchste und edelste Trieb im Menfchen; worin liegt nun also des ersten Menschenpaares Schuld am Verderben ihrer Nachkommenschaft? tFortsetznng folgt.) Jscjj^K

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